"Beunruhigen würde mich, wenn ich das Gefühl hätte, dass sich unser Land zunehmend abschottet"
Unter-Emmentaler, Beat Hugi
Unter-Emmentaler: "Bundesrätin auf dem Huttwilberg. Am kommenden Mittwoch spricht Bundesrätin Simonetta Sommaruga in Huttwil zum 1. August. Die offizielle Bundesfeier auf dem Huttwilberg beginnt um 19.30 Uhr. Der «Unter-Emmentaler» liess Simonetta Sommaruga vorab acht Fragen zukommen. Die SP-Bundesrätin hat sie in den Bundesratsferien schriftlich beantwortet."
Frau Bundesrätin Sommaruga, Sie halten Ihre Rede in Huttwil nicht zuletzt auch im Zeichen des Rütlischwurs. Bei Ihrer Wahl zur Bundesrätin haben Sie als Einzige nicht geschworen. An was glauben Sie? Und wie sehen Sie die schwörenden Männer auf dem Rütli?
Sie haben gut beobachtet: Ich habe im Unterschied zu den anderen Bundesratsmitgliedern die Schwurhand nicht erhoben. Die Mitglieder des Bundesrates können – wie übrigens auch die Mitglieder von National- und Ständerat – selber wählen, ob sie einen Eid oder ein Gelübde ablegen wollen. Beide sind vor dem Gesetz gleichwertig. Wie das beim Rütlischwur war, wissen wir wohl alle nicht so genau. Aber: Ich bewundere alle, die – wie damals auf dem Rütli – aus Überzeugung Allianzen suchen, um etwas zu verändern. Dogmen hingegen finde ich gefährlich.
Wie haben Sie als Kind in der Familie den 1. August jeweils gefeiert?
Zusammen mit den Grosseltern in den Tessiner Bergen. Das ganze Dorf versammelte sich vor der Kirche und alle brachten ihr Feuerwerk mit. Nachher gab’s jeweils Sauerkirschen-Sirup – der Geschmack ist mir unvergesslich.
Haben Sie die Schweizer Nationalhymne auch schon auf dem Klavier gespielt?
Nein, aber gesungen habe ich die Hymne schon oft. Auf dem Klavier spiele ich lieber die drei grossen B: Bach, Beethoven und Brahms.
Welche Kraft und Macht liegt im Handeln und in den Händen der Schweizerinnen? Wie wichtig sind die Frauen für dieses Land?
Dank der direkten Demokratie haben wir in der Schweiz weltweit einzigartige Mitspracherechte. Allerdings mussten die Frauen hier länger auf das Stimmrecht warten als in anderen Ländern. Heute sind wir aber weiter. Es gab ja auch schon eine Frauenmehrheit im Bundesrat. Noch immer liegt aber einiges im Argen: Frauen verdienen für gleichwertige Arbeit immer noch weniger als Männer. Das verstösst gegen die Bundesverfassung. Auch in den Teppich-etagen der Unternehmen sind Frauen stark untervertreten. Hier müssen wir noch Fortschritte machen.
Der 1. August ist der «Geburtstag» der Schweiz. Was freut Sie an der Schweiz von heute, was beunruhigt Sie an der Schweiz von heute?
Mir gefällt sehr vieles in der Schweiz: Unser demokratisches System, die Vielsprachigkeit, die verschiedenen Kulturen, die Landschaften, unsere Innovationskraft und natürlich der international wohl beste öffentliche Verkehr, den man sich vorstellen kann. Beunruhigen würde mich, wenn ich das Gefühl hätte, dass sich unser Land zunehmend abschottet. Doch das tun wir nicht – wir sind international gut vernetzt und werden hoffentlich auch weiterhin mit den Armen und Benachteiligten solidarisch sein.
Sie pflegen Ihren eigenen Garten in Köniz als Erholungs- und Inspirationsraum. Viele Städterinnen und Städter (ohne eigene Gärten) sehen die ländlichen Gebiete so. Wie aber sollen die Gemeinden auf dem Land mit der zunehmenden Fokussierung und Zentralisierung in die Agglomerationen mit diesem Abseits umgehen? Worin liegt Ihrer Meinung nach die Stärke der ländlichen Gebiete Oberaargau oder Emmental?
Die Gartenarbeit lehrt mich immer wieder, der Landwirtschaft mit grösstem Respekt zu begegnen. Ich weiss, wie viel Arbeit in einem Kilo Kartoffeln, einem Korb Chriesi oder einem Schäli Himbeeren steckt. Da ich auf dem Land aufgewachsen bin, kenne ich die Vor- und Nachteile des ländlichen Lebens sehr gut. Wir sollten aber Stadt und Land nicht gegeneinander ausspielen. Beide haben ihre Stärken. Gerade Huttwil spielt als Städtchen im ländlichen Gebiet eine wichtige Rolle in der Region.
Die Menschen auf dem Land zeigen oft wenig Solidarität, wenn es darum geht, Unterkünfte für Asylsuchende zu finden? Was bedeutet das für Sie?
Das mit der mangelnden Solidarität kann ich nicht bestätigen. Es gibt immer wieder Gemeinden wie kürzlich etwa Sufers und Medel im Kanton Graubünden, die bereit sind, neue Asylzentren zu beherbergen. Auch die Standortkantone der bestehenden Empfangszentren des Bundes zeigen sich solidarisch: Sie prüfen derzeit den Vorschlag, diese Zentren auszubauen, damit wir die Verfahren beschleunigen können. Ich weiss aber auch um die Sorgen und Ängste der Bevölkerung. Deshalb finde ich es umso mutiger, wenn Kantonsregierungen und Gemeinderäte Verantwortung übernehmen.
Was macht für Sie denn der Reiz aus, als Bundesrätin zu arbeiten? Sind Sie dabei auch schon an persönliche Grenzen gestossen?
Jeder Mensch, der eine anspruchsvolle Arbeit hat, stösst wohl hin und wieder an seine Grenzen. Auch ich kenne das. Für mich ist das aber Ansporn. Ich brauche schwierige Aufgaben und finde mein Amt herausfordernd und bereichernd. Ich kann die Zukunft unseres Landes mitgestalten, gemeinsam mit meinen Kolleginnen und Kollegen im Bundesrat, den Mitgliedern des Parlamentes und den Kantonen. Und bewältigen kann ich das alles nur dank der Unterstützung meiner Mitarbeitenden im Departement. So arbeiten zu können ist ein Privileg.