Wer sich einlässt aufs Kino, lässt sich ein auf die Welt

Reden, EJPD, 25.09.2014. Bundesrätin Simonetta Sommaruga. Es gilt das gesprochene Wort.

Rede von Bundesrätin Simonetta Sommaruga an der Eröffnung des 10. Zurich Film Festivals.

Geschätzte Stadtpräsidentin Corine Mauch,
lieber Kollege Bundesrat Moritz Leuenberger,
verehrte Protagonistinnen aus Kultur, Politik, Wirtschaft und Gesellschaft,
verehrte Filmschaffende und ganz besonders:

geschätzte Regisseure:

Es freut mich, dass Sie den Mut finden – und in Zürich ganz speziell – an einem Festival zu erscheinen, das eine Bundesrätin eröffnet, die dem Eidgenössischen Justiz- und Polizeidepartement vorsteht. – Sie können aber wirklich ganz unbesorgt sein, bei Filmfestivals ist meine politische Bilanz perfekt: drei Eröffnungen, null Festnahmen.  

Mir wurden fünf bis sechs Minuten für meine Ansprache eingeräumt. Eine halbe ist schon weg, bleiben fünf Minuten: also immerhin fast so lang, wie gewisse Parteien überlegen, bevor sie wieder eine neue Volksinitiative ankündigen.

Filme entführen und verführen uns

Meine Damen und Herren, Filme sind wichtig für uns. Sie verführen uns. Sie entführen uns in eine andere Welt.

Es war ein Mittwoch, als ein Film mich mitten am Tag von meiner Arbeit wegführte. Am Mittwoch findet ja jeweils die wöchentliche Sitzung des Bundesrats statt. Ich weiss nicht mehr, ob ich nach der Sitzung einfach dachte: Jetzt könnt ihr mich alle filmen.

Etwas ungewohnt war’s schon, so als Bundesrätin am Nachmittag unter der Woche an der Kinokasse, aber kaum war ich im schützenden Dunkel des Kinosaals, entführte mich der Film nach Indien, in die Küche einer Frau, die himmlisch kocht, aber nicht für ihren Mann, sondern – ohne dass sie es zunächst weiss – für einen anderen. – Und er liebt das Essen, und später die Frau. "Lunch box" ist ein Film für alle, die nicht nur indische Küche mögen, sondern auch Männer, die etwas von Essen verstehen.

Filme bringen uns Unbekanntes näher

Filme bringen uns Unbekanntes näher.

Das leisten andere Kunstformen auch. Guten Filmen gelingt dies aber besonders unmittelbar:

In Petra Volpes Spielfilm "Traumland" werden die schwer erträglichen Abgründe des Zürcher Rotlicht-Milieus auch für jene greifbar, denen diese Welt fremd ist: Denn Volpe zeigt nicht nur Prostituierte und Zuhälter. Sie zeigt auch Freier und: deren Gattinnen.

Oft führen uns Filme in vergangene Zeiten. Und schärfen damit unseren Blick für die Gegenwart:

In Stefan Haupts Werk "Der Kreis" wird uns die junge Blütezeit der homosexuellen Emanzipation im Zürich der 50er Jahre gezeigt. Und die anschliessende Phase der harten gesellschaftlichen Repression gegen Schwule.

Heute sind wir uns einig, nicht alle, aber fast alle: Wer immer noch meint, Homosexuelle stigmatisieren zu müssen, der sollte den eigenen Wertekompass neu ausrichten – andere würden vielleicht sagen: den Hirnlappen.

"Der Kreis" verkörpert eine Botschaft, die auch bei uns in der Schweiz wieder deutlicher ausgesprochen werden muss: Die Menschenrechte sind in keiner Gesellschaft gesichert, sie müssen immer und immer wieder verteidigt werden.

Für mich als Justizministerin, die derzeit daran arbeitet, das Familienrecht anzupassen an unsere heutigen, freieren Vorstellungen von Liebe und Familie, war dieser Film eine Inspiration.

Wer den Film mit seinen beiden eindrücklichen Protagonisten sieht, kommt rasch zum Schluss: Das einzige, was Ernst und Röbi noch fehlt, ist der Oscar.

 

Meine Damen und Herren, was also ist es, das uns immer wieder ins Kino zieht?

  • Es ist die Neugier auf das Leben der anderen.
  • Es ist der Drang, die eigenen Sehgewohnheiten in Frage zu stellen.
  • Es ist das Bedürfnis, Menschen – und damit auch uns selbst – neu wahrzunehmen.

Filme ermöglichen all das, weil wir uns im Kino den Augen eines anderen überlassen können, nämlich jenen der Regisseurin oder des Regisseurs.

Wenn diese Neugier auf das Fremde versiegt, dann verkümmert etwas ganz Wichtiges in uns:

Wer aufhört sich für andere Wirklichkeiten zu interessieren, der klammert sich an Mythen fest, die er selbst geschaffen hat. Dieser Weg führt letztlich in die Isolation.

Das gilt für uns Menschen, das gilt aber auch für Staaten.

Wer das Fremde nicht an sich heranlässt, verliert seine eigene Identität. Denn Identität bildet sich nur im Kontakt mit dem andern.

Wer sich einlässt aufs Kino, lässt sich ein auf die Welt.

Auch deshalb tut der Bund gut daran, das Kino auch weiterhin kräftig zu fördern.

Kino ist sinnlich – und deshalb körperlich

Die Filmförderung ist nicht nur, aber auch deshalb wichtig, weil Filme viele Menschen erreichen. Der Film ist kein elitäres Medium. Es berührt uns; ich verstehe das durchaus wörtlich:

Unser Körper reagiert auf gute Filme. Denken wir nur an all die Tränen, die wir in diesen Sälen vergiessen. Oder an die Angst, die uns immer wieder packt:

Kino ist sinnlich – und deshalb körperlich.

Ich meine auch den Moment, wenn das Licht angeht und der Abspann läuft, wenn wir in diese seltsame Zwischenwelt geraten zwischen Film und Realität. Wenn wir dann langsam aufstehen und uns auf den Weg machen, dann kommt es vor: dass der Film unseren Körper ergriffen hat.

Wer sich in Bill Violas Videos auf die extreme Verlangsamung einlässt, braucht nachher für den Fussweg zurück nach Hause doppelt so lange wie für den Hinweg. Der Schritt ist langsamer, bedächtiger, achtsamer und leiser als sonst. – Bewegte Bilder eben, die unsere Bewegungen prägen.

Dieses Festival gehört zur Schweizer Filmlandschaft

Meine Damen und Herren, als dieses Festival vor 10 Jahren auf die Welt kam, dachten manche: Wir haben schon hübschere Kinder gesehen.

Heute sind wir uns alle einig:

Das Kind ist gediehen, es strahlt, und zwar prächtig, es sieht anders aus als seine Kameradinnen aus Fribourg, Nyon, Solothurn oder Locarno – aber das soll es ja auch.

Das Zurich Festival ist nach zehn Jahren nicht mehr wegzudenken aus der Schweizer Filmlandschaft.

Es ist mir eine grosse Freude, Ihnen zum heutigen Jubiläum die Glückwünsche und die Grüsse der Landesregierung zu überbringen.

nach oben Letzte Änderung 25.09.2014