Feier für Bundesrat Alain Berset
Reden, EJPD, 22.12.2011. Bundesrätin Simonetta Sommaruga. Es gilt das gesprochene Wort.
Freiburg. In ihrer Rede zur Feier gratulierte Bundesrätin Simonetta Sommaruga Alain Berset zu dessen Wahl in den Bundesrat und lobte ihn als herzliche, ausgleichende und integrierende Persönlichkeit.
Liebe Freiburgerinnen und Freiburger
Sehr geehrte Damen und Herren aus Politik, Kultur, Wirtschaft und Gesellschaft
Lieber Alain
Du bist als Bundesrat gewählt und vereidigt, du bist aber noch nicht im Amt. - Es gab Bundesräte, die sagten, die schönste Zeit sei jene zwischen der Wahl und dem Amtsantritt.
Lieber Alain, ich bin da ganz anderer Meinung und ich finde, dass du dich wirklich freuen kannst auf das, was dich erwartet. Das hat unzählige Gründe, ich will nur deren zwei nennen:
Erstens: Dein neues Amt gibt dir unzählige Gelegenheiten, immer wieder mit der Bevölkerung, mit den Menschen in unserem Land in Berührung zu kommen; und zwar in allen Landesteilen, mit Jungen und Alten, mit Kranken und Gesunden, mit Privilegierten und weniger Privilegierten.
Zwar wird man dich nicht jeden Tag so feiern wie heute.
Es kann sein, dass Menschen Mahnwachen halten vor deinem Büro, und dass sie dir tonnenweise Pflastersteine schicken. So erging es mir nach einem Vorschlag zur elterlichen Sorge. Vor dem Bundeshaus standen Dutzende von zornigen Vätern; sie wollten einen Lastwagen voller Steine entleeren, wir kamen ins Gespräch, und aus der Protestaktion entstand schliesslich ein spannender und ein fruchtbarer politischer Prozess.
Auch die Pflastersteine haben wir genutzt. Wir haben mit ihnen einen Spielplatz für Kinder und ihre Eltern gebaut, und diesen vor einigen Wochen eingeweiht. Nun habe ich Dankesbriefe von Kindern erhalten: Einer beginnt so:
Liebe Frau Bundesrätin,
danke, dass du den Spielplatz eröffnet hast. Wahrscheinlich werde ich bald einmal hingehen. Gestern war ich schon dort.
Lieber Alain, du wirst täglich zwanzig, dreissig Briefe erhalten. Nicht alle sind derart erheiternd, und die Zahl der Briefe kann sich leicht verdoppeln: falls du zum Beispiel eine Prämienerhöhung für die Krankenversicherung verkünden solltest. Oder falls du einmal mit einer Sonnenbrille im Nationalrat auftauchst.
Etwas Zweites, worauf du dich freuen kannst, ist die Arbeit im Bundesrat.
Vor den Bundesratswahlen sagte ein junger Nationalrat in einem Wortspiel, es bestehe keine Konkordanz darüber, was Konkordanz sei. Das mag in Bezug auf die Zusammensetzung des Bundesrates stimmen. In Bezug auf die Arbeitsweise des Bundesrates wirst du aber sehen:
Die Sitzungen des Bundesrats sind gelebte Konkordanz. Es erwarten dich harte und intensive Diskussionen. Wir schenken uns nichts im Bundesrat, wir ringen miteinander, aber eben mit dem Ziel, am Schluss zu einer Lösung zu kommen.
Es wird dir leicht fallen, dich in diese Kultur einzufügen. Es gibt aber etwas, das sich mit deiner Wahl in den Bundesrat nicht weiterführen lässt:
Die Frauenmehrheit in der Landesregierung kommt mit deiner Wahl zu einem Ende. Ich würde aber gerne präzisieren: Das ist ein vorläufiges Ende oder eine Zwischenphase, in der vorübergehend wieder mehr Männer als Frauen in der Regierung sind ...
Abgesehen davon, lieber Alain, bringst du alles mit, was es für dieses Amt braucht.
- Du bist erstens Freiburger, und das alleine ist eine Qualität.
Ich habe mehr als die Hälfte meines Lebens in zweisprachigen Kantonen verbracht – davon 12 Jahre im Kanton Freiburg.
Und ich bin überzeugt: Wer aus einem zweisprachigen Kanton stammt, weiss besonders gut, wie wichtig es ist, dass wir in der Schweiz einen Ausgleich finden zwischen den verschiedenen Kulturen und Sprachregionen. Ich habe dich auch im Parlament stets als ausgleichende und integrierende Persönlichkeit erlebt.
- Zweitens: Du bist musikalisch, spielst Klavier, und gute Musiker sind immer auch gute Zuhörer.
Das Zuhören ist in der Politik sehr wichtig, jedenfalls viel wichtiger, als jene meinen, die am lautesten reden.
Das Klavier verbindet uns, wir spielen aber ganz anders. Du spielst Jazz, ich klassisch. Du improvisierst, ich spiele ab Partitur. Wir wissen nicht, ob wir gut harmonieren würden, denn wir haben bisher noch nie zusammen gespielt.
Wir werden es schon bald herausfinden, denn wir sind ja nun beide Mitglieder einer siebenköpfigen Band. - Du bist drittens Familienvater. Das mag an sich noch keine Qualifikation sein für dein neues Amt. Aber ich weiss, dass du ein herzlicher und verständnisvoller Vater bist, und Herzlichkeit ist wichtig für jedes Amt.
Neulich sagtest du in einer Fernsehsendung, dein Lieblingslied sei ein Lied des Freiburger Liedermachers Gustav, den deine Kinder so verehrten.
Du hast erzählt, dein achtjähriger Sohn habe dir an diesem Tag gesagt, er wisse nun, dass es den Samichlaus in Wirklichkeit gar nicht gebe.
Das stimmt, hast du ihm geantwortet, den Samichlaus gibt es in Wirklichkeit nicht. Aber Gustav, sagtest du ihm, Gustav, den gibt es wirklich.
Lieber Alain, auf dich wartet eine anspruchsvolle Aufgabe. Sie wird dich fordern und sie wird dir und deiner Familie vieles abverlangen.
Umso wichtiger wird es sein, immer wieder die Relationen herzustellen. Deine Frau, deine Kinder, ganz viele Menschen, die dich mögen, das Klavier und Gustav werden dich dabei unterstützen.
Ich gratuliere dir zur Wahl in den Bundesrat. Im Namen der Landesregierung heisse ich dich als neues Mitglied des Bundesrates willkommen. Ich wünsche dir und deiner Familie von Herzen alles Gute.
