"Ich will den Menschen Hoffnung machen"

Interviews, EJPD, 27.07.2017. Schweizer Familie; Daniel Dunkel, Daniel Röthlisberger

Schweizer Familie: "Für Bundesrätin Simonetta Sommaruga ist der Zusammenhalt in der Schweiz eine grosse Kraft. Bürgerinnen und Bürger ermutigt sie, Veränderungen als Chance zu sehen und die Zukunft aktiv mitzugestalten."


Frau Bundesrätin, Sie sind mit dem Zug angereist. Ist Ihr Chauffeur bald arbeitslos?

Mein Chauffeur hat regelmässig zu tun. Aber ich bin gern mit dem öffentlichen Verkehr unterwegs. So komme ich auch mit der Bevölkerung in Kontakt. Denn immer wieder sprechen mich Leute an.

Was sagen sie Ihnen?
Viele danken mir für meine Arbeit. Andere berichten von ihren Sorgen. Wer Kritik üben will, schreibt mir meist einen Brief. Und bekommt auch eine Antwort.

Erstarren die Menschen in Ehrfurcht, wenn Sie in den Zug einsteigen?
Nein, viele schauen mich bloss an. Und im voll besetzten Bus bietet mir niemand einen Sitzplatz an, nur weil ich Bundesrätin bin. Diese Normalität schätze ich. Es ist ein Privileg, dass ich in meinem Amt im öffentlichen Verkehr unterwegs sein kann. Das wäre in anderen Ländern undenkbar und ist Ausdruck unserer politischen Kultur.

Inwiefern?
Man kann in der Schweiz anderer Meinung sein und sich trotzdem mit Respekt begegnen. Dazu sollten wir Sorge tragen.

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Bundesrätin Simonetta Sommaruga legt eine Kartoffel auf den Grill
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(Foto: Schweizer Familie/René Ruis)

Bundesrätin Simonetta Sommaruga steht in einem Kornfeld
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(Foto: Schweizer Familie/René Ruis)

Bundesrätin Simonetta Sommaruga sitzt am reich gedeckten Tisch
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(Foto: Schweizer Familie/René Ruis)

Bald ist 1. August. Wie begehen Sie den Nationalfeiertag?
Ich verbringe diesen Tag gern auf dem Land. In diesem Jahr bin ich im Val-de-Travers zu Gast. Dort feiern alle Gemeinden des Tals in einem Dorf miteinander, und Jugendliche organisieren das Fest. Ich halte eine Rede. Danach sitze ich mit den Leuten zusammen, esse eine Bratwurst und feiere mit.

Man würde Ihnen nicht zutrauen, dass Sie gern festen, weil Sie stets kontrolliert wirken.
Da täuschen Sie sich. Ich bin zwar kein "Festbruder", der bis um fünf Uhr früh durchfeiert. Aber ich lache gern und bin ausgelassen. Und ich liebe Feuerwerk.

Was mögen Sie an Raketen?
Ich mag, wenn es knallt. Und ich liebe Farben, die am Himmel leuchten und erlöschen. Vergängliche Momente – die gehören zum Leben. Aber bei aller Freude am Feiern übe ich ein Amt aus, in dem ich mich mit ernsthaften Themen beschäftige. Da vergeht mir zuweilen die Festlaune.

Woran denken Sie?
An Griechenland zum Beispiel. Kürzlich besuchte ich ein Flüchtlingslager auf der Insel Lesbos. Ich sah Familien, die dort gestrandet sind. Kleine Kinder. Ich fragte mich, wie diese Menschen ihr Schicksal verdient haben und welche Zukunft vor ihnen liegt. Solche Erlebnisse beschäftigen mich.

Werden Sie in Ihrer 1.-August-Rede darauf eingehen?
Ja. Aber ich will den Menschen auch Hoffnung machen. Denn viele sorgen sich um ihren Arbeitsplatz, erleben eine Welt, die sich immer schneller verändert. Das macht ihnen Angst.

Mit welchen Argumenten begegnen Sie diesen Ängsten?
Unser Land hat sich – trotz verschiedenen Sprachen und Kulturen – stets als eine Nation verstanden. Dieser Zusammenhalt ist eine grosse Kraft. Deshalb will ich Bürgerinnen und Bürger ermuntern, Veränderungen als Chance und nicht als Bedrohung zu sehen.

Das ist leichter gesagt als getan.
Das stimmt. Doch in der Schweiz haben wir das Privileg, dass wir Veränderungen mitgestalten, dass wir mitbestimmen können. In der Gemeinde, im Kanton und auf Bundesebene. Das ist ein Grund für unsere Stabilität und unseren Wohlstand. Darum beneidet man uns in anderen Ländern.

Beneiden Ihre ausländischen Kollegen Sie auch um die Regierungsarbeit?
Für viele ist es unvorstellbar, dass wir mit politischen Gegnern in der Regierung sitzen. Das ist tatsächlich einzigartig, aber auch anspruchsvoll. Die politische Arbeit im Bundesrat ist eine ständige Herausforderung.

Wie meinen Sie das?
Wir sind nicht das Harmoniegremium, als das man uns manchmal bezeichnet. Wir diskutieren und streiten intensiv, ringen hart um Kompromisse.

Einen Kompromiss legte der Bundesrat eben vor. Er verlangt, dass Unternehmen die Lohngleichheit zwischen Mann und Frau überprüfen. Warum greift der Staat in den freien Markt ein?
Weil der Markt hier versagt. Dass Frauen und Männer für gleichwertige Arbeit den gleichen Lohn erhalten sollen, steht seit 36 Jahren in der Bundesverfassung. Doch bis heute ist das nicht umgesetzt. Männer verdienen im Durchschnitt pro Jahr 7000 Franken mehr als Frauen, ohne nachvollziehbaren Grund. Das ist unhaltbar.

Wo sehen Sie die Ursachen dafür?
Manche sagen, Frauen seien in den Lohnverhandlungen weniger fordernd als Männer. Ich kann mir aber auch vorstellen, dass alte Rollenbilder mitspielen und Chefs finden, der Mann brauche als Ernährer mehr Lohn. Doch das sind keine Gründe, Frauen zu diskriminieren.

Erlebten Sie selbst schon Lohndiskriminierung?
Ich trat einmal eine Stelle an und erfuhr dann, dass ich bloss zwei Drittel des Lohnes bekam, den mein Vorgänger erhalten hatte.

Was taten Sie?
Ich arbeitete mich ein und forderte dann den gleichen Lohn. Mit Erfolg.

Die Vorlage des Bundesrates wird von Kritikern als zahnloser Papiertiger bezeichnet, weil keine Sanktionen ausgesprochen werden. Was sagen Sie dazu?
Unsere Vorlage ist moderat. Aber immerhin müssen Firmen mit über 50 Angestellten alle vier Jahre die Lohngleichheit überprüfen. Damit wird Transparenz hergestellt, und der Druck auf die Unternehmen steigt, allfällige Lohndiskriminierung zu beseitigen.

Nehmen wir an, Frauen bekämen mehr Lohn. Würden Sie deshalb öfter im Beruf bleiben, wenn sie Kinder bekommen?
Der Lohn allein ist nicht ausschlaggebend. Schon heute bleiben die meisten Frauen im Beruf, wenn sie Kinder bekommen – allerdings oft mit kleinen Teilzeitanstellungen. Damit Mütter mit höheren Pensen berufstätig sein können, braucht es mehr Krippenplätze. Es braucht aber auch die Bereitschaft der Väter, für die Kinderbetreuung Verantwortung zu übernehmen und ihr Pensum zu reduzieren.

Tatsache ist, dass 87 Prozent der Väter Vollzeit arbeiten. Warum?
Ich kann nur mutmassen. Was meinen Sie, was sind die Gründe?

Vielleicht glauben Männer, sie seien weniger wert, wenn sie nicht 100 Prozent arbeiten.
Das mag ein Grund sein. Es gibt noch immer Arbeitgeber, die nur 100-Prozent-Jobsvergeben. Und es gibt Arbeitnehmer, die befürchten, sie würden als Teilzeitangestellte bei Beförderungen übergangen. Trotzdem ermuntere ich Väter, für Teilzeitjobs zu kämpfen und sich in der Kinderbetreuung zu engagieren. Das lohnt sich.

In welcher Hinsicht?
Väter verpassen viel, wenn sie ihre Kinder nur für den Gutenachtkuss oder am Wochenende sehen. Es ist etwas Besonderes, sein Kind beim Aufwachsen zu begleiten und es mitzubetreuen. Zudem könnten mit einem stärkeren Engagement der Väter die Mütter, die heute oft sehr gut ausgebildet sind, ihre Fähigkeiten im Arbeitsmarkt einbringen. Aber letztlich muss jedes Paar selbst entscheiden, wie es Beruf und Familie vereinbart. Der Staat soll das niemandem vorschreiben. Er soll dort aktiv werden, wo sich die Gesellschaft verändert und wo die Schwächsten benachteiligt werden.

Woran denken Sie zum Beispiel?
Ans gemeinsame Sorgerecht. Dafür machte ich mich stark. So steht seit Anfang 2014 im Gesetz, dass Eltern gemeinsam für ihre Kinder Verantwortung tragen, auch wenn sie getrennt leben. Das müssen Richter bei ihren Entscheiden berücksichtigen.

Es gibt immer mehr Patchwork-Familien. Die Ehe für gleichgeschlechtliche Paare steht auf der politischen Agenda. Ist die traditionelle Familie ein Auslaufmodell?
Nein. Die Sehnsucht, mit einem Menschen zusammenzusein und Verantwortung für Kinder zu tragen, ist etwas Urmenschliches. Deshalb wird es auch in Zukunft immer Familien geben. Doch die Formen verändern sich. Das ist eine gesellschaftliche Realität.

Viele möchten das Rad der Zeit zurückdrehen und sehen die traditionelle Familie als sicheren Wert in unsicherer Zeit.
Wir sollten verschiedene Lebensformen nicht gegeneinander ausspielen. Die traditionelle Familie kann ein sicherer Wert sein. Deshalb gibt es auch vermehrt junge Leute, die heiraten und ein grosses Fest veranstalten. Und es gibt viele Paare, die es schaffen, ein Leben lang zusammenzubleiben. Aber es gibt eben auch jene, die getrennte Wege gehen.

Sie beschäftigen sich auch mit Jugendlichen, die ohne Familie leben. Viele unbegleitete Minderjährige flohen in die Schweiz. Warum liegt ihr Schicksal Ihnen am Herz?
Diese Kinder und Jugendlichen wurden von ihren Familien alleine losgeschickt, oder sie verloren auf der Flucht ihre Liebsten. Sie mussten oft unfassbares Leid durchmachen. Nun kommen sie in der Schweiz an und haben hier niemanden. Diese Kinder und jungen Menschen brauchen unseren besonderen Schutz.

Sie trafen mehrmals jugendliche Flüchtlinge. Welches Schicksal berührte Sie besonders?
Ein 15-jähriger Bub erzählte mir, dass er dabei war, als seine Eltern ermordet wurden. Und von einem Mädchen erfuhr ich, dass sie auf der Flucht mehrmals vergewaltigt worden war. Solche Schicksale gehen mir nicht mehr aus dem Kopf.

Wie können wir diesen jungen Menschen helfen?
Wir müssen ihnen Halt geben. Meist sind sie in kindergerechten Zentren untergebracht. Sie sollen rasch die Sprache lernen, zur Schule gehen und später einen Beruf lernen können. Wir müssen früh in die Betreuung dieser Jugendlichen investieren und ihnen eine Perspektive geben. Denn sie werden wahrscheinlich in unserem Land bleiben.

Minderjährige Flüchtlinge leben auch in Pflegefamilien. Könnten Sie sich vorstellen, ein betroffenes Kind bei sich aufzunehmen?
Als Bundesrätin hätte ich keine Zeit dafür. Aber selbst wenn ich sie hätte, würde mich die Aufgabe vermutlich überfordern. Denn für die Aufnahme eines jugendlichen Flüchtlings braucht es spezielle Kenntnisse. Ich könnte mir aber vorstellen, mit Flüchtlingen Hausaufgaben zu machen oder die Freizeit zu verbringen. So, wie das ganz viele Schweizerinnen und Schweizer tun.

Sie leben mit Ihrem Mann, dem Schriftsteller Lukas Hartmann, in einer Patchwork-Familie. Was ist Familie für Sie?
Ein Ort des Vertrauens. Ich habe eine gute Beziehung zu den drei Kindern meines Mannes. Sie sind Teil meines Lebens, obwohl ich nicht ihre leibliche Mutter bin und wir nie zusammengelebt haben. Ich habe aber auch regelmässig Kontakt mit meinen Nichten und Neffen.

Sind die Jungen für Sie inspirierend?
Wir inspirieren uns gegenseitig. Sie sehen, wie ich das Amt der Bundesrätin ausübe. Und ich erfahre, was junge Menschen beschäftigt. Wie sie kommunizieren. So bleibe ich auf dem Laufenden.

Ihr Vater starb 1990, Ihre Mutter lebt im Altersheim. Welche Beziehung haben Sie zu ihr?
Ich besuche meine Mutter regelmässig. Sie verfolgt genau, was ich mache, und weiss immer, wo ich bin. Die Besuche bei meiner Mutter sind mir wichtig und wertvoll.

Inwiefern?
Meine Mutter nimmt mich so, wie ich bin. Sie freut sich über meine Erfolge. Und wenn ich kritisiert werde, nimmt sie es locker.

nach oben Letzte Änderung 27.07.2017