Eine Katastrophe aus heiterem Himmel

Reden, EJPD, 01.04.2019. Bundesrätin Karin Keller-Sutter. Es gilt das gesprochene Wort.

Rede von Bundesrätin Karin Keller-Sutter zum Gedenkanlass "75 Jahre Bombardierung der Stadt Schaffhausen vom 1. April 1944".


Sehr geehrter Herr Stadtpräsident
Dear Mister Ambassador McMullen
Sehr geehrte Mitglieder des National- und Ständerats
Sehr geehrter Herr Kantonspräsident
Sehr geehrter Herr Regierungspräsident
Sehr geehrte Mitglieder des Regierungsrats
Sehr geehrter Herr Grossstadtratspräsident
Sehr geehrte Mitglieder des Stadtrats
Geschätzte Damen und Herren

Die Katastrophe kam aus buchstäblich heiterem Himmel.

"Schönes, klares Wetter, völlig windstill."

Mit diesen Worten beschrieb der Luftschutzchef des eidgenössischen Militärdepartements die Witterung in Schaffhausen am 1. April 1944. An jenem Tag vor 75 Jahren fielen kurz vor 11 Uhr morgens amerikanische Bomben im Sekundentakt auf Schaffhausen und rissen 40 Menschen in den Tod. 270 Menschen wurden verletzt, zum Teil schwer. Zahlreiche Gebäude wurden zerstört oder beschädigt, 450 Menschen verloren ihr Zuhause.

Es war nicht das erste Mal und auch nicht das letzte Mal, dass die Alliierten ihre Bomben irrtümlicherweise auf Schweizer Territorium abwarfen. Aber es war der mit Abstand verheerendste Bombeneinschlag, den die Schweiz während des zweiten Weltkriegs zu verzeichnen hatte.

Zahlreiche historische Dokumente zeugen denn auch von der grossen Anteilnahme, die den Schaffhausern aus dem Inland und aus dem Ausland zuteil kam.

Der damalige Bundespräsident Walther Stampfli liess die Bevölkerung von Schaffhausen gleichentags per Telegramm wissen, dass die Landesregierung "mit schmerzlichster Bestürzung von der furchtbaren Katastrophe Kenntnis genommen" habe. Der Bundesrat sprach den Behörden von Kanton und Stadt Schaffhausen seine tiefe Teilnahme aus und versicherte ihnen, "dass er der so schwer heimgesuchten Bevölkerung alle ihm zu Gebote stehende Unterstützung angedeihen lassen wird".

Auch die USA reagierten prompt. Der amerikanische Aussenminister Cordell Hull erklärte zwei Tage nach dem verheerenden Bombenabwurf, dass die USA den Schaden wieder gut machen werden – "soweit dies angesichts eines so unglücklichen Ereignisses überhaupt möglich" sei.

Beeindruckt haben mich auch die mitfühlenden und trostreichen Worte, die der damalige Schaffhauser Stadtpräsident und Nationalrat Walther Bringolf am 4. April 1944 in der Kirche St. Johann an die zahlreichen Trauergäste richtete.

Er erinnerte in seiner Ansprache aber auch daran, was auf der anderen Seite der Grenze seit Jahren schreckliche Realität war.

Ich zitiere:

"In dieser Stunde ist uns auch wie zu keiner anderen Zeit dieses Krieges bewusst geworden, wie schwer die Menschheit seit Jahren leidet und wie gross die Zahl der unschuldigen Opfer dieser Katastrophe sein muss."

Zitatende.

Es war dem Stadtpräsidenten bestimmt nicht daran gelegen, damit das Leid seiner Schaffhauser Mitbürger zu relativieren.

Er machte vielmehr klar, warum dieses Kriegsunglück die Schaffhauser "besonders schmerzlich" traf.

Weil nämlich, wie er sagte, "unter den Todesopfern, unter den Schwer- und Leichtverletzten keiner ist, den wir nicht persönlich kannten, dem wir vielleicht gestern oder vorgestern noch die Hand drückten, ein gutes Wort gaben, oder mit ihm einen Gruss wechselten. Unfassbar will es uns scheinen, dass alle diese gestern noch frohen, lebendigen, arbeitssamen Menschen heute ausgelöscht sind."

Aber nicht nur die offizielle Anteilnahme am Schicksal der Schaffhauser war gross. Die Ereignisse von 1944 stehen auch beispielhaft dafür, wie Solidarität gelebt werden kann.

So berichtete etwa der Luftschutzchef damals nicht nur über die Witterung an jenem Unglückstag. Er vermerkte in seinem Bericht auch, wie die Bevölkerung von Schaffhausen unmittelbar nach dem Angriff bestrebt war, "tätig einzugreifen und anderen Hilfe zu leisten".

Stadtpräsident Walther Bringolf seinerseits erwähnte in seiner Trauerrede die "freundeidgenössische Solidarität", die Schaffhausen erfahren durfte. Eine Solidarität, sagte er, die kein leeres Wort sei, sondern Wirklichkeit.

Eindrücklich ist schliesslich das Beispiel eines amerikanischen Bürgers namens J.W. Hambuechen. Von ihm ist ein Brief überliefert, den er wenige Tage nach dem Unglück dem damaligen Schweizer Konsul in New York geschickt hatte. Der Brief enthielt einen Check über 500 Dollar. Herr Hambuechen hatte einst zehn Jahre in der Schweiz gelebt. Und als er von der Bombardierung Schaffhausens hörte, befand er, das sei der Moment, um seine Dankbarkeit für die Schweiz zu zeigen.

Warum das Gedenken wichtig ist

Liebe Anwesende

Wir können dankbar sein, dass die Schweiz damals weitgehend verschont wurde von den Katastrophen des zweiten Weltkriegs, von den ideologischen Entgleisungen jener Zeit. Und ganz sicher darf man das unermessliche Leid nie vergessen, das der Holocaust über Abermillionen von Menschen, über ganz Europa brachte.

Dennoch ist auch das Gedenken an die Tragödie, die vor 75 Jahren über Schaffhausen einbrach, wichtig. Allein schon wegen den Frauen und Männern, die den fatalen Irrtum der Amerikaner mit ihrem Leben bezahlt hatten. Und wegen den noch viel zahlreicheren Menschen, die in Trauer zurückblieben.

Wir sollen uns an jenen 1. April 1944 aber auch darum erinnern, weil diese Katastrophe uns klarmacht, wo die Schweiz steht.

Nämlich mitten in Europa.

Anders als in jenen dunklen Zeiten sind wir heute glücklicherweise umgeben von lauter befreundeten Staaten. Gefahr droht der Schweiz nicht mehr unmittelbar an ihrer Grenze.

Aber wer hätte noch vor zehn, zwanzig Jahren gedacht, wie instabil die weltpolitische Lage plötzlich wieder werden kann?

Dass Russland seine Gebietsansprüche militärisch durchzusetzen gewillt ist. Wenige Flugstunden von uns entfernt.

Dass plötzlich Hunderttausende Migranten die Grenzen Europas testen, dieses Europa in eine anhaltende Solidaritätskrise stürzen und das bisherige Sicherheitsmanagement in Frage stellen.

Oder dass islamistisch motivierter Terrorismus europäische Städte wie Paris, Nizza, Brüssel, München und Strassburg auf grausame Weise heimsucht. Wenige Zugstunden von uns entfernt.

Ohne den Teufel an die Wand malen zu wollen - Alarmismus liegt mir nicht. Aber man kann ganz nüchtern feststellen:

30 Jahre nach dem Zusammenbruch des Kommunismus, nach dem vermeintlichen "Ende der Geschichte", gibt es neue Bedrohungen, auf die wir neue Antworten brauchen. Es gibt globale geopolitische Verschiebungen, deren sicherheitspolitischen Folgen wir nicht mit Gewissheit abschätzen können. Und es gibt politische Verwerfungen in Europa, von denen heute kaum jemand mit Sicherheit sagen kann, welche Folgen sie in ein paar Jahren zeitigen werden.

Hoffen wir, dass sich nie wiederholt, was vor 75 Jahren geschah. Aber Krisen und Spannungen in Europa können plötzlich auch die Schweiz betreffen. Ob beabsichtigt oder nicht. Davor schützt uns auch unsere Neutralität nicht. Wir sind, ich wiederhole es, wenn auch nicht in der EU, so doch mitten in Europa. Wir sind keine Insel.

Eigenverantwortung und Solidarität

Das lehrt uns die Bombardierung von Schaffhausen. Aber nicht nur das.

Sie lehrt uns auch, dass es für die Bewältigung einer Krise ein realistisches Krisenmanagement braucht. Es braucht gut vorbereitete, gut ausgebildete sicherheitspolitische Kräfte, seien es die Polizei, das Grenzwachtkorps oder die Armee.

"Es ist ein allgemeiner Fehler der Menschen, nicht in den Zeiten der Meeresstille mit dem Sturm zu rechnen", sagte Machiavelli.

An diese Worte sollten wir auch denken, wenn es in den nächsten Jahren um die Erneuerung der Schweizer Luftverteidigung geht. Sie wird einiges kosten. Mehrere Milliarden Franken. Aber mitten in Europa kann es sich die Schweiz nicht leisten, sich in einem Krisenfall darauf zu verlassen, dass uns die anderen dann schon zur Hilfe eilen werden und unseren Luftraum schützen.

Das wäre nicht nur ein "allgemeiner Fehler", wie es Machiavelli sagte, der Theoretiker genau jener Machtpolitik übrigens, der damals auch Schaffhausen zum Opfer fiel. Es wäre auch - und das hätte Machiavelli möglicherweise nie gesagt - unsolidarisch gegenüber unseren europäischen Nachbarn.

Gemeinsam müssen wir auch unsere Aussengrenzen schützen – vor illegaler Migration, vor Kriminalität und Terrorismus.

Ich komme zum Schluss.

Wir sind als Staat und auch als Bürger eigenverantwortlich. Aber Eigenverantwortung und Solidarität gehören zusammen. Jeder von uns ist verpflichtet, einen Beitrag für das gute gesellschaftliche Zusammenleben zu leisten, den Schaden für die Solidargemeinschaft möglichst klein zu halten. Das hatten die Menschen der Stadt und des Kantons Schaffhausen, aber auch die übrigen Kantone und der Bund damals, vor 75 Jahren, in vorbildlicher Weise getan.

Danke.

nach oben Letzte Änderung 01.04.2019