"Ich habe grosse Bedenken gegenüber dieser Entwicklung"

Schlagwörter: Sterbehilfe

Interviews, EJPD, 18.12.2008. Südostschweiz: Simon Fischer und Fabian Renz

Südostschweiz: "Bundesrätin Widmer-Schlumpf findet es höchst beunruhigend, dass vermehrt Menschen ohne tödliche Krankheit Suizidhilfe beanspruchen. Im Gegensatz zu Christoph Blocher will sie dem einen Riegel schieben."

Sie haben in mehreren Sachbereichen, etwa im Asylwesen, andere Akzente als Ihr Vorgänger Christoph Blocher gesetzt. Einen anderen Standpunkt vertreten Sie insbesondere in der Suizidhilfe: Sie wollen klarere Regeln als Blocher. Weshalb?
Es geht um ethische und moralische Fragen. Im Gespräch mit Ethikern, Medizinern, Staatsanwälten und Kirchenvertretern haben wir festgestellt, dass gewisse Praktiken schwer vertretbar sind und überprüft werden müssen.

Zum Beispiel?
Es stellt sich einerseits die Frage, welche Kompetenzen Suizidbegleiter haben und welche Anforderungen sie erfüllen müssen. Ausserdem darf es nicht sein, dass jemand in die Schweiz kommt, eine Sterbehilfeorganisation aufsucht und 48 Stunden später tot ist. Wir können zwar niemanden daran hindern, Suizid zu begehen. Aber wir können Massnahmen treffen, die verhindern helfen, dass dies im Affekt geschieht. Wir prüfen auch, inwieweit solche Fälle künftig dokumentiert werden müssen. Auch die Buchführungen von Suizidhilfeorganisationen wollen wir genau unter die Lupe nehmen. Nur so kann überprüft werden, ob tatsächlich reine Hilfeleistung als Motivation dient und nicht die Bereicherung einer Organisation.

Was heisst das für Suizidhilfeorganisationen wie Exit und Dignitas?
Diese Organisationen dürfen junge Menschen, die in eine Krise geraten, sicher nicht noch unterstützen in ihrem Vorhaben, sich das Leben zu nehmen. Im Gegenteil, es wäre ihre Aufgabe, abzuklären, was jemanden so weit treibt. Sind es soziale Probleme? Stecken finanzielle Schwierigkeiten dahinter?

Ist es denkbar, dass Exit und Dignitas künftig vom Bund überwacht werden?
Die Organisationen selber wollen wir nicht unter Aufsicht stellen. Zu prüfen ist aber, ob und gegebenenfalls wie sichergestellt werden soll und kann, dass die bereits erwähnten Bedingungen eingehalten werden.

Sie haben für kommendes Jahr einen Bericht über den Stand der Dinge in Sachen Suizidhilfe angekündigt. Wann ist damit zu rechnen?
Der Bericht wird im Frühling veröffentlicht werden.

Und was wird drinstehen?
Dazu sage ich nichts. Wir befinden uns noch mitten in der Diskussion und beziehen dabei auch Fachleute mit ein, die in der Praxis mit Sterbehilfe zu tun haben.

Im Ausland stösst unsere Sterbehilfe-Praxis oft auf Unverständnis. Wie erklären Sie beispielsweise einem Deutschen die liberale Haltung der Schweiz?
Ich versuche klarzumachen, dass man zwischen den verschiedenen Arten der Sterbehilfe unterscheiden muss. Aktive Sterbehilfe ist auch bei uns ohne jegliche Ausnahme verboten. Erlaubt ist lediglich die indirekte aktive Sterbehilfe. Davon sprechen wir, wenn eine schwere Krankheit mit einem Medikament behandelt wird, das zwar schmerzlindernd ist, zugleich aber das Eintreten des Todes beschleunigen kann. Dann gibt es noch die passive Sterbehilfe, bei der lediglich die lebensverlängernden Massnahmen eingestellt werden. Auch dies wird bei uns akzeptiert. Diese Unterscheidung wird oft nicht verstanden. Suizidhilfeorganisationen dürfen lediglich Lokalitäten zur Verfügung stellen und die Betroffenen begleiten.

Eine Anfang November veröffentlichte Nationalfonds-Studie besagt, dass Sterbehilfe vermehrt von Menschen ohne tödliche Erkrankung in Anspruch genommen wird. Was halten Sie davon?
Ich habe grosse Bedenken gegenüber dieser Entwicklung. Der Staat kann das nicht gutheissen, denn er ist dazu da, Leben zu schützen und auch in schwierigen Lebenssituationen Unterstützung zu bieten. Wenn Menschen Probleme haben, seien es junge oder alte, dann sind präventive und palliative Massnahmen gefragt. Das heisst nicht, dass ich es verurteile, wenn jemand Suizid begeht.

Und Sie befürworten grundsätzlich also auch, dass Suizidbeihilfe geleistet werden darf?
Wenn sich die Suizidhilfeorganisationen in einem klar definierten Rahmen bewegen, der ethisch und moralisch vertretbar ist, dann müssen wir den freien Willen eines Schwerkranken respektieren.

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nach oben Letzte Änderung 18.12.2008