Ich habe noch nie gehört, dass Couchepin Villiger sagt, er sei schön angezogen

Bundesrätin Ruth Metzler über das richtige Outfit, die noch nicht erreichte Gleichstellung und einen Rat von Arnold Koller

Interviews, EJPD, 09.03.2003. Sonntags Zeitung (Eva Krähenbühl, Adrian Schulthess und Denis von Burg)

«SONNTAGS ZEITUNG»: Frau Metzler, am Dienstag sind es vier Jahre her seit Ihrer Wahl in den Bundesrat. Damals, 1999, wurden Sie als Jungstar gefeiert. Heute sind Sie oft die Buhfrau. Gibt es Momente, in denen Sie bereuen, Bundesrätin geworden zu sein?

RUTH METZLER-ARNOLD: Nein. Im Innern bin ich der gleiche Mensch geblieben. Jetzt bin ich einfach vier Jahre älter. Damals war ich 34, heute bin ich 38.

Die Begeisterung über den Metzler-Effekt ist der Ernüchterung gewichen. Bei der letzten Bundesratswahl hiess es, man müsse einen zweiten «Fall Metzler» verhindern. Ihre Jugendlichkeit, Unverbrauchtheit werden Ihnen heute negativ ausgelegt. Trifft Sie das?

Ich nehme es zur Kenntnis. Wenn man mir damals den Vorwurf machte, ich sei zu jung, hat sich das ja zum Glück im Laufe der Zeit zu meinen Gunsten verändert.

Wie feiern Sie das vierjährige Jubiläum Ihrer Wahl am nächsten Dienstag?

Traditionsgemäss werden ich und Joseph Deiss, der gleichzeitig gewählt wurde, zusammen essen gehen. Dieses Jahr liegt es an mir, ihn einzuladen.

Was hat sich für Sie in den letzten vier Jahren geändert?

Als ich im Mai 1999 mein Amt antrat, begann die Kosovo-Krise. Hinzu kam eine voll beladene Session mit Geschäften, die ich von meinem Vorgänger übernommen hatte. Wenn ich zurückblicke, denke ich oft: Wie habe ich das damals nur geschafft? Die ersten zwei Monate waren sehr intensiv. Ich bin seither unabhängiger und selbstständiger geworden. Ich habe viel gelernt.

Das Gegenteil ist der Fall. Sie haben nichts gelernt, wenig Gespür für die Mechanismen der Politik entwickelt, sind eine unpolitische Technokratin geblieben.

Diese Kritik ist stereotyp und verliert, da immer von denselben Kreisen verbreitet, mit der Zeit an Glaubwürdigkeit.

Ihre Antworten klingen oft technokratisch. Man vermisst bei Ihnen die Visionen.

Wenn im Parlament technische Fragen gestellt werden, nehme ich sie ernst und antworte auf dieser Ebene. Ich verstehe nicht, dass man mir nachher zum Vorwurf macht, ich hätte keine Visionen. Für mich bedeutet Politik auch die Suche nach konkreten Lösungen. Mit grossen politischen Visionen allein macht man keine Politik. Politik ist für mich nicht nur eine Sache der grossen Worte, sondern Knochenarbeit. Man soll mich an meiner Arbeit messen.

Politik ist aber auch ein Spiel mit Symbolen und Macht Sie führen Ihr Departement wie eine Firma.

Richtig, auch Symbole gehören dazu. Wenn ich jedoch höre, dass ich mein Departement gut «manage», ist das sehr positiv. Politisieren und managen gehören bei meiner Aufgabe zusammen.

Wenn es darum geht, für politische Ideen zu kämpfen, scheuen Sie die Konfrontation. Sie weigerten sich, im Abstimmungskampf um die Asyl-Initiative auf einem Podium gegen SVP-Präsident Ueli Maurer anzutreten.

So ein Unsinn. Ich gehe doch nicht zu SVP Veranstaltungen, um die SVP von ihrer eigenen Initiative abzubringen. Ich scheue weder die politische Konfrontation mit Ueli Maurer, gegen den ich auch schon in der «Arena» angetreten bin, noch mit sonst jemandem. Nur so zur Show gehe ich nicht in den «Löwen».

Solche Auftritte im Säli des «Löwen» würden Ihrem Image aber nicht schaden, könnten sogar mithelfen, in Sachfragen zu gewinnen.

Ich will meine Abstimmungsvorlagen gewinnen und engagiere mich so, dass ich möglichst viele Menschen überzeugen kann. Stark fühle ich mich, wenn ich herausgefordert werde. Ich trete gerne an öffentlichen Veranstaltungen auf, aber nicht an jedem beliebigen Podium. Bei Abstimmungsvorlagen habe ich keine Hemmung, vorne hinzustehen. Der Bundesrat ist aber nicht einer von vielen Akteuren, man muss ihm eine Plattform geben.

Der Bundesrat soll im Meinungskampf eine herausragende Stellung haben? Es erstaunt, das von jemandem zu hören, der mit 35 Jahren Bundesrätin wurde.

Der Bundesrat hat eine spezielle Position zu vertreten. Auch im Parlament hat das zuständige Regierungsmitglied bei seinen Geschäften das letzte Wort. Das hat nichts mit Machtpolitik zu tun, sondern mit der Stellung, die der Bundesrat wahrzunehmen hat.

Dennoch hat man den Eindruck, Sie exponierten sich nicht gerne. Wo haben Sie bisher am meisten Herzblut vergossen?

Ihr Eindruck ist falsch. Nehmen Sie die Ausländervorlagen, die 18-Prozent- und die Asyl-Initiative. Da setzte ich viel persönliches Engagement ein.

Als Sie im Januar das Transitabkommen mit Senegal durchgeboxt hatten, feierten die Medien Sie als «Löwin» von Dakar. Hat Ihnen das geschmeichelt?

Ich habe getan, was ich konnte.

Das Abkommen wurde mit viel Medienrummel inszeniert, umso schmerzlicher muss es für Sie sein, dass die senegalesische Regierung das Abkommen Anfang dieser Woche platzen liess.

Nicht wir haben die Sache hochgehängt, sondern die Medien. Ich wurde von drei Journalisten begleitet, das ist weniger als üblich. Ich habe immer betont, dass die Abkommen mit Senegal und Nigeria wichtig sind, aber dass man sie nicht überschätzen darf. Sowohl der anfängliche Erfolg wie auch der Rückzug von Senegal wurden von den Medien über Gebühr hochgespielt.

Sie haben diese Woche noch eine zweite Niederlage erlitten. Der Ständerat schickte Ihre Staatsleitungsreform bachab und entschied sich, den Bundesrat von sieben auf neun Mitglieder aufzustocken.

Ich werde mich weiterhin für das Modell mit sieben Bundesräten und sieben Delegierten Ministern einsetzen. Dieser Vorschlag des Bundesrats überzeugt mich mehr. Sollte im Parlament die Neuner-Lösung durchkommen, müsste der Bundesrat die Lage neu analysieren.

Dann schwenken Sie einfach um und setzen sich für Neun statt sieben ein?

Dazu will ich mich heute nicht äussern. Klar ist, dass sich der Bundesrat und die meisten Parteien 1999 gegen ein Neuner-Modell ausgesprochen haben.

Zurück zur Asylpolitik. Sie haben auf Anfang April zu einer nationalen Konferenz eingeladen. Die Initiative kam von der Stadt Zürich. Was schlagen Sie an der Konferenz vor?

Sie scheinen nicht gut informiert zu sein. Bereits letzten Herbst habe ich Überlegungen gemacht, eine Asylkonferenz zu organisieren. Diese Idee habe ich mit den Regierungsräten der Kantone im Februar besprochen und einen Beschluss gefasst. Konkret sollte man an die Konferenz, zu der die Kantone, Städte und Flüchtlingsorgaisationen eingeladen sind, keine zu hohen Erwartungen haben. Es werden keine Entscheide gefällt.

Zürich und andere Städte haben aber zu dieser Aussprache gedrängt. Jetzt nutzen Sie die Konferenz, um Ihre Asylgesetzrevision und die Sparmassnahmen im Asylbereich durchzupauken. Werden Sie keine neuen Ideen präsentieren?

Nein. Sonst hätte ich ja meine Arbeit bei der Asylgesetzrevision nicht gemacht. Es soll eine breite Aussprache - auch über die Sparmassnahmen - geben, also eine Plattform für eine asylpolitische Diskussion.

Die Streichung der Fürsorgeleistungen für einen Teil der Asylbewerber ist keine neue Idee, sondern eine Reaktion auf das Spardiktat des Finanzministers.

Das ist nicht nur eine Sparmassnahme, sondern hat zum Ziel, dass diejenigen, auf deren Asylgesuch nicht eingetreten wird, unser Land verlassen. Die Idee ist nicht neu, das ist richtig. Aber jetzt ist die Zeit reif dafür. Noch vor zwei Jahren wäre diese Massnahme breit abgelehnt worden. In der Politik ist es eben auch wichtig, zu spüren, wann der richtige Zeitpunkt gekommen ist, etwas zu realisieren oder vorwärts zu bringen.

Fällt das Arbeitsverbot, wie es der Stadtrat von Zürich fordert?

Nein. Es bringt nichts, Asyl Suchende vom ersten Tag an arbeiten zu lassen. Es gäbe schlicht zu wenig Jobs. Die Forderung schiesst am Ziel vorbei. Sie bringt nichts, ausser einer unerwünschten Signalwirkung. Die Aufhebung des Arbeitsverbots wäre ein Signal an diejenigen, die missbräuchlich ein Asylgesuch stellen, um hier arbeiten zu können.

Sie setzen auf Effizienz, gelten als gute Managerin und Verwalterin. Mehr nicht. Das ist typisch für die McKinsey-Generation.

Für McKinsey habe ich nie gearbeitet. Ich begann meine Berufskarriere bei der Schweizerischen Treuhandgesellschaft, die später, mit Coopers & Lybrand zusammenging. Danach fusionierte die Firma mit PriceWaterhouse.

Wir meinten damit: Sie sprechen von Politik wie von einem Job. Politisch lassen Sie das Fingerspitzengefühl manchmal vermissen. Letzten Sommer bei der Debatte um die Senkung des Mindestzinssatzes zeigten Sie kein Sensorium für die Befindlichkeit des Parlaments.

Gerade bei diesem Thema geht es um eine sorgfältige Analyse der Situation. Schauen Sie sich einmal die heutige Situation der Pensionskassen und Sammelstiftungen an. Da haben wir heute den dringenden Handlungsbedarf, den ich schon lange, auch im Parlament, vorausgesagt habe.

Die Kritik richtete sich mehr gegen die Art, wie der Bundesrat diesen Entscheid vermittelt hat. Es war die Rede von «Rentenklau». Ihnen wurde vorgeworfen, Sie hätten das Parlament drei Stunden lang warten lassen. Nach Ihrem Auftritt gingen Sie direkt in die Ferien.

Das war für mich persönlich eine sehr schwierige Erfahrung. Ich wurde zum Sündenbock gestempelt für einen Mehrheitsentscheid des Bundesrats. Die Zuständigkeit und Federführung lag beim Departement von Bundesrätin Dreifuss.

Würden Sie den Entscheid heute anders kommunizieren?

Auch heute wäre die Zuständigkeit nicht bei mir, sondern beim Departement des Innern. Ich glaube jedoch, dass der Bundesrat, wenn er es heute nochmals machen müsste, diesen Entscheid kommunikativ anders begleiten würde.

Ist es Ihnen zuwider, im Bundesrat eine Führungsrolle zu übernehmen?

Sie haben offenbar noch nicht gemerkt, dass ich den Bundesrat schon lange führe.

Bundesrat Pascal Couchepin geht anders vor, er lässt Dinge in homöopathischen Dosen durchsickern. Sie beherrschen dieses Spiel nicht.

Das entspricht mir nicht. Ich bin für Transparenz und klare Wege. Ich nehme das Kollegialitätsprinzip ernst und habe kein Verständnis dafür, wenn man in der Zeitung lesen kann, wie es in der Bundesratssitzung zuging. Das kratzt am Vertrauen, an der Glaubwürdigkeit und vermittelt den Bürgern und Bürgerinnen ein falsches Bild.

Der Hahnenkampf von Micheline Calmy-Rey und Couchepin um die Irak-Position des Bundesrats hat die politische Diskussion belebt. Es standen sich zwei Exponenten unterschiedlicher Positionen gegenüber.

Ich habe das mit Belustigung zur Kenntnis genommen.

Sie wollen sich nicht mit solchen Spielen profilieren. Andererseits haben Sie auch schon auf publikumswirksame Aktionen gesetzt, zum Beispiel bei der Vorstellung des neuen Passes.

Der Pass-Event war ein Versuch. Der riesige Ansturm auf das neue Dokument zeigt die Wichtigkeit des Produktes für die Schweiz. Doch eigentlich entsprechen mir solche Aktionen nicht, es ist nicht mein Stil.

Also ist Ihr Stil doch eher sachlich, technokratisch?

Sachlich-seriös und zielgerichtet.

Trotzdem spricht man bei Ihnen viel über Äusserlichkeiten: Ihre Frisur ist ein Dauerthema. Die roten Hosen auf dem Bundes-ratsfoto...

(lacht) Ich bin offenbar auch hier eine Eisbrecherin. Als Micheline Calmy-Rey am Wahltag einen roten Hosenanzug trug, hat niemand mehr etwas gesagt. Ich bin übrigens froh, dass sie da ist. Das lenkt etwas von mir ab, gerade was die Kleider betrifft.

Schaut man bei den Frauen im Bundesrat eher auf die Kleider als bei Männern?

Ich habe auf jeden Fall noch nie gehört, dass Pascal Couchepin seinem Kollegen Kaspar Villiger sagte, er sei heute schön angezogen.

Bekommen Sie denn solche Komplimente?

Ja.

Sind Ihnen Äusserlichkeiten wie Kleider wichtig?

Ich will mich in meinen Kleidern wohl fühlen.

Es fällt auf, dass Sie in letzter Zeit weniger Farbe tragen, sondern eher auf Eleganz setzen wie mit dieser Rüschchenbluse. Wollen Sie damit demonstrieren, dass Sie nicht mehr die junge Bundesrätin sind?

Ich habe Spass an der Mode, spiele gern mit den Kleidern. Die Vielfalt gefällt mir. Aber ich mache nicht jede Mode mit. Ich will mich so anziehen, wie ich bin. Ich verkleide mich nicht als Bundesrätin.

Beleidigen Sie Kommentare wie zum Beispiel, Ihr Look erinnere an eine Flight Attendant.

Ich denke mir meine Dinge über diese Kommentatoren. Man müsste neben diese Kommentare ein Bild der Personen stellen, die so was schreiben.

A propos Fliegen. Ihre Helikopterflüge von Bern ins Appenzellerland und zurück, mit oder ohne Ehemann, sind auch ein Dauerthema in den Medien.

Das erstaunt mich nicht. Einzig, dass immer wieder das Gleiche wiederholt wird. Mein Vorgänger, Arnold Koller, hat mir den Rat gegeben: Fliege mehr, als ich es tat. Wenn du die Kritik nicht scheust, flieg.

Sie verkörpern einen anderen Typ Frau als Ruth Dreifuss, die mit der Frauenbewegung verbunden war.

Ich bin keine Feministin. Ich bin aus einer Frauengeneration, die jetzt von dem profitiert, was Frauen früher erkämpft haben. Aber ich ärgere mich zum Beispiel jedes Mal, wenn Bernhard Russi bei Skirennfahrerinnen von den «Maitli» redet. Vielleicht gibt es dereinst fünf Frauen im Bundesrat, wenn das Gremium von sieben auf neun aufgestockt wird. Heute heisst es, drei Frauen im Bundesrat genügten, es brauche keine vierte. Umgekehrt ist es selbstverständlich, dass die Männer in der Mehrheit sind. So lange das noch Diskussionen auslöst, sind wir mit der Gleichstellung nicht am Ziel.

Das Anliegen vieler Frauen ist es, Beruf und Familie zu verbinden. War oder ist das Kinderhaben für Sie und Ihren Mann kein Thema?

Muttersein heisst für mich, Zeit haben für das Kind. Das geht nicht, wenn man zu 150 Prozent im Beruf steht. Auch die Betreuung durch Dritte ist für mich keine ideale Lösung. Denn Kinder haben ist für mich nicht nur eine Frage des Organisierens. Es ist ein Entscheid, den jede Frau für sich, jedes Paar selbst treffen muss.

Sie bleiben aber nicht ewig Bundesrätin. Bei Ihrem Rücktritt werden Sie wahrscheinlich die jüngste Alt-Bundesrätin sein. Was kommt nach der «Frühpensionierung»?

Die Frage wurde mir schon gestellt, als ich Regierungsrätin des Kantons Appenzell Innerrhoden wurde. Aber im Moment mache ich mir darüber keine Gedanken. Ich habe viele verschiedene Interessen, und es gibt ein Leben nach dem Bundesrat.

Ist man mit 35 Jahren nicht zu jung, um Bundesrätin zu werden?

Im Gegenteil. Die jüngeren Generationen unter 50 haben ein Recht auf eine Vertretung im Bundesrat. Und sie sind zurzeit bestimmt nicht übervertreten. Im Bundesrat wie im Parlament braucht es junge, politikinteressierte Menschen mehr denn je.

Haben Sie Ihre Jugend an die Politik verschwendet?

Nein. Auch im Berufsleben sind die Jahre zwischen 30 und 40 die Zeit, die man investiert, um vorwärts zu kommen. In dieser Zeit muss man auf gewisse Sachen verzichten, Reisen zum Beispiel. Aber das werde ich vielleicht irgendwann nachholen, vielleicht wenn ich pensioniert bin. Ich bin nicht Bundesrätin, weil ich das Gefühl habe, ich müsse mir ein Denkmal setzen. Ich bin Bundesrätin, um gute politische Arbeit zu machen und anzupacken.

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