Porträt-Artikel: "Sie schaut genau hin, und sie hört aufmerksam zu"

Interviews, EJPD, 04.07.2014. Magazin Emma, Ausgabe Juli/August 2014, Brigitte Hürlimann

Emma: "Sommaruga – die Superministerin. Sie ist eine klarsichtige Politikerin – auch wenn sie nicht mit dem Sieg des Volksbegehrens für ein Berufsverbot für Pädophile gerechnet hatte."

Eine Fahrt im Konvoi von der Bukarester Innenstadt in Richtung bulgarische Grenze. Es ist ein kalter, grauer Novembermorgen, die Autokolonne zählt ein halbes Dutzend massive, dunkelfarbene Fahrzeuge mit getönten Scheiben.

Zuvorderst und zuhinterst markieren Polizeiautos Präsenz. Sie sind mit Sirene und Blaulicht unterwegs, schlagen ein forsches Tempo an und sorgen für freie Bahn. Inmitten dieses filmreifen Konvois fährt die Schweizer Justiz/Polizei/Migrationsministerin, Simonetta Sommaruga. Der wenig diskrete Auftritt ist der Ministerin eher unangenehm – das Ziel des Ausflugs umso wichtiger. Die rumänisch-schweizerische Delegation besichtigt ein staatliches Auffangzentrum für Opfer von Menschenhandel.

Dieser Besuch ist gleich mehrfach typisch für Simonetta Sommaruga: Der Kampf gegen den' Menschenhandel gehört zu ihren Prioritäten. Sie arbeitet konsequent an der nationalen und internationalen Vernetzung von Polizei, Opferschutzbehörden und regierungsunabhängigen Fachstellen. Doch Rumänien ist nur ein Beispiel solcher internationaler Kooperationen. "Es darf nicht sein, dass für die Menschenhändler der Profit groß und das Risiko klein ist, sagt die Ministerin.

Wenn immer möglich geht die Pianistin und frühere Konsumentenschützerin direkt vor Ort, im Inland wie im Ausland. Sie schaut genau hin, und sie hört aufmerksam zu. Sommaruga besucht zum Beispiel, wie jüngst auf ihrer Westbalkan-Tour, eine Familie in einem Roma-Dorf, um sich aus erster Hand über deren Sorgen, Nöte und Hoffnungen zu erkundigen – und darüber, warum so viele Roma in der Schweiz ein Asylgesuch stellen. Oder warum sich junge Roma-Frauen auf dem Zürcher Straßenstrich prostituieren, meist unter der Fuchtel von Zuhälterbanden.

In Bukarest setzt sie ein Gespräch mit der NGO Adpare auf die Agenda und besucht das Team in einer geheimen Schutzwohnung. Der Begleittross wartet derweil draußen. Im staatlichen Auffangzentrum für Opfer von Menschenhandel organisiert sie spontan eine Gesprächsrunde mit Frauen in einem separaten Raum: Weil die männlichen Vorgesetzten den weiblichen Angestellten ständig ins Wort fallen. Und während ihrer Westbalkan-Reise ändert sie bei einem offiziellen Nachtessen kurzerhand die Tischordnung. Sie organisierte einen Frauentisch, um mit Bosnierinnen ungestört über deren Kriegs- und Nachkriegserfahrungen reden zu können.

Dass ihr dies gelingt, ohne die Gastgeber zu brüskieren, das kennzeichnet die Vorgehensweise der 54-jährigen, fünfsprachigen Politikerin, die man in der Schweiz als "Brückenbauerin" und "Netzwerkerin" bezeichnet. Simonetta Sommaruga, verheiratet mit dem Schweizer Schriftsteller Lukas Hartmann, findet über die Partei- und Landesgrenzen hinaus Respekt und Anerkennung.

Kaum einer, der sich heute noch darüber mokiert, dass eine gelernte Pianistin seit 2010 für die Justiz, die Polizei und das Migrationswesen in der Schweiz zuständig ist. Sommaruga hat längst bewiesen, dass sie es kann. Und dass man sie nicht unterschätzen sollte.

Die Schweizer Justizministerin kehrt auch vor der eigenen Haustüre. Sie besucht in der Zürcher Rotlichtmeile eine Prostituierte in deren winziger Absteige und erkundigt sich nach den Arbeitsbedingungen im Milieu. Sie pflegt engen Kontakt mit den Schweizer NGOs, und sie nimmt Widerspruch in Kauf: "Es ist die Aufgabe der NGO, uns Regierende kritisch zu hinterfragen."

So hat Sommaruga, die ja selbst aus der NGO-Bewegung kommt, dafür gesorgt, dass im ersten Schweizerischen Testzentrum für die neuen, beschleunigten Asylverfahren NGOs direkt vor Ort Rechtsberatung anbieten. Sie initiiert runde Tische gegen den Menschenhandel und setzt sich für einen Ausbau der Zeugenschutzprogramme ein. "Nur so", sagt sie, "wenn die Opfer es wagen können, als Zeugen auszusagen, kommt man den Täternetzwerken auf die Spur."

In der Schweiz gibt es bis heute nur ein Dutzend Verurteilungen wegen Menschenhandels pro Jahr. Neu werden ab dem 1. Juli in der Schweiz jene Freier und Bordellbetreiber bestraft, die sich mit minderjährigen Prostituierten einlassen.

Was die "selbstbestimmte Prostitution" von volljährigen Frauen und Männern betrifft, sieht die Schweiz von Verboten ab - in den Städten und Kantonen nehmen allerdings die Auflagen für das Prostitutionsgewerbe zu. Die Ministerin betont: "Wir dürfen Prostitution auf keinen Fall banalisieren."

Im Vordergrund steht bei Simonetta Sommaruga die Würde des Menschen. Das ist ihr Leitfaden, ihr Motiv, ihre Triebfeder. Ihre Fähigkeiten als Brückenbauerin sind derzeit besonders gefragt. Etwa dann, wenn sie den europäischen Partnern erklären muss, wie die Schweiz die vom Volkssouverän via Volksabstimmung gewünschten Einwanderungskontingente umzusetzen gedenkt, ohne die Verträge mit der EU zu verletzen. Oder wenn sie ihren Landsleuten klarzumachen versucht, dass die Ehe längst nicht mehr die einzige schützenswerte Form des Zusammenlebens darstellt. Oder, nicht minder heikel: Wenn sie darauf aufmerksam macht, dass sich die Schweiz in Sachen faktischer Geschlechtergleichstellung auf dem Niveau eines Entwicklungslandes befindet. Denn Politikerinnen wie sie sind in der Schweiz noch die Ausnahme.

nach oben Letzte Änderung 04.07.2014