Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga im Interview

Die Frau hinter dem Amt: Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga.

Schlagwörter: Asyl | Gleichstellung

Interviews, EJPD, 23.06.2015. Annabelle; Barbara Achermann

Simonetta Sommaruga, warum schneidet die Schweiz in Sachen Gleichberechtigung von Mann und Frau so schlecht ab im europäischen Vergleich?
Die Schweiz ist in Bezug auf Vereinbarkeit von Familie und Beruf ein Entwicklungsland. Die gute Nachricht ist, wir können uns noch entwickeln (lacht). Unser schlechtes Abschneiden hat verschiedene Gründe, ein wichtiger Faktor ist der Wohlstand. Man kann in der Schweiz immer noch oft mit einem einzigen Lohn eine Familie ernähren.

In Norwegen beispielsweise sind die Löhne ebenfalls hoch. Trotzdem ist dort die Gleichberechtigung viel fortgeschrittener.
In den nordischen Ländern dominiert die Vorstellung, dass der Staat für die Chancengleichheit Verantwortung übernehmen muss. In der Schweiz hingegen gibt es eine politische Mehrheit, die findet, die Frauen sollen selber schauen, dass sie zu ihren Rechten kommen.

Dennoch haben Sie zwei staatliche Instrumente lanciert: die Einführung einer Frauenquote von 30 Prozent in den obersten Firmengremien sowie obligatorische Lohnkontrollen. Wie haben Sie den Bundesrat überzeugt?
Die Lohngleichheit steht seit bald 35 Jahren in der Verfassung, doch noch heute werden Frauen für gleichwertige Arbeit schlechter bezahlt als Männer. Man hat 35 Jahre lang vergeblich gehofft, die Unternehmen würden das freiwillig ändern, Jetzt ist genug. Das Gleiche gilt für Verwaltungsräte und Unternehmensleitungen: Der Frauenanteil ist seit Jahren gering, obwohl es in der Schweiz Hunderte von Frauen gibt, die qualifiziert und bereit wären, Führungspositionen zu übernehmen. Und obwohl man aus verschiedenen Untersuchungen weiss, dass gemischte Teams besser arbeiten.

Es überrascht trotzdem, dass Sie den Bundesrat überzeugen konnten.
Wir diskutieren hart im Bundesratszimmer – und wir diskutieren vertraulich … Was ich allgemein dazu sagen kann, ist: Diskussionen um Gleichstellungsthemen sind häufig sehr aufwendig und anstrengend. Ich habe schon erlebt, wie sich an einer Sitzung über Gleichstellung die Männer zurücklehnten und die Frauen sich stritten. Wenn das geschieht, geht gar nichts. Erst wenn sich auch die Männer für die Chancengleichheit verantwortlich fühlen, wird sich etwas verändern.

Kritik kommt auch von Frauen. Sie sagen, Quote und Lohnpolizei würden die Frauen wieder zurückdrängen in die Rolle des schwachen Geschlechts.
Niemand will eine Lohnpolizei, auch der Bundesrat nicht. Er will lediglich, dass die Firmen ihre Löhne analysieren, dass sie diese Analyse durch Dritte prüfen lassen und dass sie darüber informieren. Ist das ein starker staatlicher Eingriff? Nein, ganz sicher nicht.

Sie haben in der Geschäftsleitung Ihrer drei grössten Verwaltungseinheiten neun Männer und fünf Frauen neu eingestellt. War es schwer, geeignete Frauen zu finden?
In den höchsten Chargen ist die Auswahl an Frauen tendenziell kleiner. Ich will aber in der Shortlist der Bewerbungen immer mindestens eine Frau. So konnte ich zum Beispiel im Bundesamt für Polizei, wo es viele klassische Männerberufe gibt, eine Direktorin anstellen.

In Ihrem obersten Verwaltungskader liegt der Frauenanteil bei 24 Prozent. Können Sie dennoch eine Quote vertreten?
Selbstverständlich. Denn wenn ich den Frauenanteil bei meinen Neubesetzungen in den Geschäftsleitungen der drei grossen Bundesämter anschaue, liegen wir bei 36 Prozent.

Was müssten denn die Frauen selber tun für mehr Gleichberechtigung?
Ich empfehle jungen Frauen jeweils, sie sollen einen Mann heiraten, der gut kochen kann (lacht). Und ich möchte ihnen raten, die Gleichberechtigung mit einer gewissen Selbstverständlichkeit und Natürlichkeit zu leben, nicht nur bei der Arbeit, sondern auch bei der Rollenverteilung in der Beziehung. Am einfachsten geht das übrigens zusammen mit starken Männern, denn starke Männer haben keine Angst vor starken Frauen.

Reden wir über Gleichberechtigung in der Asylpolitik. Zwei Drittel der Menschen, die übers Mittelmeer flüchten, sind Männer. Früher konnten Flüchtlinge direkt bei einer Schweizer Botschaft im Ausland Asyl beantragen, was gerade für alte Menschen, Frauen und Kinder wichtig war. Warum sind Sie gegen die Wiedereinführung des Botschaftsasyls?
Ich habe nicht gesagt, dass ich dagegen bin. Aber das müsste ein gesamteuropäisches Projekt sein.

Weil in Europa alle aufeinander warten, geschieht leider sehr wenig.
Ich sehe das anders. Wir leisten mit verschiedenen Projekten in den Krisenregionen direkte Hilfe vor Ort, etwa in Syrien, Jordanien, Tunesien oder im Libanon. Und mit den Visaerleichterungen im vorletzten Jahr konnten 4500 Syrerinnen und Syrer direkt in die Schweiz einreisen. Ausserdem hat der Bundesrat beschlossen, dass wir noch einmal bis zu 3000 besonders schutzbedürftige Menschen aufnehmen. Das werden mehrheitlich Frauen, Kinder, ältere und kranke Leute sein.

Die Schweiz war auch schon grosszügiger. Während des Kosovo-Konflikts nahmen wir 53 000 Flüchtlinge auf.
Wir waren aber auch schon weniger grosszügig. Nach den 90er-Jahren bis 2012 nahmen wir gar keine Kontingentsflüchtlinge mehr, wir führten diese Möglichkeit dann für die Flüchtlinge aus Syrien wieder ein. Ich bin in diesem Amt nicht nur verantwortlich für die grossen Gesten, sondern für jede einzelne Person: traumatisierte Kinder, Kranke, Alleinerziehende, Jugendliche in Ausbildung. Diese Menschen brauchen eine Unterkunft, eine enge Betreuung, vielleicht ein Spitalbett. Ich denke, das hat mich gelehrt, demütig zu sein, oder man könnte auch sagen: bescheiden. Zu meiner Aufgabe gehört es auch, Menschen zurückzuschicken, wenn sie unseren Schutz nicht brauchen. Das ist wichtig für eine glaubwürdige Asylpolitik, die von der Bevölkerung mitgetragen wird.

Vor 15 Jahren waren Sie noch anderer Meinung. Damals sagten Sie: «Ich will die Scheingerechtigkeit hinterfragen, die wir im Asylwesen geschaffen haben. Wie wollen wir etwa Wirtschaftsflüchtlinge von politischen Asylbewerbern unterscheiden?»
Damals kannte ich die genauen Abläufe unserer Asylpolitik noch zu wenig. Heute weiss ich, dass die Migrationsbehörden sehr sorgfältig prüfen, ob Asylsuchende in der Heimat an Leib und Leben bedroht sind oder nicht. Auch haben wir in den vergangenen Jahren Verbesserungen erzielt. Heute können wir den Asylsuchenden unsere Entscheide schneller mitteilen. Wenn sie schutzbedürftig sind und bleiben dürfen, können sie sich schneller integrieren. Und wenn sie nicht schutzbedürftig sind und freiwillig zurückreisen, erhalten sie Geld für den Aufbau einer neuen Existenz.

Sie sagten einst, Sie wehren sich «gegen die Einteilung in Ausländer, die uns wirtschaftlich nützen, und solche, die uns kommerziell nichts bringen». Sehen Sie das noch heute so?
Ja, ganz entschieden. Ein traumatisierter Flüchtling ist nicht weniger wert als ein sogenannter Topshot, das ist letztlich eine Frage der Menschlichkeit und der menschlichen Würde. Klar ist aber auch: Alle Staaten versuchen, qualifizierte Arbeitskräfte anzuziehen. Und wer reich genug ist, kommt ohnehin zu einer Aufenthaltsbewilligung. Das ist eine Realität. Auch in der Schweiz.

nach oben Letzte Änderung 23.06.2015