Errungenschaften immer wieder neu sichern

Schlagwörter: Religion

Reden, EJPD, 20.10.2014. Bundesrätin Simonetta Sommaruga. Es gilt das gesprochene Wort.

Rede von Bundesrätin Simonetta Sommaruga an der Eröffnung des Museums Bibel+Orient

Sehr geehrte Damen und Herren

Dieses Museum regt an zur Auseinandersetzung mit den Religionen des Alten Orients und den monotheistischen Religionen Judentum, Christentum und Islam, die daraus hervorgegangen sind.

Dieses Museum ist somit ein idealer Ort, um einige Fragen zu stellen, die heute so dringend sind wie je zuvor:

  • Wie gehen wir mit religiösen Differenzen um?

Und weiter noch:

  • Wie gehen wir mit ethnischen Differenzen um?
  • Wie reagieren wir auf Andere, auf die Anderen, auf das Andere?
  • Wie gehen wir mit dem Fremden um?

Das Verbindende oder das Trennende …

Es gibt auf diese Fragen, bei allen möglichen Nuancen, zwei grundlegende Haltungen:

Entweder wir suchen das Gemeinsame, das Verbindende.

Oder wir betonen das Trennende.

Meine Damen und Herren, wir wissen alle: Diese Fragen stellen sich uns allen, in zahlreichen Bereich, Tag für Tag. Sie stellen sich auch mir in meinem Amt, dazu nur einige Beispiele:

… in der direkten Demokratie

Nehmen wir unsere direkte Demokratie, die mir sehr am Herzen liegt.

Suchen wir den Kompromiss, oder ist das Ziel der politischen Auseinandersetzung, dass wir die anderen übertrumpfen und uns vollumfänglich durchsetzen? Sollen die Anliegen der Minderheit einfliessen in den Kompromiss oder soll gefälligst klein beigeben, wer keine Mehrheit gewinnt? Ich bin überzeugt:

Jeder politische Kompromiss ist immer auch ein kleiner Sieg für unsere direkte Demokratie.

Ein Kompromiss ist eine politische Kunst, die kaum jemand so gut beherrscht wie wir Schweizerinnen und Schweizer. – Seien wir stolz darauf, pflegen wir diese Kultur und hören wir auf, den Kompromiss zu verunglimpfen, wie es von manchen Kreisen zunehmend getan wird.

Es geht also um den Umgang mit Andersdenkenden:

  • Akzeptieren und respektieren wir Menschen, auch wenn sie andere Meinungen vertreten als wir?
  • Oder diffamieren und verhöhnen wir sie?

Politische Kultur ist mehr als nur der Umgangston, aber es ist kein Zufall, dass z.B. an der Landsgemeinde nie jemand ausgebuht wird. Wer seine Meinung öffentlich und in anständiger Weise vertritt, verdient nicht unbedingt Zustimmung, aber immerhin Respekt.

Die Frage nach dem Verbindenden oder Trennenden stellt sich auch bei unserer

… Aussen- und unserer Ausländerpolitik

Nur ein Beispiel:

  • Ist ein gemeinsames internationales Gericht eine zivilisatorische Errungenschaft oder eine Bedrohung für die nationalstaatliche Souveränität?

Ohne solche Fragen pauschal beantworten zu wollen: Abschottung und Isolation haben noch nie zum Ziel geführt – das war vor zweitausend Jahren im Orient nicht anders als heute in unserer globalisierten Welt. Damals galt, was heute gilt:

Wer das Fremde nicht an sich heranlässt, verliert seine eigene Identität. Denn Identität bildet sich nur im Kontakt mit dem andern.

Und in diesem Zusammenhang sollten wir uns in Bezug auf Europa zumindest in einer Sache einig sein:

Der EU ist es als ein verbindendes Projekt gelungen, seit sieben Jahrzehnten Frieden zu halten in Mitteleuropa; und das gab es in der Geschichte unseres Kontinents noch nie.

Tunesien, Jordanien

Meine Damen und Herren, wenn es gelingt, trotz grosser Differenzen eine gemeinsame Lösung zu finden, dann sind das für mich stets Höhepunkte. Ich möchte mich damit von der Schweiz über Europa langsam dem Orient nähern, allerdings über eine Zwischenstation:

Tunesien: neue Verfassung

Ich besuchte Tunesien erstmals gut ein Jahr nach dem Sturz des Machthabers Ben Ali. Die religiösen und weltanschaulichen Spannungen waren damals förmlich greifbar. Viele fürchteten, das Land würde zerrissen. Und dann gelang es in nur drei Jahren, eine neue demokratische Verfassung zu verabschieden. Was kaum jemand weiss, aber umso bedeutender ist: In der neuen tunesischen Verfassung ist die Glaubensfreiheit festgeschrieben.

Dazu waren erstaunliche Kompromisse nötig, das war ein hartes Ringen, hier mussten die verschiedenen Lager wirklich grosse Schritte aufeinander zugehen.

Die Verfassung muss sich in der Realität noch beweisen, aber hier ist es gelungen, das Verbindende über das Trennende zu stellen.

Die Feier zur neuen Verfassung war ein sehr bewegender, unvergesslicher Moment, dem ich in Tunis beiwohnen durfte, weil die Schweiz bei der Entwicklung der Verfassung unterstützend mitgewirkt hatte.

Ich komme damit zu einem letzten Beispiel:

Jordanien

Ich reiste diesen Sommer in den Orient, nach Jordanien. Seit Ausbruch des Syrienkonflikts sind über 600'000 syrische Flüchtlinge in Jordanien aufgenommen worden. Zum Vergleich: Die Schweiz hatte letztes Jahr gut 20‘000 Asylgesuche. Jordanien hat dabei übrigens etwas weniger Einwohner als die Schweiz. In einzelnen Gemeinden in Jordanien hat sich die Einwohnerzahl seit Beginn des Konflikts in Syrien 2011 verdoppelt.

Das ging auch in Jordanien nicht ganz ohne Spannungen von sich. Der Grundsatz aber, dass all diese Menschen – all diese Fremden – aufgenommen werden, ist in der Regierung unbestritten, und er wird auch von der Bevölkerung mitgetragen.

Diese Aufnahmebereitschaft hat Tradition in Jordanien. Jordanien ist damit in einer von Bürgerkriegen geprägten Region ein stabilisierender Faktor von geopolitischer Bedeutung.

Errungenschaften immer wieder neu sichern

Die Eröffnung dieses Museums fällt in eine Zeit, in der die religiöse Radikalisierung in vielen Teilen der Welt zunimmt. In unserer vernetzten Welt bleibt aber auch die Schweiz vor solchen Entwicklungen nicht verschont.

Vergessen wir nicht: In keinem Land sind zivilisatorische Errungenschaften dauerhaft gesichert. Wir müssen auch Grund- und Menschenrechte wie z.B. die Religionsfreiheit immer wieder neu festigen, begründen, erklären und verteidigen.

Dieses Museum erinnert an die Geschichte und die gemeinsamen Wurzeln von Judentum, Christentum und Islam. Es betont also nicht die Unterschiede, sondern es hebt die Gemeinsamkeiten hervor zwischen Judentum, Christentum und Islam.

Mit diesem Ansatz zeigt dieses Haus Vergangenes – es weist damit aber auch den einzigen Weg in eine friedliche, in eine menschliche Zukunft.

Es ist mir deshalb eine grosse Freude, Ihnen heute zur Eröffnung dieses neuen Museums die Grüsse und die Glückwünsche der Landesregierung zu überbringen.

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nach oben Letzte Änderung 20.10.2014