Pressekonferenz, 26. August 2010, Veröffentlichung der Studien zu den Migrantengruppen aus Portugal, Türkei, Kosovo und Somalia/Eritrea

Sprechnotiz von Mario Gattiker, Vizedirektor BFM

Reden, BFM, 26.08.2010. Es gilt das gesprochene Wort

Sehr geehrte Damen und Herren

Mein Name ist Mario Gattiker, ich bin Vizedirektor im Bundesamt für Migration (BFM). Ich begrüsse Sie im Namen des BFM ganz herzlich zu dieser Veranstaltung und freue mich, dass Sie da sind. Speziell freue ich mich, dass viele Vertreterinnen und Vertreter der Migrantenmedien den Weg hierher ins Medienzentrum gefunden haben. Mir ist bewusst, dass etliche von Ihnen heute extra frei genommen haben und im Rahmen eines privaten Engagements hierher gekommen sind. Herzlichen Dank an alle.

Mit den Diasporastudien vermitteln wir kompaktes, gut verständlich geschriebenes Wissen zu Herkunft, Kultur und Lebenssituation der jeweiligen Bevölkerungsgruppe. Dieses dient allen Personen, die im beruflichen oder privaten Alltag mit Personen aus diesen Herkunftsländern Kontakt haben. Ob sie jetzt Lehrer oder Lehrerin sind und erstmals ein somalisches Kind in Ihrer Klasse haben, oder ob sie Arzt sind und einen kosovarischen Patienten behandeln. Mit dem entsprechenden Handbuch erhalten Sie gebündelt und stringent Auskunft aus einer Hand. Ich bin deshalb überzeugt, dass der getätigte Aufwand eine sinnvolle Investition ist.

Bereits 2007 hat das BFM die Pilotstudie „Die srilankische Diaspora in der Schweiz“ herausgegeben. Die erfreulichen Reaktionen auf diese Publikation haben uns gezeigt, dass ein Bedürfnis für solche Studien vorhanden ist – und zwar sowohl von Fachleuten, als auch von Leuten aus der Bevölkerung, sei dies, weil man plötzlich tamilische Nachbarn hat oder sich schlicht und einfach für das Thema interessiert.

Informationsauftrag AuG (Art. 56)

Darüber hinaus sind die Publikationen auch im Lichte des Ausländergesetzes zu sehen. Seit 2008 verfügen wir über die gesetzlichen Grundlagen, die den Bund beauftragen, über die Ausländerinnen und Ausländer zu informieren.

Im Ausländergesetz wird Integration als gegenseitiger Prozess dargestellt. Wir stellen an die Ausländerinnen und Ausländer klare Erwartungen: Alle müssen beispielsweise unsere Gesetze respektieren. Auch die Kenntnisse einer Landessprache sind wichtig. Gleichzeitig möchten wir aber auch das Verständnis und die Verständigung mit der schweizerischen Bevölkerung fördern. Wir sind überzeugt, dass diese Studien hierzu einen Beitrag leisten, ich habe ja bereits die Beispiele mit der Lehrerin, dem Arzt oder dem Nachbarn erwähnt.

Sprache, Bildung und Arbeit

Das BFM hat 2006 eine umfassende Bestandesaufnahme zur Integration der ausländischen Bevölkerung gemacht und 2007 ein umfassendes Massnahmepaket zur Integrationsförderung durch die zuständigen Bundesstellen entwickelt, welches sich seither in Umsetzung befindet. Dabei wurde die Schwerpunktsetzung der Massnahmen klar auf die Bereiche Sprache, Bildung und Arbeit gelegt. Denn die Analysen haben klar gezeigt, dass sich Integrationsrisiken nicht aufgrund von Herkunft oder Religionszugehörigkeit ergeben, sondern aufgrund von sozio-ökonomischen Faktoren wie dem Bildungsstand, der beruflichen Situation oder der Wohnsituation. Oder einfacher ausgedrückt: Ein mehrsprachiger  Hochschulprofessor aus einem kulturell fernen Land wie Japan oder Nigeria hat in der Regel bessere Integrationschancen als eine Person ohne Ausbildung und Sprachkenntnisse aus einem Nachbarland.

Stereotypen begegnen und Netzwerke nutzen

Ein Ziel der heute präsentierten Studien ist es daher auch, hier den Blick zu schärfen und Stereotypen zu entgegnen. Es geht nicht darum, einzelne Bevölkerungsgruppen zu stigmatisieren, als besonders schwierig oder nicht-integriert hinzustellen.

Es geht auch nicht darum ein Ranking zwischen den vier in den Studien näher betrachteten Bevölkerungsgruppen zu machen.

Die Studien zeigen vielmehr auf, welche Umstände die Personen aus diesen verschiedenen Herkunftsländern prägen können. Dabei ist uns bewusst, dass die Studien die facettenreichen Wirklichkeiten immer nur bedingt wiedergeben. Sie verfolgen vor allem das Ziel, einen Überlick über die verschiedenen Migrantengruppen zu geben. Wie sind sie organisiert, welche Netzwerke bestehen? Für die konkrete Integrationsarbeit ist dies wichtig, gerade auch um die bestehenden informellen Kanäle zu nutzen, um Informationen und Beratung gezielt denjenigen zukommen zu lassen, die es benötigen. Im Anhang sind im Weiteren auch Adressen von Migrantenorganisationen in den verschiedenen Gemeinden und Kantonen aufgelistet. Dies gibt den zuständigen Stellen vor Ort eine Übersicht. Denn Integrationsprojekte sind schliesslich dann erfolgreich, wenn sie von Migrantinnen und Migranten gemeinsam getragen und umgesetzt werden.

Auswahl

Bei der untersuchten Migrationsbevölkerung handelt es sich um zahlenmässig bedeutungsvolle Bevölkerungsgruppen in der Schweiz. Portugal, Türkei und Kosovo befinden sich alle unter den Top Ten der grössten Migrantengruppen in der Schweiz. Personen aus Somalia machen aktuell (Ende Sept. 2009) 12,4%, Eritreer 4,1% der sich im Asylprozess befindenden Personen aus. Erfahrungsgemäss erhalten viele von ihnen einen ausländerrechtlichen Status, d.h., sie können sich längerfristig rechtmässig in der Schweiz aufhalten. Folglich sollen sie sich in der Schweiz integrieren, das heisst, am wirtschaftlichen, sozialen und gesellschaftlichen Leben teilhaben können.

Zur Vergabe der Aufträge

Die Aufträge zu den Darstellungen zu den Migrantengemeinschaften in der Schweiz aus der Türkei, Kosovo, Portugal und Eritrea/Somalia wurden 2008 an vier unterschiedliche Forschungsstellen bzw. Forschungsgemeinschaften vergeben.

Alle vier Studien sind bis Ende 2009 abgeschlossen worden.

Die vier Publikationen sind ähnlich aufgebaut. Neben den erwähnten Kapiteln zu Herkunftsländern, Migrationsgeschichte, Transnationalismus, Kultur und Religion, enthalten sie auch ausführliche Darstellungen zur sozio-demografischen Zusammensetzung der jeweiligen Bevölkerung in der Schweiz sowie zu deren sozio-demografischen Situation. Diese Kapitel sind natürlich auch für Integrationfachstellen von besonderem Interesse und liefern uns Grundlagen für unsere eigenen Tätigkeiten.

Unser Mandat, diese breite Vielfalt an Themen für grosse, heterogene Bevölkerungsgruppen zu beschreiben, stellte eine grosse Herausforderung an die Forschenden dar. Für alle vier Publikationen wurden keine quantitativen Primärdaten erhoben, sondern aus bestehenden Datensätzen und aus der Literatur Sekundäranalysen erstellt.

Die Forschenden haben die Auswertungen des statistischen Materials mit Erkennntissen aus zahlreichen (ca. 20) Interviews mit Fachleuten und Migrantinnen und Migranten aus den jeweiligen Herkunftsländern und aus Fokusgruppengesprächen ergänzt.

Die Zitate in den Studien heben interessante Aussagen hervor und gewährleisten, dass in den Forschungsarbeiten nicht nur über Migranten gesprochen wird, sondern diese auch selber zu Wort kommen.

Wir sind der Meinung, dass es den Forschenden durch die sorgfältige Auswahl und Kombination verschiedener Quellen gut gelungen ist, die schwierige Aufgabe zu meistern.

Die Forschergruppen sind heute hier anwesend und stehen Ihnen gerne anschliessend für Fragen zu den Erkenntnissen der Studie zur Verfügung.

Ebenfalls heute hier anwesend – und damit begrüsse ich Sie bestens – sind  fünf Personen, die zugleich Fachleute im Bereich Integration/Migration sowie Vertreterinnen und Vertretern der im Fokus stehenden Bevölkerungsgruppe sind. Sie werden uns ihre Einschätzungen der Erkenntnisse der Studien abgeben.

Vorher möchten wir doch aus allen vier Publikationen zwei „Highlights“ hervorheben, die uns als besonders interessant aufgefallen sind:

Les Portugais en Suisse

Rosita Fibbi (Projektleitung), Claudio Bolzmann, Antonio Fernandez, Andrés Gomensoro, Bülent Kaya, Christelle Maire, Clémence Merçay, Marco Pecoraro, Philippe Wanner, Schweizerisches Forum für Migrations- und Bevölkerungsstudien SFM in Zusammenarbeit mit Haute école de travail social Genève HETS)

Die Migranten aus Portugal sind nach den Migranten aus Italien und Deutschland die drittgrösste Ausländergruppe in der Schweiz. Trotzdem ist über diese Bevölkerungsgruppe allgemein wenig bekannt.

Was bei der portugiesischen Bevölkerung vor allem auffällt, ist ihre ausgeprägte „Rückkehrneigung“, d.h. die Idee der Rückkehr nimmt bei der portugiesischen Bevölkerung einen wichtigen Platz ein. Das Wanderungssaldo der letzten 15 Jahren ist negativ. Rund 70% der 1981 eingereisten Portugiesen sind im Verlauf der folgenden 25 Jahren in ihr Land zurückgekehrt. Auch im Vergleich zu anderen Migrantengruppen, wie zum Beispiel aus Italien und Spanien kehren viel mehr ausgewanderte Portugiesen wieder früher oder später in ihr Heimatland zurück. Interessanterweise sind auch Einbürgerungen bei dieser Migrantengruppe sehr selten (4 % an der Gesamtzahl der Einbürgerungen).

Heute zeichnet sich vor allem bei der zweiten und dritten Generation jedoch ein Wandel ab und immer mehr Portugiesen bleiben immer länger oder sogar definitiv in der Schweiz.

Auffallend ist bei dieser Migrantengruppe zudem der hohe Anteil der berufstätigen portugiesischen Frauen und Männer, die oft einer Vollzeitbeschäftigung nachgehen. Die berufliche Integration der Portugiesen ist demnach sehr gut und widerspiegelt sich auch darin, dass die Arbeitslosenquote der portugiesischen Bvölkerung tiefer als jene der ausländischen Bevölkerung insgesamt ist. Dies obwohl sie auch sehr häufig in Berufen mit geringen Qualifikationsanforderungen arbeiten, die generell von der Arbeitslosigkeit mehr betroffen sind.

Diaspora und Migrantengemeinschaften aus der Türkei in der Schweiz

Katharina Haab, Claudio Bolzman, Andrea Kugler, Özcan Yılmaz (Swiss Academy for Development SAD in Zusammenarbeit mit dem Centre de recherche sociale der Haute école de travail social Genève CERES)

Die Bevölkerung aus der Türkei stellt die sechstgrösste Migrantengruppe der Schweiz dar. Die Migrantinnen und Migranten mit türkischer Staatsbürgerschaft leben vor allem in der Deutschschweiz, die meisten davon sind bereits seit langem (1960er Jahre) in der Schweiz.

Besonders interessant ist, dass es unter den Migranten aus der Türkei auffallend viele Personen gibt, die sich selbstständig gemacht haben. Die häufigsten Geschäfte sind Imbissbuden, Restaurants, Quartierläden und Reisebüros. Meistens werden sie als Klein- und Familienbetriebe geführt. Viele Personen aus der Türkei entscheiden sich wegen fehlender Möglichkeiten auf dem Arbeitsmarkt für eine selbstständige Tätigkeit. Ein weiterer Grund ist der nicht erfüllte Traum einer selbstständigen Existenz in der Türkei, der sich nun im Aufnahmeland verwirklicht.

Weiter fällt auf, dass die Migrantenvereine für die türkische Bevölkerungsgruppe offenbar eine besonders wichtige Rolle für die Integration einnehmen. Sie bieten eine Anlaufstelle für Neuankömmlinge, vermitteln Informationen und nehmen häufig eine Brückenfunktion zwischen Migranten und Behörden wahr.

Die kosovarische Bevölkerung in der Schweiz

Barbara Burri Sharani (Projektleitung), Denise Efionayi-Mäder, Stephan Hammer, Bernhard Soland, Astrit Tsaka, und Chantal Wyssmüller (Hochschule Luzern – Soziale Arbeit HSLU – SA in Zusammenarbeit mit dem Schweizerischen Forum für Migrations- und Bevölkerungsstudien SFM)

Bei dieser Forschung lag die Schwierigkeit vor allem darin, dass die Studie sich in vielen Teilen mit Schätzungen begnügen musste. Die amtliche Statistik ist in nationalstaatlichen Kategorien organisiert und hat bis vor kurzem nicht ausgewiesen, wenn Personen serbischer Staatsbürgerschaft aus Kosovo stammen. Gerade eine quantitative Beschreibung dieser Gruppe ist deshalb nur annäherungsweise möglich.

Seit Mitte der 1960er-Jahre wandern Menschen aus Kosovo in die Schweiz ein. Heute zeichnet sich die kosovarische Bevölkerung in der Schweiz durch einen hohen Anteil an jungen Menschen aus. Im Jahr 2007 waren rund 35% der Personen mit kosovarischem Hintergrund unter 18-jährig. Die meisten Kosovaren sind entweder bereits in der Schweiz geboren oder leben seit längerer Zeit hier.

Eine interessanter Aspekt der Studie ist auch, dass sich seit dem Ende des Konflikts die Angehörigen dieser Bevölkerungsgruppe vermehrt mit ihrer Zukunft in der Schweiz auseinandersetzen. Auch die Vereine widmen sich heute vermehrt den Fragen zur Integration in der Schweiz. Diese Tendenzen lassen erwarten, dass sich der Integrationsprozess der Kosovaren demjenigen der Italiener und Spanier angleicht. Davon würden vor allem Kinder und Jugendliche profitieren.

Die somalische und eritreische Diaspora in der Schweiz

Philipp Eyer, Régine Schweizer (Autoren), Christine Müller (Projektleitung) (Schweizerische Flüchtlingshilfe SFH)

Über die Personen aus diesen beiden Herkunftsländern gibt es in der Schweiz bisher wenig Literatur. Mit unserer Publikation schliessen wir eine Lücke und entsprechen einem besonderen Bedürfnis.

Die Publikation zeigt, dass die zwei Gruppen nur wenige Gemeinsamkeiten haben. Die Besonderheiten werden gerade durch die „Gegenüberstellung“ deutlich. So stellen die Eritreer beispielsweise eine durch ethnische, sprachliche, kulturelle und religiöse Vielfalt geprägte Gesellschaft dar, während die somalische Gesellschaft im Vergleich eine ethnisch und religiös „homogenere“ Sozialstruktur aufweist.

Sehr interessant scheinen uns auch die Darstellungen zum Rollenverständnis und wie dieses durch die Migration ins Wanken gerät. In beiden Ländern sind die Geschlechterrollen mehrheitlich von einer traditionellen und patriarchalischen Gesellschaftsstruktur geprägt. Im Aufnahmeland dagegen verlieren die Männer durch Arbeitslosigkeit und schlecht bezahlte Arbeit ihren Status als Familienoberhaupt, da die Frauen zur finanziellen Unterstützung einer Arbeit nachgehen. Gerade bei somalischen Familien führen diese Umstände im Exil vermehrt zu Ehescheidungen.