"Eine Zwangsheirat entspricht uns nicht"

Schlagwörter: Kantone

Interviews, EJPD, 05.05.2009. Bieler Tagblatt, Catherine Duttweiler

Bieler Tagblatt: "Justizministerin Eveline Widmer-Schlumpf ruft zur Toleranz auf. Sie hat Verständnis für Biel und die Welschbieler."

Frau Bundesrätin, Sie sagten heute, es gebe Wichtigeres als der Verlauf einer Kantonsgrenze. Wie wichtig ist der heutige Tag für die Jurafrage?
Ich bin stolz auf das Resultat, das ich als wichtige Etappe in einem langen Prozess sehe. In den letzten 15 Jahren hat sich die Situation stark versachlicht: Man redet wieder miteinander. Aber die Gepräche müssen weitergehen – in einer ähnlich guten Art wie in den letzten Jahren. Es ist heute völlig offen, ob der Prozess noch zwei oder fünf oder zehn Jahre dauert. Das hängt vor allem davon ab, wie sich der Kanton Bern positionieren wird.

Sie haben in Ihrer Stellungnahme starke Druckversuche der Separatisten angesprochen. Was haben Sie konkret damit gemeint? Haben Sie selber Pressionen erlitten?
Ich will auf keine Details eingehen, aber es ist wichtig, dass man sich nicht unter Druck setzen lässt. Es gab auf beiden Seiten immer wieder Druckversuche, und das bringt nichts. Die beiden Kantonsregierungen haben mit dem heutigen Bericht aufgezeigt, dass man gemeinsam Lösungen finden kann. Das soll auch in Zukunft gelten.

Die Interjurassische Versammlung schlägt eine Volksabstimmung vor. Ist das sinnvoll?
Das müssen die Kantone Bern und Jura entscheiden. Es ist aus demokratiepolitischen Gründen sicher bedenkenswert.

Falls es zu einer neuen Volksabstimmung kommt, besteht die Gefahr, dass die alten Emotionen wieder hochkommen.
Der Kanton Jura ist immerhin vor über 30 Jahren entstanden. Heute prägt eine andere Generation den öffentlichen Diskurs, die regionsübergreifende Zusammenarbeit wird breit diskutiert. Vielleicht gäbe es tatsächlich nicht mehr denselben Aufruhr und die Heftigkeit wie früher. Darüber muss der Kanton Bern befinden.

Sie sehen Ihre Rolle als Mediatorin und nehmen auch in diesem Interview nur zurückhaltend Stellung. Warum?
Ich habe sehr wohl eine Meinung zum Juradossier. Aber die Funktion des Bundes ist in der Vereinbarung von 1994 ganz klar umschrieben: Der Bund kann als Mediator auftreten und ist Gesprächspartner der Kantone. Daher habe ich heute auch an den Respekt und die Toleranz appelliert. Eine Zwangsheirat würde nicht unseren Sitten entsprechen. Im Konfliktfall allerdings müsste die Rolle des Bundes überdacht werden.

Die Stadt Biel befindet sich in einer speziellen Situation: Sie verliert womöglich ihr Hinterland. Haben Sie Verständnis für die damit verbundenen Probleme?
Absolut. Ich stamme aus einem Kanton, in welchem gewisse romanische und italienischsprachige Talschaften kein Hinterland haben, deshalb kann ich diese Bedenken sehr gut nachvollziehen.

Wegen der Zweisprachigkeit hat die Stadt Biel heute eine Brückenfunktion innerhalb des Kantons, aber auch zwischen Romandie und Deutschschweiz. Mit einer Abtrennung der bernjurassischen Bezirke würde die Stellung der Welschbieler geschwächt. Wie stellen Sie sich dazu?
Das sehe ich genauso und das wäre sehr schade – das ist meine persönliche Auffassung. Der zweisprachige Kanton Bern ist ein echtes Markenzeichen, ein kultureller Wert. Ich selber stamme aus einem dreisprachigen Kanton und weiss um die Chance und Bedeutung, wenn sich mehrere Sprachen und Kulturen in einem Kanton ergänzen.

nach oben Letzte Änderung 05.05.2009