Solothurner Filmtage als Schauplatz von Debatten

Reden, EJPD, 24.01.2015. Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga. Es gilt das gesprochene Wort.

Rede von Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga am Festakt zum 50. Jubiläum der Solothurner Filmtage.

Geschätzte Filmemacherinnen und Filmemacher,
meine Damen und Herren aus Kultur, Gesellschaft, Wirtschaft und Politik,
geschätzte Gäste

Ich habe eine bewegte Woche hinter mir: das Albisgüetli in Zürich, das WEF in Davos, Herrn Jordan am Telefon: eine richtige Berg- und Talfahrt.

Jetzt könnte man sagen: Ein feierliches Jubiläum wie heute, das ist ein entspannender Abschluss einer solchen Woche. Schön wär’s. Die Direktorin der Solothurner Filmtage sagte mir vor kurzem: „Meine Lieblingsreden dauern genau 12 Minuten.“ – 12 Minuten für 50 Jahre Solothurner Filmtage: das ist Stress. Aber ich sagte vor einer Woche am Albisgüetli: „Am Albisgüetli gibt’s nur einen Boss.“ Also gilt das auch hier: An den Filmtagen gibt’s nur eine Chefin. Drum, Frau Rohrer, dauert meine Rede jetzt noch genau elfeinhalb Minuten.

Meine Damen und Herren, seit 50 Jahren begegnen sich hier in Solothurn der Film und das Publikum.

Unsere Begegnungen mit einem Film oder einem anderen Kunstwerk haben immer eine individuelle, persönliche Ebene. Das Dunkel des Kinosaals verleiht diesem Gefühl zusätzliche Intensität und Intimität. – Das ist aber in jedem Kino und an jedem Festival so, das macht nicht die Besonderheit der Solothurner Filmtage aus.

Das Besondere an den Solothurner Filmtagen ist die Begegnung zwischen Film und Publikum. Diese Begegnung lässt seit 50 Jahren etwas entstehen. Und zwar: Debatten.

Das ist für mich das Markenzeichen der Solothurner Filmtage.

Sie sind nicht nur die wichtigste Plattform des Schweizer Films. Die Solothurner Filmtage sind seit fünf Jahrzehnten immer wieder Ort und Schauplatz von Debatten.

Die Debatten beginnen in einem Kinosaal. Sie werden fortgeführt, in der Beiz. Im Kreuz. Und von dort gehen sie weiter. Oft finden sie den Weg in die Feuilletons. Manchmal erreichen sie die Frontseiten. Und die Politik.

Meine Damen und Herren: Filme nehmen uns mit auf Reisen. Filme reisen. Debatten reisen. – Das sind die Solothurner Filmtage.

Oft nahmen Filme, die an den Filmtagen gezeigt wurden – wie Seismographen –, politische Debatten vorweg:

Der Film Gossliwil fragte schon 1985: Wie verändert sich die Landwirtschaft und die Rolle der Bauern in einer globalisierten Gesellschaft? Mit einigem zeitlichen Abstand nahm dann auch die Politik diese Fragen auf.

Manche Filme wurden geradezu zum Sinnbild gewisser politischer Debatten:

Wer denkt bei einer Diskussion über Einbürgerung nicht an Die Schweizermacher? Wenn Sie jetzt schmunzeln und denken: Was waren das früher für Zeiten? –, dann kläre ich Sie gerne auf: Das läuft heute immer noch so. – Vor kurzem erklärte ein Beamter einer grossen Schweizer Stadt in einem Interview, man prüfe bei so genannt erleichterten Einbürgerungen selbstverständlich, ob ein einbürgerungswilliges Paar in tatsächlicher Ehe lebe. Dazu seien halt Hausbesuche nötig, ganz besonders aufschlussreich seien im Badezimmer die Anzahl der Zahnbürstli. – Auch wichtig sei, ob die Frauen jeweils eine überzeugende Antwort hätten auf die Frage aller Fragen: „Wo isch eigentlich ihre Maa?“

Und natürlich gab es immer wieder Filme, die Debatten auslösten über unsere Vergangenheit:

Akte Grüninger oder Der Verdingbub sind solche Filme. – Sie leisten etwas, das von unschätzbarem Wert ist: Wir können uns und die Schweiz nur verstehen, wenn wir unsere Geschichte kennen – auch ihre Schattenseiten.  

Meine Damen und Herren, im Vorfeld des Jubiläums lasen wir neben vielen Würdigungen auch Kritisches über die Solothurner Filmtage. Filme – so der Vorwurf – hatten hier lange klar links zu sein, sonst seien sie gar nicht ernst genommen worden.

Es trifft wohl zu, dass manche Filme heute dem Publikum mehr zutrauen als noch vor drei Jahrzehnten. Zeitgenössische Filme bieten uns weniger Gewissheiten an. – „Weniger Gewissheit“ darf aber nicht „Beliebigkeit“ heissen.

Filme müssen relevant sein. Und relevant sind sie nur dann, wenn Sie unsere Sehgewohnheiten in Frage stellen. Wenn sie mutig sind oder unbequem. Oder besser noch: mutig und unbequem. Denn:

Wer in Harmonie und Einklang lebt mit der Welt, der geniesse sein Glück. Und mache keine Filme.

Damit einige Bemerkungen zur Kulturförderung.

Kritische und politische Filme und andere Kunstwerke sind seit jeher die besten Indikatoren dafür, wie selbstsicher und wie gefestigt eine demokratische Gesellschaft ist.

Es ist zum Beispiel kein Zeichen von Selbstsicherheit, wenn auf politisch unliebsame Kunst und Kultur mit Subventionskürzungen reagiert wird.

Vor einigen Jahren, Sie erinnern sich, kürzte das Parlament das Budget für Pro Helvetia um eine Million, weil die Installation «Swiss-Swiss Democracy» von Thomas Hirschhorn als Provokation empfunden wurde.

Meine Damen und Herren: Eine demokratische Gesellschaft muss stark genug sein, um Kritik zu ertragen, auch wenn sie unangenehm ist.

Die kritische politische Debatte ist das Salz der Demokratie.

Das weiss der Bundesrat, und er hat deshalb in seiner Kulturbotschaft 2016 – 2020 festgehalten, dass er die Mittel für die Filmförderung um 6 Millionen Franken erhöhen will. – Hoffen wir also, die nächste Vernissage von Hirschhorn findet nicht gerade zwei Wochen vor der parlamentarischen Beratung statt.

Geschätzte Frau Direktorin Seraina Rohrer, die 12 Minuten, die Sie mir gewährt haben, sind fast abgelaufen. Drum zum Schluss nur ein Wunsch:

Sorgen Sie dafür, dass an den Solothurner Filmtagen weiterhin debattiert und diskutiert wird. – Der Rest ergibt sich dann von selbst.

Geschätzte Filmemacherinnen und Filmemacher, meine Damen und Herren, es ist mir eine Freude und es ist mir eine Ehre, Ihnen die herzlichen Grüsse und Glückwünsche der Landesregierung zu überbringen.

nach oben Letzte Änderung 24.01.2015