Frauen verdienen gleiche Chancen im Beruf – Männer verdienen gleiche Chancen in der Familie

Reden, EJPD, 01.05.2012. Bundesrätin Simonetta Sommaruga. Es gilt das gesprochene Wort.

Bern. Ihre Rede zum 1. Mai widmete Bundesrätin Sommaruga dem Thema Gleichstellung der Geschlechter. Es beschäftige sie nicht bloss die immer noch nicht erreichte Lohngleichheit, sondern vor allem auch die Schwierigkeiten, Beruf und Familie miteinander zu vereinbaren. Diese führten häufig dazu, dass sich zu viele Frauen schon früh aus dem Berufsleben zurückzögen - eine Tatsache, die wiederum die Zuwanderung begünstige, da die Arbeitskraft der Frauen fehle.

Liebe Teilzeitarbeitende,
liebe Vollzeitarbeitende,
liebe Zuhause-Arbeitende,
liebe Arbeitsuchende,
liebe arbeitende Väter und Mütter

Vielleicht fragen Sie sich, wie eigentlich der Arbeitsalltag einer Bundesrätin aussieht. Vieles, sehr vieles ist vorgegeben, doch längst nicht alles: Immer wieder zieht es mich raus aus meinem Büro – hin zu den Menschen. Zu den Menschen, deren Arbeit mit den Themen zu tun hat, die mich und mein Departement betreffen. Ich möchte die tägliche Arbeit dieser Menschen kennen und sie mit den Dossiers verbinden können, die auf meinem Tisch landen. Dann werden die Dossiers für mich lebendig, und dann entsteht in mir das politische Feuer, das nötig ist, um etwas zu bewegen.

Immer wieder begegne ich dabei auch Frauen:

  • Ich begegne Frauen, die in Schulen erfolgreiche Integrationsarbeit leisten;
  • Frauen, die in Empfangszentren Asylsuchende nach ihren Fluchtgründen befragen;
  • Frauen die in Gefängnissen arbeiten, in der Wäscherei oder als Anstaltsdirektorinnen;
  • Frauen, die an Gerichten Recht sprechen,
  • Frauen, die sich in Hilfswerken für Opfer des Menschenhandels einsetzen;
  • Frauen, die als Polizistinnen tätig sind oder
  • Frauen, die Jugendliche betreuen, die auf die schiefe Bahn geraten sind.

Die Begegnungen mit diesen Frauen zeigen mir, wie weit wir uns vom alten Klischee der drei K´s entfernt haben. Niemand käme noch auf den Gedanken, die Aufgabe der Frauen in unserer Gesellschaft auf Kinder, Küche, Kirche zu beschränken (jedenfalls fast niemand).

Ich habe diesen Wandel – hier in diesem Gebäude neben uns – selber erlebt: Als ich im November 2010 Bundesrätin wurde, war das ein Gremium mit einer Frauenmehrheit. Aber lassen wir uns nicht täuschen: Die Gleichstellung der Geschlechter findet immer noch stärker in Verlautbarungen statt als in der Wirklichkeit. Noch immer sind Frauen in Führungspositionen klar untervertreten. Noch immer werden sie für gleichwertige Arbeit schlechter bezahlt als Männer.
Aber keine Angst, ich werde heute keine feministische Kampfrede halten. Denn das Thema, das mich beschäftigt, betrifft Männer ebenso wie Frauen. Ich meine die Vereinbarkeit von Beruf und Familie.

Warum ziehen sich viele, zu viele Frauen nach wenigen Berufsjahren aus dem Berufsleben zurück? Weil es heutzutage ganz offensichtlich immer noch sehr schwierig ist, Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen. Es ist noch gar nicht lang her, da startete ein Printmedium eine regelrechte Kampagne gegen eine Firmenleiterin, die es gewagt hatte, in den Mutterschaftsurlaub zu gehen. Wer Verantwortung für einen Betrieb trage, der habe gefälligst alles andere zu vergessen. Das ist ganz einfach absurd. Es darf nicht so weit kommen, dass von uns gefordert wird, unsere Kinder zu vergessen, wenn wir uns auch beruflich engagieren und weiter entwickeln wollen.

Wer vor lauter Arbeiten nicht dazu kommt, sich um die Menschen zu kümmern, die er liebt, der macht vielleicht Karriere – aber letzten Endes ist es eine Karriere, die zum Selbstzweck wird und niemanden glücklich macht. Wenn jemand seine Kinder gerade noch in den Ferien sieht, dann ist etwas grundsätzlich schief gelaufen. Anders - und ich meine besser - machen es Mütter und Väter, die nicht nur das Leben teilen, sondern auch die Arbeit und die Zeit mit ihren Kindern. Dieses Teilen muss man sich allerdings auch leisten können, und ich komme damit zu den Löhnen.

Noch immer gibt es in unserem Land über 100‘000 Working Poor: Männer und Frauen, die trotz vollem Einsatz nicht genug verdienen, um ihren Unterhalt zu bestreiten. Damit dürfen wir uns in einem Land wie der Schweiz nicht abfinden. Schon gar nicht, wenn wir uns gleichzeitig die Saläre und Boni anschauen, die sich manche auch heute noch zuschanzen, obwohl sie vor kurzem um Haaresbreite ganze Volkswirtschaften in den Ruin getrieben hätten!

Wir müssen uns wieder einig werden darüber, was ein Lohn ist – und was nicht. Die 1:12 Initiative versucht, genau darauf eine Antwort zu geben. Der Bundesrat empfiehlt sie zwar zur Ablehnung. Aber auch der Bundesrat anerkennt, dass die Entwicklungen bei den sehr hohen Löhnen problematisch sind, wirtschaftlich ebenso wie gesellschaftspolitisch. Das Bedürfnis, eine gewisse Verhältnismässigkeit herzustellen, hat nichts mit Neidkultur zu tun und ist auch nicht gegen die Wirtschaftsfreiheit gerichtet. Aber

  • wenn tiefe Löhne und hohe Löhne so weit auseinanderliegen, dass man sich schämen muss, wenn man sie nebeneinander stellt;
  • wenn tiefe Löhne so tief sind, dass sie für ein bescheidenes Leben nicht mehr genügen;
  • wenn hohe Löhne auf geradezu absurde Weise höher sind als die Verantwortung, die mit ihnen verbunden ist;
  • und wenn goldene Fallschirme noch goldiger sind als die Löhne, die ihnen vorangehen,

dann haben nicht nur jene ein Problem, die wenig oder zu wenig verdienen. - Dann haben wir alle ein Problem. Das Parlament will jetzt für die sehr hohen Saläre eine Bonisteuer einführen. Die Bevölkerung wird darüber abstimmen können.

Eine letzte Bemerkung zu den Salären: Seit 30 Jahren verpflichtet unsere Verfassung die Unternehmen, Männern und Frauen für gleiche Arbeit den gleichen Lohn zu zahlen. - Und seit 30 Jahren kommen Frauen nicht zu ihrem Recht. Um das zu ändern, wurde der Lohngleichheitsdialog eingerichtet – auch diese Massnahme hat aber bisher nur wenig Wirkung entfaltet.

Der Lohngleichheitsdialog ist bis 2014 befristet. Sollten sich die erwarteten Fortschritte nicht einstellen, kann das Projekt aber auch schon früher abgebrochen werden. Dann werden sich Bundesrat und Parlament überlegen müssen, mit welchen staatlichen Massnahmen die Lohngleichheit durchgesetzt werden kann.

Ich bleibe optimistisch, gefordert sind aber neben den Sozialpartnern vor allem die Unternehmen selbst. Denn Lohngleichheit ist Chef- und Chefinnensache! Solange die Geschäftsleitungen und Verwaltungsräte nicht hinter dieser Sache stehen, wird sich kaum etwas bewegen. Die Lohngleichheit ist ein weiterer Mosaikstein für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Solange Frauen weniger verdienen als Männer, werden sie diejenigen bleiben, die weniger Erwerbsarbeit verrichten.

Es ist ja nicht so, dass es uns an Arbeit fehlen würde, ganz im Gegenteil. Jährlich holt die Wirtschaft zehntausende Menschen in unser Land. Gleichzeitig sind sehr viele gut ausgebildete Schweizerinnen nicht berufstätig. Ich möchte die Frauen keinesfalls gegen ausländische Arbeitskräfte ausspielen. Aber indem wir die Vereinbarkeit von Beruf und Familie fördern, steuern wir auch die Zuwanderung! Dieser Zusammenhang wird in unserem Land bis heute zu wenig erkannt. Und diese Form der Steuerung schiene mir auch viel klüger als das, was wir derzeit betreiben: Wir kurbeln die Zuwanderung an mit unserer Steuer- und Standortpolitik, und dann beklagen wir die unerwünschten Folgen der Zuwanderung.

Wenn wir uns am 1. Mai Gedanken machen darüber machen, wie wir arbeiten, machen wir uns immer auch Gedanken darüber, wie wir leben. Frauen verdienen gleiche Chancen im Beruf. Und Männer – das ist die andere, ebenso wichtige Seite – Männer verdienen gleiche Chancen in der Familie. Die Regelungen haben wir. Wir haben den Verfassungsartikel und wir haben das Gleichstellungsgesetz. Was wir brauchen, sind

  • Frauen, die ihre Männer nicht nur fördern, sondern von ihnen dieselbe Förderung erwarten.
  • Wir brauchen Männer, die bei ihren Arbeitgebern zeitgemässe Arbeitsmodelle einfordern.
  • Wir brauchen Unternehmerinnen und Unternehmer, die nicht nur von Frauenförderung reden, sondern die für gemischte Teams sorgen, und zwar auf allen Stufen, auch in den Leitungsgremien.
  • Wirtschaft und Politik müssen gemeinsam dafür sorgen, dass Löhne und Verantwortung wieder näher zusammenrücken;
  • Und schliesslich brauchen wir politische Rahmenbedingungen, die auch jenen Kindern in der Schweiz, die an oder unter der Armutsgrenze aufwachsen, eine echte Chance in unserer Gesellschaft ermöglichen.

Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist ein soziales und gesellschaftspolitisches Ziel, für das sich viele von uns seit vielen Jahren engagieren.

Einiges haben wir erreicht, vieles noch nicht. Wir haben auch schon Enttäuschungen und Rückschläge erlebt. Aber lassen wir uns nicht entmutigen. Es wäre nicht das erste Mal, dass wir viele Anläufe nehmen müssen, bis wir ein Ziel erreichen: Politischer Erfolg ist nicht selten eine Frage der Beharrlichkeit. Ich freue mich, mich auch in Zukunft gemeinsam mit euch für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf einzusetzen.