Der Wert der Transparenz

Reden, EJPD, 02.02.2017. Bundesrätin Simonetta Sommaruga. Es gilt das gesprochene Wort.

Rede von Bundesrätin Simonetta Sommaruga am 20. Jubiläum der Ethos Stiftung in Bern.

Bundesrätin Simonetta Sommaruga spricht während der Jubiläumsfeier „20 Jahre Ethos“ im Bellevue Palace in Bern
(Foto: Keystone/Anthony Anex)

 

Sehr geehrte Damen und Herren,

"The most valuable commodity I know of is information” – das wertvollste Gut, das ich kenne, ist Information.

Der Spruch ist nicht von mir, sondern von Gordon Gekko. Sie kennen den Namen wahrscheinlich. Gordon Gekko ist der streitbare Spekulant aus den beiden "Wall Street"-Filmen. Er schiebt Millionen Dollar hin und her, macht damit ein Vermögen und verliert am Ende doch alles.

Gordon Gekko stellt den kurzfristigen Profit über alles: über das Wohl der Mitarbeiter, über die Umwelt, über die Gesellschaft. Gier, so verkündet er im Film, ist gut. Gordon Gekko hat der Ideologie des shareholder value ein Gesicht gegeben.

Das war Mitte der 1980er Jahre. Wenn wir heute auf diese Zeit zurückschauen, erscheint die Gründung von Ethos wie eine Antwort auf Leute wie Gordon Gekko.

Denn für Ethos ist all das wichtig, was den Spekulanten an der Wall Street und anderswo schlichtweg egal ist: die Arbeitsbedingungen der Angestellten, der Schutz der Menschenrechte und ökologische Anliegen.

Wenn ich heute am Jubiläumsfest von Ethos Gordon Gekko zitiere, ist das deshalb fast ein wenig, wie wenn jemand in einem reformierten Gottesdienst aus der päpstlichen Enzyklika vorliest. Ich tue es trotzdem. Denn in diesem Punkt hat Gordon Gekko Recht. Information ist tatsächlich ein kostbares Gut. Nur wer über eine Sache Bescheid weiss, kann die Folgen seines Entscheids abschätzen. Und nur wer Bescheid weiss, kann verantwortlich handeln.

Das sieht auch der Bundesrat so. Deshalb hat er im vergangenen Herbst entschieden, von den hiesigen Rohstoffkonzernen mehr Transparenz zu verlangen. Der Bundesrat möchte, dass jene Firmen, die in der Rohstoff-Förderung tätig sind, grosse Zahlungen an ausländische Behörden offenlegen. Die Bevölkerung in den Förderstaaten soll dadurch erfahren, wieviel Geld ihre Regierung mit den Bodenschätzen einnimmt. Dieses Wissen ist eine mächtige Waffe. Es erlaubt der Bevölkerung, die Behörden besser zu kontrollieren und so die Korruption einzudämmen.

Im Ergebnis können die Informationen dazu beitragen, einen Fluch zu bekämpfen, der für mich nur schwierig zu akzeptieren ist. Ich meine den Rohstoff-Fluch. Ich meine jene 70 Prozent der Menschen, die von extremer Armut betroffen sind, und die heute in reichen Staaten – nämlich in rohstoff-reichen Staaten leben. Das ist der Skandal: dass diese 70 Prozent nichts haben von den Bodenschätzen in ihrem eigenen Land. Im Gegenteil: oft leiden sie auch noch ganz direkt unter den Umweltschäden und den Menschenrechtsverletzungen in ihrer Heimat.

Das habe ich in Guinea selber gesehen. Guinea ist reich an Bauxit. Jedes Gramm wird aus dem Boden geholt. Doch die lokale Bevölkerung sieht davon keinen Rappen. Denn die Wertschöpfung erfolgt nicht im Land selber. Das Bauxit wird in endlosen Güterzügen durchs Land transportiert und dann nach Europa und Asien verschifft.

In Guinea bleibt eigentlich nur etwas zurück: riesige Krater, die sich über das ganze Land verteilen. Und die Bevölkerung fragt sich, wohin der ganze Reichtum entschwindet. Wir geben ihr eine Antwort.  

Transparenzvorschriften für Konzerne

Transparenzvorschriften, wie sie der Bundesrat will, sind deshalb wichtig für die Bevölkerung vor Ort. Sie sind aber auch wichtig für unser Land. Wenn wir keine Unternehmen wollen, deren Geschäftstätigkeit auf Schmiergeldzahlungen basiert, dann braucht es Offenlegungsvorschriften.

Und schliesslich sind Transparenzvorschriften auch für die Aktionärinnen und Aktionäre von zentraler Bedeutung. Denn die Aktionäre haben alles Interesse daran, zu erfahren, wie ihr Unternehmen rund um den Globus geschäftet, und was die ausländischen Tochtergesellschaften tun. Sonst investieren sie in eine Blackbox – und das kann Folgen haben.

Sie erinnern sich vermutlich an den Palmöl-Fall, mit dem ein grosser Schweizer Konzern vor ein paar Jahren zu kämpfen hatte. Für das Palmöl wurde Urwald in Indonesien zerstört. Eine NGO hat das publik gemacht, die Medien haben das Thema aufgegriffen, und via Internet hat sich die Geschichte schnell über die Schweiz hinaus verbreitet. Der Konzern stand wochenlang am Pranger. Und am Ende blieb ihm nichts anders übrig, als einen neuen Lieferanten für Palmöl zu suchen. Der Schaden war angerichtet, für den Konzern – und damit auch für die Anleger.

Deshalb ist Transparenz ein Gebot der Stunde. Nicht nur für die Rohstoffbranche, sondern für alle international tätigen Konzerne. Und Transparenz darf sich nicht auf Zahlungen an staatlichen Stellen beschränken. Sie muss auch den Umweltschutz, die Arbeitsbedingungen und die Menschenrechte erfassen.

Die Schweizer Wirtschaft ist besonders exponiert. Unsere Unternehmen investieren jährlich Milliarden im Ausland. Gemäss der Schweizerischen Nationalbank hat sich der Kapitalbestand der Schweizer Unternehmen zwischen 2004 und 2014 auf die stolze Summe von 1056 Milliarden Franken verdoppelt. In Asien haben sich unsere Investitionen verdreifacht, in Afrika gar vervierfacht. Gleichzeitig sind wir eine Drehscheibe für Rohstoffe aus dem Ausland. 2013, zum Beispiel, haben die Schweizer Raffinerien 3000 Tonnen Gold im Wert von 110 Milliarden Franken importiert.

Wirtschaftlich sind das Erfolgsmeldungen. Doch hinter dem Erfolg können sich Abgründe auftun. Sie wissen es: Die Liste der Vorwürfe ist lang, mit denen die Tochtergesellschaften von Schweizer Konzernen sowie ihre Zulieferer konfrontiert sind. Man hat ihnen Kontakte zu Paramilitärs vorgeworfen, die Verletzung von Umweltvorschriften oder Kinderarbeit.

Einiges an diesen Vorwürfen mag übertrieben sein, zum Teil sind sie schlichtweg falsch. Doch teilweise treffen sie zu. Und wenn sie ans Tageslicht kommen, dann ist es zu spät. Image und Vertrauen sind angeschlagen.

Deshalb handelt der Staat auch im Sinne der Anleger und Aktionäre, wenn er die Konzerne zu mehr Transparenz anhält.

Um den Wert eines Unternehmens einschätzen zu können, reichen betriebswirtschaftliche Kennzahlen längst nicht mehr aus. Wer wissen will, was ein Unternehmen wert ist, muss auch wissen, wieviel Wert dem Unternehmen Menschenrechte und Umwelt sind.

Die EU hat den Weg in Richtung mehr Transparenz bereits eingeschlagen. In der EU müssen grosse Unternehmen jährlich darüber Rechenschaft ablegen, was sie und ihre Tochtergesellschaften in Umweltfragen, für den Schutz der Menschenrechte und bei den Arbeitsbedingungen machen.

Natürlich wissen wir, dass eine Berichterstattungspflicht allein die Welt nicht verändert. Papier ist geduldig, und jede Vorschrift ist nur so gut, wie sie auch umgesetzt wird. Und trotzdem bin ich überzeugt: Die Berichterstattungspflicht wirkt; und zwar weil sie deutlich macht, dass die Einhaltung der Menschenrechte nicht eine private Angelegenheit ist – auch dann nicht, wenn eine Firma ihre Geschäfte ein paar Tausend Kilometer vom Hauptsitz entfernt tätigt.

Transparenz schafft auf diese Weise Verantwortung. Wer Bescheid weiss, wird für sein Tun und Lassen verantwortlich.
Das gilt für das Unternehmen. Es trifft aber auch für die Anleger zu. Ein Aktionär, der weiss, dass Kinder statt in der Schule in Fabriken sind; dass Arbeiter wie Leibeigene gehalten werden; und dass Böden vergiftet werden, der wird sich nicht länger um seine Verantwortung drücken können. Das kann unbequem, oder zumindest anspruchsvoll sein.

Reputationsrisiken für die Schweiz

In der EU sind die Mitgliedstaaten derzeit daran, die Berichterstattungspflicht im nationalen Recht umzusetzen. In der Schweiz sind wir noch nicht so weit. Der Bundesrat hat aber in Aussicht gestellt, dass die Schweiz nachziehen könnte, sofern dem Standort keine Wettbewerbsnachteile entstehen.

Es ist klar, dass wir bei solchen Überlegungen stets im Spannungsfeld zwischen kurzfristigem wirtschaftlichem Profit und längerfristigen gesamtgesellschaftlichen Interessen stehen – genau wie andere Staaten auch. Es wäre aber bedauerlich, wenn wir am Ende allein dastehen würden.

Die Schweiz hat beim Bankgeheimnis bereits einschlägige Erfahrungen gemacht, was es heisst, internationale Entwicklungen lange – zu lange – zu ignorieren. Dafür können ein Land und eine ganze Branche einen hohen Preis bezahlen. Das Beispiel macht deutlich: So sehr wir unsere Unabhängigkeit auch beschwören – unsere Wirtschaft ist global vernetzt. Und wer global mitspielt, muss auch internationalen Standards genügen. Sonst manövriert er sich ins Abseits. Wir können darum nicht so tun, als ob uns die Entwicklungen im Ausland nichts angehen.

Meine Damen und Herren

Sie kennen sicher die Geschichte vom Affen, der mit Dartpfeilen auf den Börsenteil des Wall Street Journals geworfen hat. Der Affe soll mit seinen so ausgewählten Aktien eine höhere Rendite erzielt haben als professionelle Anleger.

Die Geschichte hat einen Schönheitsfehler. Sie ist ein Märchen.

Auch andere Börsenmärchen halten sich hartnäckig. Seit Jahren predigen gewisse Kreise, dass sich Rendite und ethische Anlagekriterien gegenseitig ausschliessen. Für mich ist es höchste Zeit, dass wir mit diesem Vorurteil aufräumen. Ethisches Investieren und Rendite sind längst kein Widerspruch mehr – oder sie waren es nie.

Werfen wir deshalb nicht mit Dartpfeilen, bevor wir Millionen investieren. Gehen wir der Sache auf den Grund. Und schauen wir, wie ernst es einem Unternehmen mit Themen wie Arbeitsbedingungen, Menschenrechten und Umweltstandards ist.

Genau das macht Ethos. Seit 20 Jahren. Und das macht die Arbeit von Ethos so wertvoll. Für die Menschen vor Ort. Aber auch für die Anleger.

Es ist mir deshalb eine Freude, Ihnen zum Jubiläum die Glückwünsche der Landesregierung zu überbringen.

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nach oben Letzte Änderung 02.02.2017