"Man sagt ihnen damit, dass sie weniger wert sind"

Schlagwörter: Gleichstellung

Interviews, EJPD, 04.03.2018. SonntagsZeitung; Florian Quiquerez, Ariane Dayer

SonntagsZeitung: "Bundesrätin Simonetta Sommaruga über tiefe Löhne für Frauen, deren Mangel in den Chefetagen und Beschimpfungen im Internet."

Frau Bundesrätin, wurden Sie bei Ihrem ersten Job lohnmässig diskriminiert?
Ja, das war tatsächlich so.

Wie gross war die Differenz?
Fast 50 Prozent, also sehr gross.

Haben Sie reagiert?
Nein. Wie viele Frauen hatte ich Angst, meine Stelle zu verlieren. Ich dachte, dass ich zuerst beweisen müsse, dass ich diesen Lohn wert sei. Erst nach zwei Jahren habe ich den gleichen Lohn gefordert.

Warum verlangen Frauen nicht mehr, wenn es um den Lohn geht?
Es heisst oft, dass Männer fordernder seien, wenn sie eine neue Stelle antreten. Vielleicht gibt es einen Unterschied in der Sozialisation: Für Männer ist die Bezahlung entscheidend, während für Frauen die Freude und das Interesse an der Arbeit wichtiger sind als das Geld. Aber das ist kein Grund, sie zu diskriminieren.

Diese Woche hat der Ständerat Ihre Vorlage für ein Gesetz gegen Lohndiskriminierung an die Kommission zurückgewiesen. Eine Ohrfeige für Frauen?
Man muss sich auf das Positive konzentrieren: Die Mehrheit des Ständerats hat sich entschieden, auf dieses Gesetz einzutreten.

Glauben Sie, dass es eine Lösung geben wird, solange Sie im Bundesrat sind?
Wer mich kennt, weiss, dass ich hartnäckig bin. Ich setze mich seit Jahren für die Anliegen der Frauen ein. Nicht nur bei der Lohngleichheit, sondern auch was ihre Vertretung in den Verwaltungsräten, das Familienrecht oder den Kampf gegen häusliche Gewalt betrifft.

Bald könnten Sie die einzige Frau im Bundesrat sein. Beunruhigt Sie das?
Ehrlich gesagt, kann ich mir einen Bundesrat mit nur einer einzigen Frau nicht vorstellen. Die Regierung dieses Landes sollte die Bevölkerung widerspiegeln. Stellen Sie sich einen Bundesrat mit sechs Waadtländern und einem Zürcher vor! Wenn man ein Gleichgewicht der Parteien, der Regionen und der Sprachen berücksichtigt, sehe ich nicht, warum man das nicht auch bei den Geschlechtern tun sollte. Aber das letzte Wort hat das Parlament.

Ist der Erfolg der #MeToo-Kampagne für Sie als Justizministerin nicht ein Zeichen dafür, dass die Frauen kein Vertrauen in die Justiz haben?
Ob sich die Frauen wehren oder nicht, ist nicht nur eine Frage der Justiz, sondern der Kultur, in der sie leben. Sexismus und Ungleichheit sind nach wie vor stark verbreitet. Frauen, die sich wehren, müssen damit rechnen, dass sie lächerlich gemacht oder ausgegrenzt werden. #MeToo hat es vielen Frauen ermöglicht, über Missbrauch zu reden. Das ist wichtig. Aber dieser Schritt allein genügt nicht. Man muss die tiefer liegenden Gründe anpacken, die zu Übergriffen führen.

Das bedeutet?
Wenn Frauen weniger verdienen, nur weil sie eine Frau sind, dann sagt man damit den Frauen, dass sie weniger wert sind. Die Ungleichheit beschränkt sich aber nicht auf diesen Punkt. In den Unternehmen sind meistens Männer an der Spitze. Frauen sind ihnen unterstellt, in den Verwaltungsräten und Geschäftsleitungen sind Frauen praktisch überall in der Minderheit. Und es gibt auch harte Realitäten im Privatleben der Frauen: Jeden Tag rückt die Polizei in der Schweiz 40-mal aus wegen häuslicher Gewalt.

Wird #MeToo wirklich etwas verändern?
Es ist zu früh, um das zu sagen. Wenn man an der Oberfläche bleibt, wird die Wirkung allmählich verpuffen und schliesslich verschwinden. Wenn sich die Bewegung aber zu einem grundsätzlicheren Kampf gegen Ungleichheit entwickelt, wird es ein Davor und ein Danach geben.

Susanne Ruoff ist in den Postauto-Skandal verwickelt. Der Ruf von Monika Ribar, Verwaltungsratspräsidentin der SBB, hat durch die Paradise Papers gelitten. Schadet das der Sache der Frauen?
Nein. Aber angesichts solcher Ereignisse wird jungen Frauen bewusst, dass eine Frau exponierter ist als ein Mann. Wenn ein Mann an der Spitze der Post gestanden wäre, hätte niemand sein Geschlecht in den Vordergrund gestellt. Man hätte über das Problem gesprochen. Solange es so wenige Frauen in Chefpositionen gibt, wird dieser Reflex bestehen bleiben.

Eine Untersuchung des "Tages-Anzeigers" hat gezeigt, dass Sie zu jenen Persönlichkeiten gehören, die in den sozialen Medien am meisten beschimpft werden. Hat Sie das überrascht?
Nein, nicht wirklich. Eines der wichtigen Dossiers in meinem Departement, das Asylwesen, ist sehr emotional, kontrovers und polarisierend. Zudem bin ich als Frau in einer Machtposition. Es gibt immer noch Leute, die damit Mühe haben.

Hat diese verbale Gewalt in den letzten Jahren zugenommen?
Die sozialen Medien wirken wie ein Resonanzraum. Wenn die gleichen Aussagen am Stammtisch gemacht werden, hat das nicht die gleiche Tragweite. Eine Beschimpfung verbreitet sich heute viel weiter und schneller als früher.

Was verletzt Sie mehr: eine Beleidigung Ihrer Kompetenz oder Ihres Aussehens?
Es gibt eine, die mich erstaunt. Wenn man mir vorwirft, Pianistin zu sein. Das verstehen gewisse Leute offenbar als Beleidigung. Dass Frauen häufig eher aufgrund ihres Äusseren als aufgrund ihrer Kompetenz beurteilt werden, ist Teil des Sexismus. Es ist unangenehm – für alle Frauen.

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nach oben Letzte Änderung 04.03.2018