Demut und Gelassenheit

10. Juli 2021: Das Magazin, Regeln für alle möglichen Lebensmomente

Wie meistert man die Zumutungen des Alltags leichter, wie stellt man sich den grossen Fragen des Lebens?

Karin Keller-Sutter, Bundesrätin

Demut und Gelassenheit sind wichtige Begleiter meiner Arbeit. Beide Eigenschaften sind nicht ein für alle Mal erworben. An beiden muss ich täglich arbeiten. Ich habe einen inneren Kompass und Überzeugungen, die mich leiten. Nur wer eigene Überzeugungen hat, kann sich auch mit anderen Meinungen glaubwürdig auseinandersetzen.

Ich identifiziere mich mit meiner Arbeit, und trotzdem versuche ich ständig, eine gewisse Distanz zu wahren. Mein Amt als Bundesrätin ist mir auf Zeit gegeben. Ich werde eines Tages gehen. Die Institutionen werden aber bleiben. Wer sich mit eigenen Projekten überidentifiziert, kommt nicht weit, verliert zu viel Kraft und Energie und ist nicht kompromissfähig.

Demut bedeutet also, Freude und Engagement in die Arbeit zu legen, ohne sich dabei als Person ins Zentrum zu rücken.

Gelassenheit heisst, den Umgang mit Nähe und Distanz zu eigenen Erfolgen und Rückschlägen möglichst gut zu meistern.

Als Bundesrätin muss man auch gut zuhören können. Meine Eltern haben mir beigebracht, alle Menschen gleich zu behandeln und ihnen auf Augenhöhe zu begegnen. Gespräch und Respekt sind deshalb zentral für meine Arbeit. Ich gehe anderen Meinungen auf den Grund, will sie verstehen, bin neugierig. Wer Lösungen zum Durchbruch verhelfen will, muss andere einbinden und sie wertschätzen.

Mein Alltag ist extrem durchgetaktet. Oft folgt ein Gespräch dem andern, eine Sitzung der nächsten. Dabei habe ich gelernt, mich zu fokussieren. Ich bin dort präsent, wo ich gerade bin. Ich lasse mich auf mein Gegenüber ein, auch wenn ich weiss, dass der nächste Termin schon wartet. Diese Konzentration erlaubt es mir, mich vollständig auf das Gegenüber einzustellen. Diese Art zu arbeiten kostet mich Kraft und verlangt Konzentration auf das Wesentliche. Ich schenke deshalb meinen Mitarbeitenden Vertrauen und lasse ihnen Freiraum.

Persönlich achte ich auf ausreichend Schlaf und einen möglichst regelmässigen Lebensrhythmus. Die Wochenenden verbringe ich gerne in der Natur und im Kreis von Freunden und Familie. Abenteuerferien brauche ich definitiv nicht. Ich erhole mich beim Lesen, schaue gerne Filme und mache gerne ausgedehnte Spaziergänge mit meinem Mann. Wenn ich nicht angestrengt nachdenke, habe ich die besten Ideen.

Letzte Änderung 10.07.2021

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