Die Uhrenbranche vereint das Schweizerische und die Weltoffenheit

Schlagwörter: Geistiges Eigentum

Reden, EJPD, 17.03.2016. Bundesrätin Simonetta Sommaruga. Es gilt das gesprochene Wort.

Rede von Bundesrätin Simonetta Sommaruga zur Eröffnung der Baselworld 2016

Bundesrätin Simonetta Sommaruga hält die Eröffnungsrede
Eröffnungsrede von Bundesrätin Simonetta Sommaruga (Foto: Baselworld)

 

Sehr geehrte Vertreter/-innen der Uhren- und Schmuckbranche, meine Damen und Herren aus Politik und Wirtschaft, geschätzte Baslerinnen und Basler, Mesdames et Messieurs

 

Vielleicht fragen Sie sich, weshalb heute ausgerechnet die Justizministerin die Baselworld eröffnet. Man verbindet das EJPD ja spontan nicht mit glänzenden Uhren und funkelndem Schmuck, sondern eher mit harten und schwierigen politischen Themen.

Wenn Sie deshalb vermuten, ich sei hier an der Uhrenmesse, um das richtige Timing zu suchen für die Umsetzung der MEI – dann muss ich das aber verneinen.

Ich bin vielmehr hier, weil mein Departement mit der Uhrenbranche viel verbundener ist, als gemeinhin angenommen wird.
Zum einen ist das EJPD federführend bei der Swissness-Vorlage. Also bei der Frage, wie viel Schweizerisches z.B. in einer Uhr sein muss, damit sie als Schweizer Uhr verkauft werden darf. Es gibt einen zweiten – für viele wohl überraschenden – Bezug zwischen Uhren und dem EJPD:

Im EJPD, nämlich im Eidgenössischen Institut für Metrologie (METAS), wird nichts weniger als: die Schweizer Zeit gemacht.

Das ist etwas salopp ausgedrückt. Im Gesetz heisst es, ich zitiere:

„Das METAS verbreitet die gesetzliche Zeit der Schweiz.“

Was bedeutet das, was muss man sich darunter vorstellen?

Das METAS betreibt in einem Labor fünf Atomuhren, aus deren Daten es die Schweizer Zeit berechnet. Diese Zeitskala wird über Satellit mit den Daten von Metrologieinstitute anderer Länder verglichen. Die so entstandenen Vergleichsdaten von 350 Atomuhren werden ans Internationale Büro für Mass und Gewicht in Paris übermittelt, woraus die koordinierte Weltzeit errechnet wird.

Vielleicht interessiert sie, wie genau die offizielle Zeit der Schweiz gemessen wird:

Während sich die Uhrenindustrie in der Regel an der Hundertstel- oder Tausendstelsekunde ausrichtet, misst das Zeitlabor des METAS die Sekunde bis auf die 15. Stelle nach dem Komma – also mehr als 100 Milliarden Mal genauer.

Das METAS stellt der Uhrenindustrie zudem Dienstleistungen zur Verfügung, z.B. die Kalibrierung von Messgeräten wie auch die Zertifizierung oder Druckprüfung von Uhren.

Aber genug Physik, ich fasse zusammen: Das METAS ist sozusagen das Epizentrum der Schweizer Genauigkeit.
Und das EJPD stellt also sicher, dass all die genauen Schweizer Uhren auch alle zur gleichen Zeit richtig ticken.

Die Baselworld ist die grösste Uhren- und Schmuckmesse der Welt. Die Unternehmen, die hier ausstellen, entwickeln Produkte für globale Märkte – und doch ist der Kunde jedes Uhren- oder Schmuckherstellers immer:

Ein einzelner Mensch.

Wir Menschen tragen Schmuck, um unsere Einzigartigkeit, unsere Individualität zu betonen. Es ist kein Zufall, dass das Wort Schmuck nur in der Einzahl existiert.

Und genau hier spiegelt sich eine der grossen Fragen unserer Zeit:

Gibt es einen Widerspruch zwischen Globalisierung und Individualität? Oder anders gefragt: Bedroht die Globalisierung unsere Identität?

Wie anspruchsvoll solche Fragen sind, zeigt sich auch in ganz konkreten Sachgeschäften: Was macht denn z.B. unsere schweizerische Identität aus, also unsere Swissness? Und ist es nicht gerade bezeichnend, dass die Swissness-Vorlage in globalem Englisch daherkommt, obwohl wir ja immerhin vier Landessprachen zur Verfügung hätten?

Wir alle kennen den ökonomischen Wert der Swissness:

Wenn auf einer Uhr „Swiss made“ drauf steht, ist der Kunde bereit, deutlich mehr dafür zu bezahlen. Identität bringt also ökonomischen Profit.

Ich begrüsse es, dass das Parlament nach jahrelangem hartem Ringen letztlich entschieden hat, dass bei industriellen Produkten mindestens 60% und nicht nur 50% der Herstellungskosten in der Schweiz anfallen müssen, damit ein Produkt das Label „Swiss made“ tragen kann.

Auch die Uhrenbranche war sich nicht durchwegs einig: Es gab vehementen Einsatz für die 60%-Regelung, manche Branchenvertreter lobbyierten aber auch dagegen.

Vergessen wir aber nie: Identität lässt sich zwar ökonomisch nutzen und vermarkten. Aber Identität entsteht nicht primär ökonomisch. Identität ist Kultur.

Und Identität ist wichtig. Ich bin überzeugt:

Wer gefestigt ist in seiner eigenen Identität, muss sich nicht abschotten, sondern kann sich öffnen.

Meine Damen und Herren: Die Uhrenbranche ist nicht nur volkswirtschaftlich eine der wichtigsten Branchen unseres Landes.

Sie ist mehr als das:

Sie verkörpert Elemente unserer nationalen Identität, z.B. Qualität, Verlässlichkeit und Genauigkeit. Damit vereint die Uhrenbranche das Schweizerische und die Weltoffenheit. Die Uhrenbranche ist deshalb eine wichtige Botschafterin der Schweiz.

Wir wissen alle, dass das Marktumfeld derzeit schwierig ist, und die Frankenstärke eine zusätzliche Herausforderung ist. Ich bin aber überzeugt, dass die Schweizer Uhrenindustrie gut aufgestellt und auch für diese schwierige Phase gerüstet ist.

Meine Damen und Herren, mir wurden 5 Minuten Redezeit eingeräumt. Im METAS wird heute berechnet, und zwar bis auf die 15. Stelle nach dem Komma, ob ich mich daran gehalten habe. Wie dem auch sei:

Es ist mir eine grosse Freude, und es ist mir eine Ehre, Ihnen zur Eröffnung dieser globalen Messe in der Schweiz die Grüsse und die Glückwünsche der Landesregierung zu überbringen.

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nach oben Letzte Änderung 17.03.2016