"Digitales und Analoges gehören zusammen!"

Rede, 11. November 2021: Swiss Digital Economy Award 2021, Zürich; Bundesrätin Karin Keller-Sutter - es gilt das gesprochene Wort

Sehr geehrte Damen und Herren

Herzlichen Dank für die Einladung. Ich freue mich sehr, an diesem "analogen" Abend dabei zu sein. Es geht zwar um die Verleihung des Swiss Digital Economy Awards, aber gefeiert wird heute wieder "analog".

Corona hat uns ja zwei Dinge sehr deutlich vor Augen geführt.

Erstens: Wie wichtig direkte und persönliche Kontakte sind, was es bedeutet, jemanden zu treffen und nicht nur am Bildschirm zu sehen. Was es bedeutet, mit Freunden zu essen, zu debattieren, gemeinsam etwas zu erleben. Wir sind Menschen, und Menschen sind soziale Wesen.

Und zweitens hat die Pandemie uns gezeigt, wie wichtig die Digitalisierung ist. Ich spreche hier nicht nur von Home-Office, Online-Shopping oder von Netflix. Ich spreche insbesondere auch von der Bedeutung der Digitalisierung für die Aufrechterhaltung der Versorgung, der Kommunikation und der Forschung. Oder wer glaubt, man hätte ohne Digitalisierung binnen eines Jahres einen Impfstoff entwickeln können?

Meine Damen und Herren,

es gibt keinen binären Entscheid zwischen digital und anlog. Das Analoge und das Digitale sind kein Gegensatz. Sie gehören zusammen.

Le choix entre l’analogique et le numérique n’est pas une alternative binaire. L’analogique et le numérique ne s’opposent pas, ils vont de pair.

Nur ein banales Beispiel: Man kann zwar den Kühlschrank mit ein paar Clicks online bestellen. Aber was bringt mir das, wenn der Kühlschrank nicht mit einem Lieferwagen nach Hause geliefert werden kann, weil die Verkehrsinfrastruktur fehlt? Oder wenn ich ihn nicht an eine Steckdose anschliessen kann, durch die auch tatsächlich Strom fliesst?

Aber es gibt - wie überall – natürlich auch bei der Digitalisierung unterschiedliche Interessen und es gibt neben den Chancen auch Risiken.

Es ist nicht nur, aber auch Aufgabe der Politik, diese Risiken und Chancen zu erkennen, zu benennen, abzuwägen und Lösungen auszuhandeln.

Erlauben Sie mir zunächst ein paar Vorbemerkungen, bevor ich ein paar Gedanken zur Zukunft formuliere.

Digitalisierung ist im öffentlichen Diskurs ja oft nicht viel mehr als ein Schlagwort. Und als Schlagwort ist sie den einen Verheissung, den anderen ein Schreckgespenst.

Neu ist das natürlich nicht. So schrieb beispielsweise die "Basler Zeitung" bereits 1997, als das digitale Mobilfunksystem gerade die Telekommunikation umpflügte - ich zitiere:

"Die Branche gilt zwar als der Hoffnungsträger, doch welche Auswirkungen das prophezeite Wachstum letztlich auf die Beschäftigung haben wird, darüber scheiden sich die Geister: Die einen warnen: Informations¬technologien vernichten Arbeitsplätze. Die anderen sehen dort ein klares Wachstumspotenzial".

Heute wissen wir, dass beides eingetroffen ist: Mit den neuen Informationstechnologien sind Arbeitsplätze verschwunden und es wurden zugleich unzählige neue geschaffen.

Wir haben uns den Wandel, die neuen Technologien aber auch unglaublich schnell angeeignet! Wie schnell, das merkt man, wenn man zum Beispiel nachliest, was die Zeitung "Der Bund" im Dezember 1995 über die neuesten Errungenschaften in der Telekommunikation schrieb.

Ich zitiere:

"So ist es seit Oktober möglich, auf einem modernen Natel-D-Telefon neben Anrufen auch kurze Text-Mitteilungen zu empfangen. (…) Im kommenden Frühjahr oder Sommer soll es zudem möglich werden, vor Entgegennahme eines Anrufes die Telefonnummer des Anrufers in vielen Fällen angezeigt zu erhalten".

Heute bin ich froh, dass mir die Technologie erlaubt, meine Telefonnummer zu unterdrücken!

Was man aber ebenfalls feststellen kann: Während die Digitalisierung längst mitten im Leben angekommen ist, hat sich die öffentliche Debatte über die Digitalisierung deutlich akzentuiert.

Sucht man in der Schweizer Mediendatenbank nach dem Begriff "Digitalisierung", taucht er in den ganzen 1990er Jahren gerade mal in 656 Zeitungsartikeln auf. Explodiert ist sein Gebrauch erst in den letzten Jahren: Von rund 3500 Mal im Jahr 2015 auf über 22 000 Mal im letzten Jahr.

Mesdames et Messieurs,

Je l’avoue, je ne suis pas une technomaniaque. Je suis bien contente de pouvoir faire défiler les nouvelles sur mon téléphone quand je suis en déplacement, mais je ne fais pas partie des " early adopters ". Je n’ai pas de comptes sur les réseaux sociaux et j’essaie de partager le moins possible mes données personnelles. Je suis cependant convaincue que notre pays – dont la principale ressource est la qualité de la formation – doit saisir les opportunités de la révolution numérique, et qu’il a toutes les cartes en main pour le faire !

Ich gebe es zu: Ich bin kein Tech-Freak. Ich bin zwar froh, wenn ich mich unterwegs durch die Nachrichten scrollen kann, aber ich bin keine "early adopterin". Ich habe auch keine Accounts auf den sozialen Plattformen und versuche generell, meine Daten so zurückhaltend wie möglich zu teilen. Aber ich bin überzeugt, dass unser ressourcenarmes und bildungsstarkes Land die Chancen der Digitalisierung nutzen muss und nutzen kann!

Wenn man die künftigen Herausforderungen des digitalen Wandels aber ohne gesellschaftliche Verwerfungen und ohne politische Blockaden meistern will, braucht es eine ehrliche, und damit meine ich vor allem eine sachliche und transparente Auseinandersetzung mit der Digitalisierung. Schlagworte reichen nicht. Es braucht weder Superlative noch Schwarzmalerei. Und es wäre nicht nur elitär, sondern auch falsch, Skeptiker einfach als verkorkste Hinterwäldler abzutun.

Was braucht es dann, damit diese Auseinandersetzung künftig besser gelingt? Ich nenne vier Punkte.

Man muss erstens zwischen echten und vermeintlichen Zielkonflikten unterscheiden. Es geht - ich habe es bereits gesagt - nicht um einen Konflikt zwischen Analogem und Digitalen. Es geht auch nicht einfach um einen Konflikt zwischen den Interessen der Wirtschaft und den Interessen der Gesellschaft. Auch Bürgerinnen und Bürger, Konsumentinnen und Konsumenten haben ein Interesse daran, dass der Staat und die Wirtschaft die Chancen der Digitalisierung nutzen und nutzen können. Ich habe den Mehrwert für die Forschung erwähnt. Ich denke aber auch an neue Arbeitsformen zur besseren Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Oder an die Möglichkeit, Behördengänge bequem von zuhause aus erledigen zu können. Einen echten Zielkonflikt gibt es aber beispielsweise zwischen dem Bedürfnis nach digitaler Vernetzung und dem Schutz der Privatsphäre. Oder zwischen dem Wunsch nach einer effizienteren Verwaltung und dem Schutz vor Cyberattacken.

Man muss zweitens anerkennen, dass die rasante technologische Entwicklung und die Vermehrung unserer Daten auch Skepsis hervorrufen. Wandel ist zwar nichts Neues Aber der digitale Wandel durchdringt unser Leben stärker – oder sagen wir: anders - als die Erfindung der Dampf- oder der Druckmaschine. Und unsere privaten Daten landen heute nicht mehr in einer staubigen Fiche in Bundesbern - was schlimm genug war -, sondern in sogenannten Clouds von globalen Riesen wie Google und Amazon. All das löst Unbehagen aus. Dieses Unbehagen kam dieses Jahr erstmals auch an einer Volksabstimmung zum Ausdruck, als es um die E-ID ging. Sie kennen das Ergebnis. Nur wenn man das Unbehagen ernst nimmt, gewinnt man auch Vertrauen.

Drittens gilt es, die "Digitalisierung" fassbarer zu machen. Caspar Hirschi, der sich an der HSG als Historiker mit der Digitalisierung auseinandersetzt, hat einmal in einem Interview - sinngemäss - gesagt, es sei nicht so entscheidend, dass man weiss, wie man programmiert. Zentral sei vielmehr, dass man "versteht, was Digitalisierung heisst". Wie wirken Algorithmen? Was wird als künstliche Intelligenz bezeichnet? Wie genau verändert die Digitalisierung die Wirtschaft?

Ich würde den Katalog noch ergänzen: Was bedeutet die Digitalisierung für unsere Grundwerte? Wie erhalten wir unsere Freiheit, wie schützen wir die Privatsphäre in einem digitalen Raum? Wer übernimmt in diesem digitalen Raum die Verantwortung?

Hierzu nur ein Beispiel: Die Meinungsäusserungsfreiheit in den sozialen Medien. Soziale Medien können den demokratischen Diskurs beleben. Mit der Distanz und der Anonymität sinkt aber zugleich die Hemmschwelle, jemanden persönlich anzugreifen oder anzufeinden. Es fehlt auch der journalistische Filter der klassischen Medien, der Aussagen überprüft und einordnet. Das Resultat sind Hetze und Fake News. In einer Demokratie ist es natürlich zentral, dass man seine Meinung frei äussern kann – es ist aber ebenso wichtig, dass man sich seine Meinung frei bilden kann, frei von Drohungen, Filterblasen oder Fake News.

Auch das ist übrigens ein echter Zielkonflikt!

Die Frage ist: Wie kann man beiden Interessen gerecht werden?

Das führt mich zum vierten und letzten Punkt: Der Regulierung. Sie steht am Ende der Auseinandersetzung mit Fragen wie dieser. Der digitale Wandel braucht aber nicht einfach mehr Regulierung, er braucht vor allem intelligente Regulierung. Sie muss einerseits zum Schutz des Privaten, des Rechtsstaats und auch der Demokratie erfolgen. Sie muss andererseits aber auch den Wandel ermöglichen, der sie überhaupt erst erforderlich macht. Das birgt eigene Herausforderungen, gerade auch für mein Departement, das mit dem Bundesamt für Justiz eine zentrale Rolle bei der Rechtsetzung spielt. Denn auch die Rechtsetzung selber kann heute rasch vom technologischen Fortschritt überholt werden.

Geschätzte Damen und Herren

Man kann es in Kürze vielleicht auf die folgende Formel bringen:

Digitalisierung muss dem Menschen dienen - und nicht umgekehrt. Das ist auch das erklärte Ziel der bundesrätlichen "Strategie digitale Schweiz". Der erste Grundsatz dieser Strategie lautet: "Den Menschen in den Mittelpunkt stellen".

La digitalizzazione deve mettersi al servizio degli esseri umani – e non viceversa. È l’obiettivo dichiarato della "Strategia Svizzera digitale" perseguita dal Consiglio federale, il cui primo principio vuole "porre l’essere umano al centro".

Es wäre ein Fehler, das Analoge und das Digitale gegeneinander auszuspielen. Sie müssen zusammen gedacht werden.

Das gilt nicht nur für den Staat und die Politik, sondern natürlich auch für Sie!

Nehmen Sie den Swiss Digital Economy Award, der heute Abend verliehen wird. Was wäre sein Wert, wenn man ihn nicht gemeinsam mit der Familie, mit Freundinnen und Kollegen feiern könnte? Wenn Sie nicht die Korken knallen lassen könnten, wie es auf der Webseite des Digital Economy Awards heisst - weil der Champagner zwar rechtzeitig geliefert wurde, aber warm ist, weil die Stromversorgung ausgefallen ist?

In diesem Sinne gratuliere ich herzlich den heutigen Gewinnerinnen und Gewinnern für ihre digitalen Innovationen - und wünsche Ihnen allen noch einen geselligen Abend!

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.
Merci de votre attention.
Grazie dell’attenzione 

Letzte Änderung 11.11.2021

Zum Seitenanfang