"Zum Glück bin ich kein ängstlicher Mensch"

Eveline Widmer Schlumpf: Die Bundesrätin über Bodyguards, ihr Leben nach dem Bundesrat und die künftige Zusammenarbeit mit Ueli Maurer

Interviews, EJPD, 18.12.2008. Mittelland Zeitung: Simon Fischer und Fabian Renz

An die schwierige Wiederwahl 2011 mag die Justizministerin noch nicht denken betont aber dass für sie auch Tätigkeiten als Anwältin oder im Bankensektor denkbare Optionen sind.

Frau Bundesrätin Widmer-Schlumpf, haben Sie Ihr Dienstjubiläum am 12. Dezember gehörig gefeiert?
Eveline Widmer-Schlumpf: (lacht) Nein, an diesem Tag haben wir in Basel die Inkraftsetzung des Schengen-Vertrags gefeiert.

Kein nostalgischer Rückblick auf das Jahr 1 im Bundeshaus?
Nein. Ich staune im Rückblick nur, wie schnell das Jahr vorübergegangen ist.

Sie hielten es ursprünglich nicht für möglich, ohne Fraktion im Rücken zu regieren. Hat sich diese Vermutung im Nachhinein als unbegründet erwiesen?
Ich hatte diese Befürchtung aus meiner Optik als Bündner Regierungsrätin geäussert. Da-mals durfte ich auf eine starke Fraktion im Kantonsparlament zählen. Der Vorteil einer Fraktion ist, dass man sich nicht selber ein Kontaktnetz aufzubauen braucht.

Und hier in Bern …
… bin ich gezwungen, einen anderen Weg zu gehen: Ich arbeite projektorientiert, pflege sachbezogene Kontakte mit Parlamentarierinnen und Parlamentariern, die sich für ein be-stimmtes Thema interessieren. Das sind bei der Pflegekinderverordnung andere Leute als bei Schengen/Dublin und wieder andere als bei der Einbürgerungs-Initiative. Dieses Prinzip hat sich in meinem ersten Jahr sehr gut bewährt.

Wobei Ihnen vor allem FDP- und CVP-Leute als Stütze dienen, nehmen wir mal an.
Je nach Sachgeschäft arbeite ich auch mit SVP-Räten eng zusammen. Weiter stehen mir als Ansprechpersonen natürlich meine Parteifreunde aus der BDP zur Verfügung. Insbesondere auch mein Kollege Samuel Schmid; er war mir das ganze Jahr über ein wichtiger Gesprächspartner.

An Schmids Stelle wird nun Ueli Maurer treten, ein Mann, der Sie verbal grob attackiert hat und der meint, aus Ihnen beiden würden «keine Busen-freunde», dazu sei zu viel vorgefallen. Wie sehen Sie das?
Man muss nicht befreundet sein, um zusammenarbeiten zu können. Ich traue uns beiden zu, dass wir auf einer sachlichen Ebene gut miteinander funktionieren.

Wie und wo haben Sie den Tag von Maurers Wahl verbracht? Kamen Erinnerungen an die eigene Wahl hoch?
Nein. Am Morgen waren wir zunächst alle zusammen im Nationalratssaal zur Verabschie-dung von Bundesrat Schmid. Anschliessend haben wir das Wahlprozedere am Fernsehen mitverfolgt, aber nur einen kurzen Moment lang. Ich war am arbeiten, als ich über das Wahlresultat informiert wurde.


Sie verraten uns wohl nicht, ob Sie einen Wunschkandidaten hatten …
Ich habe die Wahl mit Interesse mitverfolgt, aber ich hatte weder einen Favoriten noch eine Prognose. Für mich war die Sache klar: Jemand wird gewählt, und der ist dann unser Kollege.

Die Departementsverteilung ging ziemlich schnell vonstatten …
… aber protokollarisch korrekt. Bundespräsident Couchepin hat an der ersten gemeinsamen Sitzung gefragt, ob wir die Verteilung sogleich oder erst in zwei Tagen vornehmen sollten. Und Ueli Maurer zeigte sich damit einverstanden, das VBS zu übernehmen. Er hat ja im Voraus gesagt, was im VBS alles geändert werden muss. Da ist es sicher richtig, wenn er jetzt diese Änderungen vollziehen kann.

Aus diesen Worten kann man eine gewisse Genugtuung darüber heraushören, dass Herr Maurer nun in eine schwierige Position gerät.
Überhaupt nicht. Aber wenn jemand Kritik übt und dann die Gelegenheit erhält, die entsprechenden Zustände in seinem Sinne zu verbessern, trifft sich das doch gut.

Sie selbst werden es im Abstimmungskampf über die Personenfreizügigkeit in den kommenden anderthalb Monaten wieder sehr direkt mit Maurers Partei zu tun bekom-men. Erwarten Sie von ihm, dass er mässigend auf seine SVP einwirkt?
Ich denke, Herr Maurer weiss selber, wie man sich zu verhalten hat. Das braucht man er-wachsenen Leuten nicht beizubringen. Abgesehen davon überrascht mich inzwischen fast nichts mehr, was von der SVP kommt. Ich habe in den ersten vier Monaten im Amt Dinge erlebt, die an Heftigkeit kaum noch zu übertreffen waren. In gewisser Weise hat mich das abgehärtet. Was vielleicht nicht nur positiv ist.

Und Ihnen umgekehrt nützt, wenn Sie, wie einmal in einer Fragestunde im Nationalrat geschehen, von SVP-Mann Alexander Baumann als Verräterin und als inkompetent angerempelt werden.
Ja, Sie werden selber festgestellt haben, dass mich dieser Vorfall nicht aus der Fassung gebracht hat. Ich bin manchmal erstaunt, wenn ich über die Veränderung nachdenke, die ich diesbezüglich durchgemacht habe. Früher konnte ich sehr emotional reagieren. Und inzwi-schen bin ich innerlich völlig gelassen.

Mussten Sie oft um Ihre persönliche Sicherheit fürchten?
Es gab auch in der zweiten Jahreshälfte noch massive Drohungen, wenn auch weniger als vorher. Zum Glück bin ich kein ängstlicher Mensch.

Also keine Dauerbegleitung durch Bodyguards in der Öffentlichkeit?
Nein. Ich bin viel allein unterwegs. Ich betrachte das als Teil meiner persönlichen Autonomie.

Werfen wir noch kurz einen Blick in Ihre Zukunft. FDP-Fraktionschefin Gabi Huber hat am Samstag in einem Zeitungsinterview offen Ihre Abwahl 2011 als mögliches Szenario in den Raum gestellt. Glauben Sie selbst an Ihre Wiederwahl?
Für mich ist 2011 schlicht kein Thema. Ich wurde im Dezember 2007 für vier Jahre gewählt. Was danach sein wird, kann heute niemand sagen. Diese Ungewissheit empfinde ich nicht als Belastung.

Ist es für Sie eine Option, angesichts geringer Wahlchancen auf eine erneute Kandidatur zu verzichten?
Alle Optionen sind für mich offen. Ich bin nicht fixiert auf ein politisches Leben. Von Politik über Freiwilligenarbeit bis zur Arbeit als Anwältin oder eine Tätigkeit im Bankenbereich ist für mich sehr vieles denkbar. Ich verfüge zum Glück über eine Ausbildung und eine Berufserfahrung, durch die mir viele Türen offen stehen.

nach oben Letzte Änderung 18.12.2008