«Ruth, wenn Du im Rollstuhl wärst .»

Silvano Beltrametti und Ruth Metzler-Arnold sind sich in vielem einig, so auch über das Ziel der Behinderten, nicht aber über den Weg, der dahin führt.

Interviews, EJPD, 08.05.2003. Die Südostschweiz (Larissa Bieler)

Eigentlich gehen ihre Meinungen gar nicht so weit auseinander, und trotzdem ziehen sie zur Initiative «Gleiche Rechte für Behinderte» einen anderen Schluss: Bundesrätin Ruth Metzler geht das Volksbegehren zu weit, für Ex-Skirennfahrer und Paraplegiker Silvano Beltrametti ist es dringend notwendig. Eine Begegnung.

«Wir sind doch Duzis?» Ruth Metzler und Silvano Beltrametti begegnen sich nicht zum ersten Mal. Die Bundesrätin, einst nebenamtlich auch Skilehrerin und heute Seriensiegerin bei den Parlamentarierskirennen, hat den damaligen Abfahrtskrack im Januar 2001 in Wengen getroffen. Auf die vielen Journalistenfragen, wer am Lauberhorn gewinnen würde, habe sie immer nur einen Namen genannt: Silvano Beltrametti. Silvano hat nicht gewonnen, und auch sonst niemand, denn das Rennen wurde wegen Nebels abgesagt. Heute sprechen die beiden nicht über das Wetter, den Schnee oder das Material, sondern über Drehkreuze, Trottoirs und Treppen. Und während sie damals auf der gleichen Seite standen, so kämpfen sie heute gegeneinander - Beltrametti für und Metzler gegen die Initiative «Gleiche Rechte für Behinderte», über die am 18. Mai abgestimmt wird.

Auf anderen Wegen

«Ich habe mich auf Deinen Besuch gefreut.» Der Empfang ist herzlich. Silvano ist aus Lenzerheide-Valbella (Graubünden) angereist - mit dem Auto und alleine. Bahnhöfe meide er seit dem Unfall im Dezember 2001 in Val d'Isère (Frankreich). «Ich habe keine Chance, den öffentlichen Verkehr alleine zu bewältigen.» Und auch beim Haupteingang des Bundeshaus West versperren Silvano mehrere Treppen den Eintritt. Um ins Büro der Bundesrätin zu gelangen, muss der Bündner den Umweg über das Parlamentsgebäude nehmen, das seit der Wahl des gelähmten Marc F. Suter (FDP, Bern) vor zwölf Jahren in den Nationalrat rollstuhlgängig ist.

Für Ruth Metzler ist diese Initiative nicht wie jede andere. Nicht alle Menschen mit Behinderungen goutieren es, dass sie sich gegen «Gleiche Rechte für Behinderte» engagiert. «Ich werde zum Teil heftig angegriffen und als schlechter Mensch hingestellt.» Viele können offenbar nicht nachvollziehen, warum sich Ruth Metzler nicht für eine vollständige Gleichstellung von Behinderten und Nichtbehinderten einsetzt. Warum eigentlich nicht? Eine Frage, die die Justizministerin nach eigenen Angaben auf die Palme treibt. «Es geht nicht um diese Frage.» Allen sei klar, dass man in der Schweiz im Umgang mit Behinderten einige Versäumnisse habe. Und diese würden- «soweit möglich» - mit dem neuen Behindertengleichstellungsgesetz ausgeräumt.

«Mit gleichen Ellen messen»

Soweit möglich - also entscheiden wirtschaftliche Interessen, wieviel Rechte sich die Schweiz für die rund 700 000 Menschen mit Behinderungen im Land leisten kann und will? «Die Politik muss Prioritäten setzen und sich die Frage stellen, was verhältnismässig ist», meint die Justizministerin. Schliesslich lägen nicht nur Forderungen von Behinderten auf dem Tisch. «Wenn wir die Behinderten für voll nehmen, müssen wir ihre Forderungen auch mit den gleichen Ellen messen wie die Forderungen der Bauern oder der Arbeitslosen.» Sie habe also kein schlechtes Gewissen, auch wenn sie wisse, dass das Gesetz nicht gleich schnell gleich viel bewirken könne.

«Ich kann die Post nicht holen»

«Aber ohne Initiative passiert viel zu wenig!» Silvano Beltrametti fällt der Bundesrätin ins Wort. Heute habe er zu drei von vier bestehenden Bauten, die für die Öffentlichkeit bestimmt sind, keinen freien Zugang. «Das ist hart und wird sich mit dem Gesetz in absehbarer Zeit vielleicht gar nicht ändern.» Denn viele Gebäude müssten noch lange nicht renoviert und somit nicht angepasst werden.

Silvano berichtet aus seinem Alltag. «Vor der Post 2 in Chur gibt es einen Behindertenparkplatz.» Und trotzdem könne er dort keine Briefe holen. «Vier Tritte versperren mir den Weg.» Trotz Interventionen der Behindertenorganisationen sei nichts geschehen. Und weil das Gebäude erst 1998 für mehrere Millionen saniert worden war, werde sich ohne Initiative wohl auch in naher Zukunft nichts ändern. «Unglaublich», für Metzler ist unverständlich, dass so etwas in der heutigen Zeit noch passiert: «Nimmt das die Bevölkerung denn nicht wahr? Immerhin wird dies dank dem Behindertengleichstellungsgesetz künftig nicht mehr passieren können.» Für Silvano trifft diese Frage den Nagel auf den Kopf: «Die sieht gar nicht, wieviel Hindernisse es überall gibt.» Auch ihm hätte erst der Unfall die Augen dafür geöffnet.

Für den 24-jährigen ist auch der Besuch eines Restaurants keine Selbstverständlichkeit mehr; in Chur seien gerade mal drei von rund 80 Restaurants rollstuhlgängig. Und auch auf der Strasse gehe es nicht immer ohne Zwischenfälle. Es könne passieren, dass er bei einem Fussgängerstreifen nicht über den Randstein komme. «Und die Autofahrer hupen, weil sie gar nicht wissen, was los ist.»

Grosses kleines Hindernis

Silvano hätte nie gedacht, dass ihm eine Schwelle von zehn Zentimetern Probleme bereiten könnte. «Solche Hindernisse könnte man mit wenig Aufwand beseitigen und damit dem Rollstuhlfahrer enorm viel zurückgeben», erklärt er. Bewegungsfreiheit, die er mit dem Unfall verloren hat. Hätte Silvano die Initiative auch befürwortet, wenn er nicht behindert wäre? «Was heisst eigentlich behindert?», stellt Silvano die Gegenfrage. Die Behinderung seien weder die Querschnittlähmung, noch der Rollstuhl, sondern die Hindernisse. Silvano setzt deshalb grosse Hoffnungen in die Initiative. Werde sie angenommen, würden die Rollstuhlfahrer in den nächsten fünf Jahren 50 Prozent weniger behindert sein. Seine Stimme wird bestimmter, er blickt die Bundesrätin eindringlich an. «Und ich bin sicher, dass Du, Ruth, wenn Du im Rollstuhl wärst, auch Ja sagen würdest.» Die Bundesrätin lacht, zeigt Verständnis, verschränkt die Armee, lehnt zurück - und bleibt bei ihrem Nein. «Auch das Gesetz wird sehr viel bewirken.»

Es gab schon Schlimmeres

Gab es für Ruth Metzler nie einen Augenblick, in dem sie - auch angesichts der Kritik und der verletzten Gefühle der Betroffenen - an ihrer Haltung zweifelte? Die Initiative strebe zweifellos etwas Gutes an. Doch sie sei Justizministerin. Und als solche könne sie nicht nur unter diesem Gesichtspunkt urteilen. Dennoch gesteht sie ein, «dass wir schon Initiativen hatten, die für dieses Land viel schlimmer gewesen wären.» Aber sie kämpft gegen «Gleiche Rechte für Behinderte», weil im Kostenbereich etwas ausgelöst würde, das nicht abschätzbar wäre. «Warum kann man die Kosten nicht abschätzen?», wirft Silvano ein. Metzler kontert: « Es fehlen ganz einfach statistische Grundlagen. Je nachdem werden andere Annahmen getroffen. Deshalb hat der Bundesrat in diesem Bereich nie konkrete Zahlen genannt.» Die Behindertenorganisationen kamen auf tiefere Zahlen als der Wirtschaftsdachverband Economiesuisse. Unbestritten sei aber, dass die Initiative mehr als das Gesetz koste, weil sie innert kürzester Zeit ja auch viel mehr auslösen soll.

Zudem stört Metzler, dass die Initiative Entscheide den Richtern überlässt, die die Politiker fällen müssten. Im Gesetz sei hingegen klar geregelt, was behindertengerecht gemacht werden müsse. Womit nicht die Gerichte über Jahre klären müssten, was «wirtschaftlich zumutbar» sei, wie es im Initiativtext heisst. Für Silvano ist dies hingegen eine ideale Formulierung, die vor nicht zumutbaren Kosten schützt. «Geht es einem Restaurant schlecht, muss es nicht behindertengerecht werden.» Es sei auch falsch, mit Milliarden-Beträgen Angst zu machen und Menschen mit Behinderungen so hinzustellen, als würden sie nach dem Ja zur Initiative überall und subito auf das Recht auf freien Zugang pochen. «Wir wissen wohl, dass man nicht alles fordern kann», so Silvano. Ein paar behindertengängige Restaurants mehr wären aber schon schön.

Zwei Skiunfälle, zwei Folgen

Einig sind sich Metzler und Beltrametti hingegen, dass es mit der Initiative nicht zu einer Klageflut kommen würde. Überhaupt scheint es zuweilen, dass die beiden so unterschiedlich gar nicht sind. Beide fahren einen Audi-Kombi, beide sind hartnäckig und ehrgeizig, beide haben eine positive Einstellung zum Leben, beide hatten einen Skiunfall, der ihr Leben veränderte. Allerdings mit unterschiedlichen Folgen. Silvano ist seither auf den Rollstuhl angewiesen und «muss wieder von vorne anfangen»; er arbeitet in Chur zu 60 Prozent in einer Sportmanagement-Agentur und holt die Handelschule nach. Bei Metzler hat der Unfall «wohl auch dazu beigetragen, dass ich heute Bundesrätin bin.» Während der Zeit an den Krücken («mein Knie war völlig kaputt») habe sie sich besonnen - und nachher statt Sport und Sprachen Recht studiert.

Trotz den Ähnlichkeiten steht aber eine unüberwindbare Hürde zwischen den beiden - «Gleiche Rechte für Behinderte». Dies wohl ebenfalls eine Folge des Unfalls.

Informationsdienst EJPD, T +41 58 462 18 18, Kontakt