Menschen mit ihrem Potenzial wahrnehmen

Reden, EJPD, 01.09.2014. Bundesrätin Simonetta Sommaruga. Es gilt das gesprochene Wort.

Rede von Bundesrätin Simonetta Sommaruga an der Feier zum 10-jährigen Bestehen von Crescenda.

Meine Damen und Herren

Aufgrund einer glücklichen Fügung in meiner Agenda konnte ich heute ein bisschen früher nach Basel reisen.

Ich habe die Gelegenheit genutzt für einen kurzen Besuch in der Fondation Beyeler und sah mir die Gerhard-Richter-Ausstellung an.

Solche Momente sind kleine Inseln in meinem Alltag, die ich, selten zwar, aber doch immer wieder, in meine Agenda schmuggle.

Solche kleine Inseln sind wichtig. Das wissen wir alle:

Diese Inseln erhalten unsere Kreativität und Lebendigkeit - auch in der Arbeit.

Ich denke z.B. an jene Bilder von Gerhard Richter, die auf den ersten Blick fast fotorealistisch anmuten:

Sie irritieren, weil Richter die Konturen verwischt. Es gibt keine scharfen Linien und Grenzen, die Figuren wirken verschwommen, die Bilder scheinen zu schimmern.

Was fotorealistisch ganz vertraut wirken würde, wird uns so plötzlich fremd.

Das hat bei mir heute eine besondere Reaktion ausgelöst:

Man will ganz nah an die Bilder heran, um die unscharfen Personen besser zu erkennen, um sie genauer wahrzunehmen:

Wir wollen vertraut sein mit etwas, das fremd auf uns wirkt.

Genau das ist es, was mir sehr oft fehlt im Migrationsdiskurs.

Wenn von Migrantinnen und Migranten, von Flüchtlingen und Asylsuchenden die Rede ist, dann steht meistens das Fremde, das Trennende im Vordergrund.

Und der Reflex ist nicht, näher hinzuschauen, um genauer wahrzunehmen, sondern auf Distanz zu bleiben und die Defizite zu orten:

Was wird an Migrantinnen und Migranten nicht alles bemängelt:

sie seien zu wenig angepasst, zu wenig integriert, zu wenig qualifiziert, zu wenig fleissig, zu wenig gleich wie wir, zu wenig christlich … zu wenig, zu wenig, zu wenig.

Sie, meine Damen, Sie wissen, dass uns das nicht weiterbringt.

Schliesslich sind wir alle darauf angewiesen, dass man das, was uns ausmacht, nicht als Mangel oder Fehler wahrnimmt, sondern als unsere Eigenart, und besser noch: als unser Potenzial.

Der Potenzialansatz - wie das in der Fachsprache heisst - ist der beste Weg, um die Entwicklung und Entfaltung von Menschen zu fördern.

Das gilt für jeden einzelnen von uns, und das gilt in besonderem Mass für Migrant/-innen, die sich als Fremde bei uns in einer neuen und oft gänzlich unbekannten Welt wiederfinden.

Menschen - statt in ihren Mängeln zu betrachten - mit ihrem Potenzial wahrzunehmen, das ist Crescenda.

Und damit ist Crescenda ein Gegenprojekt zum defizitorientierten Umgang mit Migrant/-innen.

Fremdsein als Kapital. Wie wichtig, und wie dringend nötig ist dieser Ansatz! 

Denn die Menschen, die zu uns in die Schweiz kommen, kommen aus ganz unterschiedlichen Gründen in die Schweiz.

Aber alle bringen sie etwas mit:

Die einen bringen Bildung und Wissen mit, die anderen ihr Geschick und ihr Handwerk, manche bringen Geld mit, andere Kinder und Partner, fast alle bringen Hoffnung mit – und alle, alle bringen ein Stück ihrer Kultur mit zu uns.

Natürlich erwarten wir von Migrantinnen und Migranten, dass sie sich integrieren.

Aber das heisst eben nicht, dass sie möglichst unauffällige und unsichtbare Mitglieder unserer Gesellschaft werden. Sich zu integrieren heisst eben nicht, dass man die eigene Kultur verdrängt und verbirgt.

Crescenda trägt auf eine besondere Weise dazu bei, dass Migrantinnen ihr Potenzial entfalten können: sie unterstützen Frauen bei der Gründung ihres eigenen Unternehmens.

Ich bin aufgrund verschiedener Erfahrungen überzeugt, dass gerade bei Frauen das unternehmerische Kapital enorm ist.

Nur zwei Beispiele:

Zahlreiche Bauernbetriebe in der Schweiz haben in den letzten Jahrzehnten ein wichtiges zusätzliches Standbein entwickelt: den Direktverkauf ab Hof. Das heisst:

Die Produkte werden direkt auf dem Hof verarbeitet und verkauft. Der Mehrwert bleibt also auf dem Bauernhof und bringt ein willkommenes Zusatzeinkommen. In den allermeisten Fällen ging diese Initiative von den Bäuerinnen aus.

Und aus meiner Zeit als Präsidentin von Swissaid weiss ich, dass sich in der Entwicklungszusammenarbeit gerade die wirtschaftliche Förderung von Frauen oft besser bewährt als jene von Männern:

Die Rückzahlquote bei Mikrokrediten ist bei den Frauen in aller Regel viel höher als bei Männern - deshalb werden Mikrokredite bis heute in erster Linie an Frauen vergeben.

Meine Damen und Herren, kommen wir von den Frauen in der Dritten Welt zu den Frauen in der Schweiz:

Letzte Woche lasen wir in der Zeitung, dass in unserem Land 50'000 Akademikerinnen keiner Erwerbsarbeit nachgehen.

Meine Damen und Herren, in unserem Land sind Frauen nach wie vor in vielen Fällen gezwungen, sich zwischen Beruf und Familie zu entscheiden – ein Entscheid, vor dem die allermeisten Männer verschont bleiben.

Und nun hat die Mehrheit der Bevölkerung am 9. Februar dieses Jahres entschieden, dass die Zuwanderung verstärkt gesteuert und auch reduziert werden soll. Das ist ein weitreichender Entscheid, der unser Land in eine Phase der Ungewissheit geführt hat – und mit dem unsere guten Beziehungen zu Europa auf dem Spiel stehen.

Diese Ungewissheit ist unangenehm, und sie wird wohl noch eine Weile andauern, denn eine verfassungskonforme Umsetzung des neuen Verfassungartikels und der gleichzeitige Erhalt der Bilateralen: das bringt man nicht einfach zusammen.

Doch bei allen Schwierigkeiten, die wir jetzt haben, sehe ich in ihrer Annahme immerhin auch einen positiven Aspekt (auch wenn das die Initianten nie so gewollte haben):

Das Ja war vielleicht - und hoffentlich - ein Weckruf für die Wirtschaft, nämlich gewisse Dinge anzupacken, die wir längst hätten anpacken müssen:
Ich rede z.B. von der Vereinbarkeit von Familie und Beruf und ich rede von der Förderung des einheimischen Potenzials.

Zu diesem einheimischen Potenzial zählen nicht nur die Frauen generell, sondern es gehören ganz besonders auch die Migrantinnen dazu. Sie sind immer noch deutlich häufiger nicht erwerbstätig oder arbeitslos als die Schweizer/-innen.

In diesem Sinne hoffe ich, dass weitere Branchen dem Beispiel der Landwirtschaft folgen, mit welcher wir nun über den Einsatz von Flüchtlingen reden.

Die Zeichen der Zeit sind also klar: Wir wollen mehr Frauen im Arbeitsmarkt, mehr Schweizerinnen und mehr Migrantinnen und Migranten.

Meine Damen und Herren, Crescenda hat in den letzten zehn Jahren wichtige und wertvolle Integrationsarbeit für Migrantinnen geleistet. Wichtig, weil die Integration ein zentrales Element ist für den Zusammenhalt in unserer Gesellschaft.

Es ist uns in der Schweiz wie in wenigen anderen europäischen Staaten gelungen, nicht nur Migrantinnen und Migranten aufzunehmen, sondern sie auch mitten in unserer Gesellschaft zu integrieren, nicht in Ghettos oder Banlieus wie andernorts.

Wir betreiben in der Schweiz eine Integrationspolitik von unten. Integration muss lokal von der Zivilgesellschaft, von den Gemeinden und Kantonen gefördert werden. Integration findet vor Ort statt. Sie kann nicht von der Hauptstadt aus verordnet werden.

Crescenda ist somit ein Projekt, das exemplarisch für die Schweizer Integrationspolitik steht.

Sie, meine Damen, leisten einen Beitrag zur Integration von Migrantinnen. Diese Arbeit kann nicht hoch genug eingeschätzt werden.

Ich danke Ihnen von Herzen für Ihr Engagement.

nach oben Letzte Änderung 01.09.2014