"Nichts ist für immer garantiert, nichts ist selbstverständlich"

Schlagwörter: Pandemie

Interviews, EJPD, 11.04.2020. Blick, Christian Dorer

Blick: "Bundesrätin Karin Keller-Sutter im grossen Interview über den Corona-Notstand und was wir für die Zukunft daraus lernen können."

Eine der intensivsten Wochen ihres Lebens liegt hinter ihr, der Chauffeur bringt Bundesrätin Karin Keller-Sutter (56) am Donnerstag von Bundeshaus in Bern in ihr Zuhause in Wil SG – das verdiente Osterwochenende mit ihrem Mann liegt vor ihr. Im Fonds der Limousine telefoniert sie BLICK.

Frau Bundesrätin, wie stark belastet Sie persönlich die Krise?

Karin Keller-Sutter: Die Situation geht mir sehr nahe, ich spüre die Verantwortung fast physisch. Wir regieren mit Notrecht, müssen die Freiheiten der Bürgerinnen und Bürger beschneiden. Da ist es wichtig, dass wir mit Augenmass und verhältnismässig handeln.

Schlafen Sie nicht mehr gut?

Gott sei Dank schlafe ich immer gut. Das Thema ist jedoch immer präsent und begleitet mich rund um die Uhr. Und im Unterschied zu manchem anderen politischen Geschäft betreffen diese Situation und die Massnahmen, die wir ergreifen müssen, um Menschenleben zu retten, auch uns Bundesräte ganz persönlich.

Zweifeln Sie manchmal, ob diese weitreichenden Entscheide des Bundesrats wirklich richtig sind?

In einer Krise ist Führung angesagt, da darf man nicht zu perfektionistisch sein. Wir machen das, was wir nach bestem Wissen und Gewissen für richtig halten. Ob jede einzelne Massnahme richtig war, das kann man wohl erst später sagen. Im Moment stellen wir aber fest, dass die Kurve der Neuansteckungen abflacht.

Kann es sein, dass die Medizin gegen das Virus am Ende mehr schadet als das Virus selber?

Es gibt Leute, die finden, dass vor allem ältere Menschen von diesem Virus betroffen sind, die sich ohnehin dem Lebensende nähern. Doch in einem Land wie der Schweiz sind wir nicht nur ethisch verpflichtet, sondern medizinisch und finanziell auch in der Lage, alle Menschen zu schützen.

Also hat die Gesundheit Priorität vor allem?

Ja, der Bundesrat hat die Pflicht, das Leben der Bürgerinnen und Bürger zu schützen. Zugleich setzen wir natürlich alles daran, die Arbeitsplätze und Löhne unter diesen Umständen so gut wie möglich zu sichern.

Jetzt gilt Notrecht wie zuletzt im Zweiten Weltkrieg. Damals dauerte es Jahre, bis der Normalzustand wiederhergestellt war. Garantieren Sie als Justizministerin, dass alle persönlichen Freiheiten rasch wieder gelten?

Im Zweiten Weltkrieg war es über mehrere Jahre nötig, mit Notrecht zu regieren. Jetzt ist es auf sechs Monate befristet. Der Bundesrat ist sehr zurückhaltend mit weiteren notrechtlichen Bestimmungen. Anfang Mai findet eine ausserordentliche Session statt. Auch das Parlament nimmt also seine Aufgabe wahr.

Die Corona-Krise wird gerne mit dem Zweiten Weltkrieg verglichen. Was halten Sie davon?

Mein Vater hat damals mehrere Jahre Aktivdienst geleistet. Meine Eltern wussten nicht, wie lange die Bedrohung andauern würde und wie es ausgehen würde. Die Schweiz konnte das Weltgeschehen nicht beeinflussen. Heute wissen wir, dass es Wochen oder Monate gehen wird, wir können selber handeln, auch jeder Einzelne, um die Verbreitung des Coronavirus zu verhindern. Die Situation ist also nicht vergleichbar.

Der Bundesrat will gleiche Massnahmen für das ganze Land. Wäre Kantönligeist nicht angebracht, da die Situation im Tessin anders ist als im Appenzell?

Wir hatten Verständnis für die geografisch bedingte Notsituation im Tessin und haben Abweichungen akzeptiert. Nichtsdestotrotz braucht es eine nationale Politik. Der Wirtschaftsraum, das soziale und kulturelle Leben enden ja nicht an den Kantonsgrenzen. Das Gleiche gilt für den Weg zurück in die Normalität.

Am Bodensee stehen mitten auf dem Spazierweg Gitter zwischen der Schweiz und Deutschland. Was lösen diese Bilder bei Ihnen aus?

Ich habe Jahrgang 1963 und den Eisernen Vorhang mit den strengen Grenzkontrollen erlebt. Jetzt empfinde ich es als beklemmend, dass wir jetzt nicht in unsere Nachbarländer fahren können. Ich wohne ja im Kanton St. Gallen und mache sonst in dieser Jahreszeit gerne mal einen Ausflug über die Grenze auf die Insel Mainau.

Wie schlimm kommt es mit der Wirtschaft?

Wir müssen uns auf harte Zeiten einstellen, auf eine weltweite Rezession. Die Schweiz ist exportorientiert. Darum wird auch entscheidend sein, wie sich unsere wichtigsten Handelspartner erholen.

Am Donnerstag haben Sie Massnahmen bekannt gegeben, damit es weniger Konkurse gibt. Was ist die Idee?

Der Bund stellt ja zinsfreie Kredite zur Verfügung, um die Liquidität sicherzustellen. Trotzdem kann es passieren, dass wegen der Pandemie bislang kerngesunde Unternehmen in eine Überschuldungssituation kommen und ihre Bilanz deponieren müssen. Wir sorgen jetzt mit befristeten und gezielten rechtlichen Regelungen dafür, dass es nicht gleich so weit kommen muss – eine Art Verschnaufpause also, damit die Firmen nicht unnötig in den Konkurs getrieben und Arbeitsplätze nicht vernichtet werden

Haben Sie als Wirtstochter einen besonderen Bezug zu Kleinunternehmern?

Ich erinnere mich an die Erdölkrise in den 1970er-Jahren. Als Kind habe ich nicht richtig verstanden, worum es geht. Jedoch habe ich die Existenzängste meiner Eltern miterlebt, weil kaum mehr Gäste kamen. Ich habe gefragt, ob wir jetzt dann kein Geld mehr hätten. Ja, ich kann die Ängste und Befürchtungen, gerade in Kleinunternehmen, sehr gut nachvollziehen.

Sind Kleinunternehmen, die jetzt einen Bundeskredit brauchen, überhaupt in der Lage, diesen eines Tages zurückzuzahlen?

Einige werden leider trotz aller Hilfsmassnahmen nicht überleben. Wir machen keinen Schuldenerlass. Aber wir ermöglichen die Stundung, damit nicht unnötig Existenzen und Arbeitsplätze gefährdet werden.

Nach dem 26. April wird es Lockerungen geben. Worauf können wir uns freuen: Öffnen die Läden? Gehen die Kinder wieder zur Schule?

Wir haben der Verwaltung den Auftrag erteilt, dem Bundesrat bis nächsten Donnerstag ein Konzept über die Lockerungen vorzulegen. Wenn die Neuerkrankungen weiter zurückgehen, wird es eine Kaskade geben von Tätigkeiten, die man unter Schutzmassnahmen nacheinander wieder aufnehmen kann. Alle Arten von grossen Menschenansammlungen werden sicher zuletzt an die Reihe kommen.

Es gibt genügend Betten in den Intensivstationen, die Zunahme der Infektionen verlangsamt sich. Wird da die Disziplin der Schweizerinnen und Schweizer bis zum 26. April nicht nachlassen?

Diese Gefahr besteht immer, wenn man nahe am Ziel ist. Es ist aber zentral, dass wir über Ostern und in den darauffolgenden Wochen weiterhin diszipliniert sind und zu Hause bleiben. Mein Mann und ich wollten über Ostern ins Tessin reisen – jetzt bleiben wir halt zu Hause.

Wie verbringen Sie Ostern zu Hause?

Mit Arbeit, Lesen, zwischendurch mit einem Spaziergang. Es ist eine Phase des Verzichts. Da sie in die Osterzeit fällt, hat es eine spezielle Bedeutung: Mein Mann und ich halten uns seit Jahren an die Fastenzeit, welche bekanntlich 40 Tage nach Aschermittwoch am Ostersonntag endet. In dieser Phase verzichten wir auf Alkohol und Süsses. Ich freue mich jetzt umso mehr auf ein Glas Wein und ein feines Dessert morgen (schmunzelt).

Welche Menschen treffen Sie noch?

Fast nur noch meinen Mann. Wir kümmern uns zudem um meinen Bruder und meinen Schwiegervater, die beide praktisch in Selbstquarantäne leben, weil sie aufgrund ihres Alters zur Risikogruppe gehören.

Wie hat sich Ihr beruflicher Alltag verändert?

Die Sitzungen sind jetzt Telefonkonferenzen. Es gibt sehr viel vorzubereiten und zu entscheiden. Speziell ist, dass man trotz dieser Hektik immer alleine ist. Ich sehe ausser den Bunderatskolleginnen und -kollegen nur noch ein paar wenige Personen im Büro.

Bundesrat Parmelin sagte der «Schweizer Illustrierten», dass er aufgrund des Lockdowns nicht zum Coiffeur gehen kann. Wie kommt es, dass Ihre Frisur immer perfekt sitzt?

Mir geht es gleich wie Guy Parmelin. Ich schwanke im Moment noch zwischen Glatze und Pippi Langstrumpf: Alles wegrasieren oder Zöpfe wachsen lassen (lacht).

Wo essen Sie, wenn alle Restaurants geschlossen sind?

Während der Woche koche ich in meiner kleinen Berner Wohnung. Am Samstag gehe ich weiterhin mit meinem Mann einkaufen. So sehe ich auch, wie das derzeit bei den Grossverteilern funktioniert. Dort werde ich im Moment sehr viel angesprochen.

Was sagen die Leute?

Sie danken uns Bundesräten für die Führung, die wir leisten, und wünschen uns Kraft. Wir erhalten auch sehr viel Post: Blumen, Schokolade, Kuchen, Zeichnungen. Das ist eindrücklich!

Gehen Sie davon aus, dass nach dem Lockdown alles wieder gleich sein wird, oder wird sich unser Leben dauerhaft verändern?

Die Corona-Krise wird Spuren hinterlassen. Wir werden noch Jahre später erzählen, wie wir diese Situation mit den Einschränkungen erlebt haben. Ich hoffe, wir werden uns wieder bewusst: Unsere Freiheit ist nicht gottgegeben! Und unser Leben kann sich über Nacht ändern. Nichts ist für immer garantiert, nichts ist selbstverständlich. Wir sollten dankbar sein für das, was wir haben.

nach oben Letzte Änderung 11.04.2020