Trauerfeier für Alt-Bundeskanzlerin Annemarie Huber-Hotz – Rede von Bundesrätin Karin Keller-Sutter

Reden, EJPD, 16.08.2019. Bundesrätin Karin Keller-Sutter. Es gilt das gesprochene Wort.

 

Liebe Trauerfamilie
Liebe Trauergemeinde

Sie sei nicht gerne Vorbild, hat Annemarie Huber-Hotz noch vor Kurzem in einem Interview gesagt. Das war keine falsche Bescheidenheit. Das wissen jene, die Annemarie Huber-Hotz kannten, mit ihr leben oder mit ihr arbeiten durften. Und alle anderen dürfen es ihr aufs Wort glauben.

Annemarie Huber-Hotz stellte sich selber nie in den Mittelpunkt. Persönliche Profilierung lag ihr fern. Sie mochte es auch bei anderen nicht. Noch als Bundeskanzlerin bekundete sie Mühe mit der zunehmenden Personalisierung in Politik und Medien. Und als sie im letzten Juni, kurz bevor sie als langjährige Präsidentin des Schweizerischen Roten Kreuzes zurücktrat, gefragt wurde, ob sie denn ohne Politik überhaupt leben könne, sagte sie, sie werde sich natürlich weiterhin für Politik interessieren; das "parteipolitische Gezänk" aber, das werde sie nicht vermissen. Ebenso wenig wie "Pauschalverurteilungen, Neid und Pöbeleien". Das gehe ihr nämlich, sagte sie, "auf den Wecker".

Der frühere FDP-Bundesrat Kaspar Villiger, der Annemarie Huber-Hotz in ihrer Funktion als Sekretärin des Ständerats, als Generalsekretärin des Parlaments und schliesslich als Bundeskanzlerin erleben durfte, erinnert sich in der NZZ an eine Frau, die "Intelligenz, analytische Stärke, Führungskraft und Selbstsicherheit mit Zurückhaltung und Bescheidenheit" vereinte. "Sie wusste", schreibt Kaspar Villiger, "dass in der Demokratie erst der konstruktive Dialog zu tragfähigen Lösungen führt, und deshalb konnte sie vor allem auch zuhören".

Und dennoch wollte sich Annemarie Huber-Hotz selber nicht als Vorbild sehen. Aber wir anderen dürfen es. Wir dürfen uns wünschen, dass sie möglichst vielen ein Vorbild ist und bleibt. Nicht nur in ihrer Bescheidenheit und Menschlichkeit, in ihrer aufrichtigen, ruhigen und konstruktiven Art, sondern in vielerlei Hinsicht mehr.

Sie ist ein Vorbild als erste Frau, die das hohe Amt der Bundeskanzlerin selbstbewusst anstrebte. Das war 1999. Es war eine Zeit, als es für eine Frau noch schwieriger war als heute, Beruf und Familie unter einen Hut zu bringen. Eine Zeit auch, als man sich als berufstätige Mutter in einem öffentlichen Amt öfters als heute erklären musste. Für sie war die berufliche Verwirklichung hingegen eine Selbstverständlichkeit, aber auch ein Verdienst ihres Mannes, der sich hauptsächlich um die Familienarbeit kümmerte, als ihre drei Kinder noch kleiner waren. Ihre Aufgabe als Bundeskanzlerin empfand sie als Privileg.

Annemarie Huber-Hotz ist aber auch ein Vorbild als Verfechterin der Institutionen. Sie glaubte zutiefst an die politischen Institutionen unseres Landes. Und sie stellte sich ganz in deren Dienst. Wobei sie auch Mut für unpopuläre Forderungen bewies. Zum Beispiel 2014, als sie vorschlug, den politischen Parteien, die im Parlament eine Fraktion bilden, das Initiativrecht zu entziehen. Es gab ihr zu denken, dass grosse Parteien es zunehmend zur Profilierung im Wahlkampf nutzten. Stattdessen wollte sie dieses wichtige Instrument jenen vorbehalten, die keine starke Stimme in Parlament und Regierung haben.

Und sie ist schliesslich ein Vorbild in ihrem unermüdlichen Einsatz für die humanitäre und für die gemeinnützige Arbeit. Als Präsidentin der Schweizerischen Gemeinnützigen Gesellschaft und später als Präsidentin des Schweizerischen Roten Kreuzes. Das Rote Kreuz, der Einsatz für Menschen in Not, der schwierige Kampf gegen das Elend, das war ihr eine Herzensangelegenheit.

Ende Juni ging Annemarie Huber-Hotz mit 70 Jahren in den Ruhestand. Es ist das falsche Wort für sie. Sie wollte nicht ruhen. Sie hatte sich bereits vor ihrem Rücktritt als SRK-Präsidentin als Freiwillige beim Kantonalverband Zug des SRK gemeldet, um künftig ältere Menschen zu betreuen. Sie freute sich aber auch darauf, mehr Zeit mit ihren Grosskindern zu verbringen. Und sie plante für den Herbst einen dreiwöchigen Aufenthalt in Bhutan, wo ihr Mann vor vielen Jahren eine Schule gegründet hat.

Annemarie Huber-Hotz hatte sich stets privilegiert gefühlt. Und von diesem Glück, auch wenn es längst nicht nur Glück war, wollte sie der Gesellschaft etwas zurückgeben. Aber am 1. August verstarb sie unerwartet auf einer Wanderung mit ihrer Familie. Wir müssen heute von ihr Abschied nehmen. Der Abschied ist Teil des Lebens. Aber insbesondere für ihre Familie, ihre Freunde wird es ein langer, schmerzvoller Prozess. In diesem Prozess wünsche ich Ihnen allen von Herzen viel Kraft, und ich möchte Ihnen auch im Namen des Bundesrats mein tiefstes Beileid aussprechen.

Was bleibt, sind Erinnerungen. Was bleibt, ist Dankbarkeit. Und ein Vorbild. Längst nicht nur für uns Freisinnige. Auch nicht nur für uns Frauen. Sie ist ein Vorbild für alle Staatsbürgerinnen und Staatsbürger.

Wir werden Annemarie Huber-Hotz nicht vergessen. Wir werden nicht vergessen, was sie uns gegeben hat. Sie ist für immer ein Teil von uns allen.

Wir vermissen sie.
 

nach oben Letzte Änderung 16.08.2019