„Wer die Realität nicht aushält, verliert sich in Ideologien“

Reden, EJPD, 16.09.2017. Bundesrätin Simonetta Sommaruga. Es gilt das gesprochene Wort.

Rede von Bundesrätin Sommaruga am Swiss Media Forum

Bundesrätin Simonetta Sommaruga am Rednerpult
Bundesrätin Simonetta Sommaruga während ihrer Rede (Foto: Swiss Media Forum)

Geschätzte Verlegerinnen und Verleger

Liebe Medienschaffende

Sehr geehrte Damen und Herren


Die Begegnung mit Journalisten im Herbst hat für mich häufig etwas Besonderes.

Meist geht es darum, wer das Sommerloch besser überstanden hat.

Ich kann dieses Jahr nicht klagen. Im Gegenteil: Dank den Medien habe ich in meinen Ferien erfahren, welches Departement ich gerne übernehmen würde.

Doch lassen wir das Thema Bundesratswahl – und bleiben wir stattdessen bei jenen seltsamen Vögeln, die es in allen Zeitungen gibt.

Ich meine die Enten. Die Zeitungsenten.

Zeitungsenten gibt es, seit es die Presse gibt. Viele sind harmlos, und die meisten gehen darum rasch vergessen. Es gibt aber Ausnahmen.

Die NZZ hat diesen Ausnahmen vor ein paar Jahren einmal eine Sommerserie gewidmet. Da sind sie dann alle wieder aufgetaucht, wie alte Bekannte am Geburtstag: die Freundin des Regierungsrats und ihr Pelzmantel, die angebliche Geliebte des Botschafters.

Zeitungsenten und Fake News

Diese alten Bekannten erinnern uns daran, dass wir alle schon die eine oder andere Falschmeldung gelesen haben – und zwar lange bevor das Fake-News-Zeitalter ausgerufen worden ist.
Und doch habe ich grosse Mühe mit all jenen Politkern und Meinungsmachern, für welche die Presse schon immer ein Hort der Halbwahrheiten gewesen ist.

Denn was wir heute unter dem Schlagwort Fake News erleben, ist das Gegenteil von dem, was Journalismus seit jeher auszeichnet: den Willen zur Wahrheit.

Bei Fake-News-Portalen recherchiert ein Journalist nicht einfach ungenügend, spitzt zu und unterschlägt das eine oder andere. Es wird gar nicht mehr recherchiert. Fake News sind darum nicht einfach Zeitungsenten mit neuem Namen.
Wenn heute irgendwo Geschichten fabriziert werden, von denen die Schreiberlinge wissen, dass sie nicht stimmen, aber viele Klicks generieren, wird das Publikum bewusst manipuliert.
Diese absichtliche Täuschung der Leserinnen und Leser gab es lange nur in Klatschheftchen, in denen Elvis gesichtet wurde, wie er das Ungeheuer von Loch Ness fotografiert. Entsprechend gering waren die Nebenwirkungen.
Wenn heute vergleichbarer Unsinn politisch aufgeladen und als News verkauft wird und sich auch noch Journalismus nennt, dann haben die Medien ein Problem.

Und mit den Medien hat auch die Demokratie ein Problem, gerade bei uns. Denn die Leute müssen wissen, worum es in einer Abstimmung geht. Sonst meinen sie plötzlich, mit der AHV-Reform sollen die AHV-Renten gekürzt werden.
Ich werde darum hellhörig, wenn Fachleute mir erzählen, dass es mittlerweile auch erste Fake-News-Seiten mit Schweizer Domain gibt.
Und ich nehme erstaunt zur Kenntnis, wie Social-Media-Plattformen und Suchmaschinen unsere Meinungsbildung zunehmend beeinflussen.

Ist es wirklich im Interesse unserer Demokratie, wenn statt einer Zeitungsredaktion oder einer Chefredakteurin immer häufiger der Programmierer einer Suchmaschine darüber entscheidet, welche Inhalte die breite Bevölkerung konsumiert?
Denn für Algorithmen zählen nicht publizistische Kriterien. Für sie geht es darum, wie ein Artikel performt, wie viele „Likes“ und „Shares“ er hat. Ob er stimmt oder ob er für eine Volksabstimmung relevant ist, ist zweitrangig.
Und genau so finden Fake News und andere zweifelhafte Inhalte Verbreitung.

Die Wirklichkeit einfangen

Journalismus lebt für mich von Fakten. Und von Geschichten.
Wenn Leute zu Wort kommen, die sonst nicht gehört werden.
Wenn Ecken ausgeleuchtet werden, die sonst im Dunkeln bleiben.
Wenn Tatsachen aufgedeckt werden, welche andere lieber unter Verschluss gehalten hätten.
Denn die Realität übertrifft bekanntlich die Fiktion.
La réalité dépasse la fiction.

Ich bin mir bewusst: Es gibt keine nackten Tatsachen.
Jeder von uns sieht immer nur einen Ausschnitt der Wirklichkeit. Niemand kann die Realität in ihrer ganzen Breite, mit all ihren Facetten abbilden. Keine Fotografin, kein Kameramann, und kein noch so begabter Journalist.
Und niemand von uns schaut unschuldig auf die Welt. Jeder nimmt sie durch seine Augen wahr, jede schaut dorthin, wo es sie besonders interessiert.

Anything goes, also doch?
Nein! Man kann schon erzählen, die Erde sei eine Scheibe. Aber Sie müssen dann auch aufzeigen können, wo man runterfällt.
Und Sie können schon behaupten, die Geschlechterfrage hätte sich in Politik und Wirtschaft längst erledigt. Dann müssen Sie aber auch zeigen, wo dann all die Bundesrätinnen und Wirtschaftsbossinnen geblieben sind.

Was für mich zählt, ist das ernsthafte Bemühen, die Wirklichkeit in Wort und Bild einzufangen. Dieses Bemühen stelle ich bei Ihnen tagtäglich fest. Und ich schätze es – als Leserin, als Bürgerin und als Bundesrätin.

Fakten in der Politik

Die Debatte um das postfaktische Zeitalter hat aber noch eine andere Seite.
Und da stehen nicht die Medien unter besonderer Beobachtung, sondern die Behörden und damit auch meine Arbeit.
Schlagwort sind hier die sogenannten alternative facts.
Sie wissen, wie der Begriff entstanden ist: Eine Beraterin des amerikanischen Präsidenten sagte sinngemäss, dass noch nie so viele Menschen bei der Vereidigung eines US-Präsidenten dabei gewesen seien, sei eine alternative Tatsache.

Das ist etwa so, wie wenn meine Mitarbeiterinnen Ihnen auftischen würden, nie hätte es so viele Nationalräte im Saal, wie wenn ich rede. Wahr ist anders.
Nun will ich aber nicht sagen, die Behörden seien nie danebengelegen mit ihren Aussagen.
Das gilt auch für den Bundesrat. Als Stichworte sollen hier USR II und die mit ihr verbundenen Steuerausfälle in Milliardenhöhe genügen.

Solche Fehler beschädigen die Glaubwürdigkeit der Politik.
Der Politik geht es darum ähnlich wie den Medien.
Politik ist am stärksten, wenn sie sich auf Fakten stützt und gleichzeitig Stimmungen in der Bevölkerung aufnimmt.
Wenn Fakten nicht stören, sondern der Ausgangspunkt sind für politisches Handeln.
Denn Politik ist nicht nur die Kunst des Machbaren.
Sie ist auch der Versuch, die Wirklichkeit ernst zu nehmen.
Die Bevölkerung muss merken, dass ihr Lebensalltag in der Politik eine Rolle spielt.
Sonst wird Politik zum Ritual, zum leeren Geschwätz.

Über die Realität diskutieren

Wenn wir über die Vertretung der Frauen in den Teppichetagen der grossen Schweizer Unternehmen diskutieren, müssen wir darum zuerst einmal die Realität zur Kenntnis nehmen.
Und die sieht in diesem Land so aus:
9 von 10 Geschäftsleitungs-Mitgliedern sind Männer.
8 von 10 Mitgliedern im Verwaltungsrat sind Männer.
Und viel verändert hat sich in den letzten Jahren nicht wirklich.
Der Anteil Männer in den Geschäftsleitungen der grössten 100 Schweizer Unternehmen betrug 2004 96 Prozent; 13 Jahre später liegt der Männer-Anteil bei 92 Prozent.

Darum sage ich: die grossen Unternehmen sollen endlich von sich aus Transparenz über den Frauenanteil im Kader schaffen. Sie sollen sich erklären, wenn sie es nicht geschafft haben, für 10 Verwaltungsratsmandate 3 Frauen zu finden.
Man kann diesen Vorschlag des Bundesrats gut finden oder unnötig oder zahm.
Die Zahlen sind aber die Basis für eine vernünftige Diskussion. Denn nur so diskutieren wir über die Realität in diesem Land.

Natürlich ist die Realität häufig komplex, und sie einzufangen, ist auch für mich nicht immer einfach. Da geht es mir nicht anders als den Medien. Ich rede darum mit möglichst vielen Leuten. Mit Direktbetroffenen, Experten, aber natürlich auch mit Parlamentarierinnen und Regierungsräten. Kurz: ich gehe eigentlich gleich vor wie eine gute Journalistin.
Das Bild, das bei diesen Gesprächen entsteht, ist kaum je frei von Widersprüchen. Das habe ich schon bei einem meiner ersten Projekte als Bundesrätin erlebt: der gemeinsamen elterlichen Sorge für unverheiratete und geschiedene Eltern mitsamt Neuregelung des Unterhaltsrechts.

Das Thema ist für den Lebensalltag von Hundertausenden in diesem Land absolut zentral. Und es geht um grosse Fragen: um Familie, Kinder, Beziehungen, Liebe und Geld. Das alles macht das Dossier zu einem politischen Minenfeld.
Ich habe darum einen runden Tisch einberufen. Und an diesem Tisch sind Welten aufeinander geprallt: Geschiedene Männer, die sich als Zahlväter missbraucht fühlen, alleinerziehende Mütter, die sich im Stich gelassen wähnen – und irgendwo sind dann noch die Kinder, die zwischen diesen zwei Welten zerrissen werden.

Diese unterschiedlichen Realitäten können Sie nicht versöhnen. Sie können sie nur wahrnehmen und versuchen, eine Lösung zu finden, die beiden Welten gerecht wird. Und das habe ich gemacht. Wir haben am Ende eines schwierigen Prozesses eine Lösung gefunden, die einer komplexen Realität gerecht wird.

Mein Anspruch an meine eigene Arbeit ist deshalb der gleiche, den ich auch an die Medien stelle: Was zählt, ist das ehrliche Bemühen, sich den Fakten zu stellen, so unbequem oder widersprüchlich diese auch sein mögen. Denn wer die Realität nicht aushält, verliert sich in Ideologien.

Demokratie braucht Medienvielfalt

Ich bin mir bewusst, dass Sie Ihre Arbeit unter zunehmend schwierigen Bedingungen machen.
Die Zeitungsbranche hat in den letzten 20 Jahren rund eine Milliarde Franken an Werbeeinnahmen verloren.
Vieles von diesem Geld ist ins Internet abgewandert – aber nicht zu den Newsseiten der Schweizer Medienhäuser. Sondern zu Social-Media-Plattformen, Suchmaschinenanbietern und Rubrikenportalen.
Das Geld ist aber nicht von alleine dahingewandert. Es folgt den Leserinnen und Lesern. Nur noch eine kleine Minderheit der Jugendlichen und jungen Erwachsenen informiert sich via bezahlte Tageszeitungen.

Ich kann Ihnen darum versichern: ich höre Ihre Sorgen, und ich bin offen für Ihre Lösungsvorschläge.
Denn unsere Demokratie braucht Sie, und zwar in Ihrer ganzen Vielfalt.
Eine Zeitung allein kann nicht die ganze Realität abbilden. Hierfür braucht es Sie alle.  

nach oben Letzte Änderung 16.09.2017