" 'Hoher' Besuch in Stettlen"

Interviews, EJPD, 21.10.2010. Bantiger Post, Erika Pulfer-Bill

Bantiger Post: "Welche Herausforderungen auf sie als Finanzministerin warten, welche 'Vergnügen' sie sich ab und zu gönnt und was sie gerne kocht: All dies und noch mehr verrät die Bündner Bundesrätin im folgenden Interview."

Was bewegt Sie dazu, als Bundesrätin in die kleine Berner Vorortsgemeinde Stettlen zu kommen?
Die BDP Worblental hat mich eingeladen, um insbesondere über die Ausschaffungs-Initiative und den Gegenvorschlag, über die wir am 28. November 2010 abstimmen, zu sprechen. Ich freue mich auf die Begegnung mit den Bürgerinnen und Bürgern und auf eine – so hoffe ich – intensive Diskussion.

Sie haben mit Stettlens Gemeindepräsident Lorenz Hess etwas gemeinsam: Als ehemaliges SVP-Mitglied gehören auch Sie der BDP an. Gibt es Bereiche, in denen Sie heute parteipolitisch anders denken als früher?
Wie viele ehemalige Mitglieder der SVP haben auch Lorenz Hess und ich in der BDP eine neue politische Heimat gefunden. Wir haben uns in einer Partei zusammengeschlossen, die in der Mitte politisiert und die ihrem Gedankengut, ihren Ideen treu bleibt, die wir als Liberale bereits in der SVP vertreten haben.

Die Frauen sind im Bundesrat neu in der Mehrheit. Welches Kriterium ist für Sie bei der Wahl in die Landesregierung matchentscheidend: Das Geschlecht, die Persönlichkeit oder die Parteizugehörigkeit?
Das Geschlecht soll meines Erachtens keine Rolle spielen, allein die Eignung und die Fähigkeiten sind massgebend. In der Politik braucht es Frauen und Männer, die gemeinsam versuchen, Lösungen zu finden. Frauen bringen oft einen anderen Erfahrungshorizont mit, insbesondere dann, wenn sie Kinder grossgezogen haben. Das kann dazu führen, dass gewisse Themen anders angegangen werden.

Ihr bundesrätlicher Wunsch nach einem Wechsel vom Justiz- ins Finanzdepartement hat sich erfüllt. Sind Sie nun "wunschlos" glücklich?
Bei der Departementsverteilung ist es nicht darum gegangen, mir oder jemand anderem einen Wunsch zu erfüllen. Die Verteilung ist im Bundesrat diskutiert worden. Das Gremium kam zum Schluss, es sei eine gute Lösung, wenn ich aufgrund meiner langjährigen Erfahrung das Finanzdepartement übernehmen würde.

Auch ein Wunschressort hat seine Tücken. Auf welche Herausforderungen freuen Sie sich als Finanzministerin besonders?
In den kommenden Monaten stehen im Finanzdepartement wichtige Geschäfte an. So stimmen die Schweizerinnen und Schweizer am 28. November über die "Steuergerechtigkeits-Initaitive" ab. Bundesrat und Parlament empfehlen die Initiative zur Ablehnung, weil sie den Steuerwettbewerb in Frage stellt und die kantonale Souveränität in Steuerbelangen beschneidet. Weiter ist das Eidgenössische Finanzdepartement vom Bundesrat beauftragt worden, bis Anfang 2011 eine Vernehmlassungsvorlage zu den Vorschlägen der "Too big to fail"-Expertenkommission vorzubereiten.

Als zuständige Bundesrätin für das Finanzdepartement sind Sie Chefin über ein Budget in der Höhe von knapp 15 Milliarden Franken. Wer ist für das "Haushaltsbudget" der Familie Widmer-Schlumpf zuständig?
Mein Mann und ich machen das "Haushaltsbudget" seit jeher gemeinsam.

Sie sind Bundesrätin, aber auch Ehefrau und Mutter. Wofür reicht die Zeit und wer oder was kommt allenfalls zu kurz?
Ich versuche, immer wieder ein Wochenende zuhause in Felsberg zu sein. Wie in vielen anderen Bereichen auch zählt hier für mich die Qualität und nicht die Quantität. So gut es geht, versuche ich mir während der Woche Zeit zu nehmen, um mit meiner Familie in Kontakt zu sein, sei es auch nur per Telefon oder per SMS. Oft besuchen mich auch meine beiden Töchter, mein Sohn und mein Mann in Bern.

Sie gelten als zäh und – nach Ihren eigenen Aussagen – manchmal gar als "unerträglich" realistisch und vernünftig. Gibt es trotzdem kleine "Vergnügen", die Sie sich ab und zu gönnen?
Wenn Sie unter "Vergnügen" Freizeitaktivitäten verstehen: Ich gehe sehr gerne ins Theater und an Konzerte. Auch unternehme ich mit meiner Familie immer wieder mal eine Wanderung oder eine Schneeschuh-Tour.

"Ich kann das allein." Nach diesem Grundsatz haben Sie offenbar schon als Kind gelebt. Fällt es Ihnen schwer, fremde Hilfe anzunehmen, vor wichtigen Entscheiden um Rat zu fragen?
Nein. Als Bundesrätin habe ich in meinem direkten Zuständigkeitsbereich Entscheide zu treffen und diese auch zu verantworten. Es ist aber so, dass ich im Prozess der Entscheidfindung mit meinen Mitarbeitenden und gegebenenfalls mit Vertreterinnen und Vertretern politischer Parteien oder Organisationen das Gespräch suche und mich gern intensiv mit anderen, kontroversen Meinungen auseinandersetze.

Sie sind keine "Show-Woman", die sich auf der politischen Bühne inszeniert. Ihre Argumente kommen sachlich und nüchtern, dafür umso glaubwürdiger daher. Ist das nur die eine – berufliche - Seite der Eveline Widmer-Schlumpf?
Zwischen Öffentlichem und Privatem kann ich gut unterscheiden. Ich nehme nicht alles bitterernst und kann auch über mich selber lachen. Die Personen, die mich im privaten Umfeld erleben, kennen diese Eigenschaften an mir.

Verraten Sie als Bündnerin den Leserinnen und Lesern der Bantiger Post zum Schluss noch Ihr kulinarisches Lieblingsrezept?
Als leidenschaftliche Köchin habe ich natürlich mehrere Lieblingsrezepte. Ich koche immer wieder gerne Triner Capuns, eine grobkörnige Bündner Bramata mit Geschnetzeltem und Broccoli oder eine Churer Fleischtorte mit Salat.

nach oben Letzte Änderung 21.10.2010