"Was macht Kino mit uns?"

Reden, EJPD, 23.03.2018. Bundesrätin Simonetta Sommaruga. Es gilt das gesprochene Wort.

Rede von Bundesrätin Simonetta Sommaruga an der Verleihung der Schweizer Filmpreise 2018 am 23. März 2018 in Zürich Oerlikon.

<<
>>
Bundesrätin Simonetta Sommaruga steht im Scheinwerferlicht am Rednerpult. Im Hintergrund ist sie auf der Grossleinwand zu sehen.
enlarge_picture

Bundesrätin Simonetta Sommaruga hält ihre Rede an der Verleihung der Schweizer Filmpreise 2018 (Bild: EJPD)

Gruppenbild mit Bundesrätin Simonetta Sommaruga und den nominierten Frauen.
enlarge_picture

Bundesrätin Simonetta Sommaruga mit den nominierten Frauen (Bild: Schweizer Filmpreis, Eddy Meltzer)


Liebe Filmliebhaberinnen und -liebhaber,
Sehr geehrte Damen und Herren

Warum?

Warum können wir nicht wieder so wie früher?

Das fragt André seine Frau Meredith, mit der er seit 35 Jahren verheiratet ist. André hat Meredith mit dem Aids-Virus angesteckt.

Die Kamera ist nahe an ihren Gesichtern. Abwechslungsweise zeigt sie den Mann und die Frau. Ihre Trauer, ihre Sehnsucht, ungläubig, hoffnungsvoll. Ein Leben, zwei Leben in der Schwebe.

Er wünscht sich, dass alles wieder so ist, wie es einmal war. Doch was geschah, ist nicht wieder gutzumachen.

Diese Szene im Film "Vakuum" zeigt, was Kino ausmacht und was Kino mit uns macht. Das Kino wirft uns zurück auf das Wesentliche. Auf die Frage, wer wir sind.

Warum können wir nicht wieder so wie früher?

Das fragen nicht nur André und Meredith. Es ist die Frage, die uns alle begleitet.

Auch in der Politik ist sie eine ständige Begleiterin; diese Sehnsucht nach dem, was gewesen ist. Nostalgie nennen wir sie.

Die Sehnsucht nach der Heimat; nach einer Heimat, die es so vielleicht gar nie gegeben hat. Aber es ist auch die Sehnsucht nach Sicherheit, nach Stabilität.

Die Sehnsucht nach Vergangenem, als alles besser war.

Im Zeitalter der "Göttlichen Ordnung" zum Beispiel – damals, als die Frauen noch schwiegen und nicht "me too" riefen.

Damals, als Lohngleichheit und Geschlechtervertretung in den Chefetagen nicht dauernd diskutiert wurden; und Männer sich deswegen nicht rechtfertigen mussten.

Mais im Bundeshaus, das gab es früher auch.

Und das gab es gerade vor ein paar Wochen wieder. Als der Ständerat über die Lohngleichheit debattierte. Mit filmreifen Quotes und einem dramatischen Abstimmungs-Showdown.

Hätte die Kamera - nach der Abstimmung – einen längeren Schwenk gemacht, hätte sie die Wandmalerei im Ständeratssaal gezeigt.

Das Bild mit der Landsgemeinde, wo die Männer in der Mitte stehen, debattieren und abstimmen. Sie werden von einer Mauer abgeschirmt und von Soldaten beschützt, die mit Hellebarden bewaffnet sind.

Und ausserhalb der Mauer spielen die Frauen mit den Kindern.

Warum können wir nicht wieder so wie früher?
Weil wir es nicht mehr wollen, so wie früher.

Weil wir Frauen jetzt innerhalb der Mauer sind, weil wir gleiche Löhne wollen und weil wir viel zu bieten haben. Nicht nur in der Politik, auch in der Geschäftswelt, in der Kunst und im Filmbusiness.

Deshalb wollen Frauen auch Preise: Oscars und Césars und weiterhin Quartze.

Übrigens: Wann endlich wird ein Filmpreis bei uns nach einer Frau benannt?

Ich würde im Namen des Bundesrates liebend gern eine Sabine übergeben, oder eine Petra oder eine Ursula.

Ich freu mich drauf!
Ihnen, liebe Frauen und Männer: Schönen Abend.  

nach oben Letzte Änderung 23.03.2018