Rede zur Wahlfeier des neuen Bundespräsidenten Johann Schneider-Ammann

Reden, EJPD, 17.12.2015. Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga. Es gilt das gesprochene Wort.

Lieber Hannes, geschätzte Vertreter/-innen der drei Bern, geehrte Damen und Herren aus Politik, Wirtschaft und Kultur

Ich werde Ihnen jetzt nicht zu erklären versuchen, dass Hannes Schneider Amman und ich in jeder Bundesratssitzung und bei jedem Geschäft stets und immer genau die gleiche Meinung vertreten. Aber:

Es gibt sehr wohl Gemeinsamkeiten zwischen uns.

Wir werden zum Beispiel gern gleichzeitig gewählt:

1999 wurden wir beide in den Nationalrat gewählt.

2010 wurden wir beide in den Bundesrat gewählt.

Aber da geht’s dann schon los mit den Differenzen, denn:

Lieber Hannes, zwischen deiner Wahl und meiner Wahl lag etwa eine halbe Stunde. Eine halbe Stunde Differenz. Und wegen dieser halben Stunde, lieber Kollege Hannes, musstest du nun ein ganzes Jahr länger als ich auf das Bundespräsidium warten.

Jetzt aber steht dein Präsidialjahr vor der Türe, und ich wünsche dir dafür von Herzen viel Kraft, eine glückliche Hand, immer wieder Freude und in schwierigen Momenten Menschen, die an deiner Seite stehen.

In deinem Präsidium wird einiges anders sein als in meinem:

Wenn z.B. Hr. Juncker dich in Brüssel begrüsst, dann wird das ein Handshake sein, also ganz klassisch. Bei mir ging die Begrüssung ja etwas weniger klassisch über die Bühne.

Eine der wichtigsten Aufgaben des Bundespräsidenten ist in der Öffentlichkeit nicht sichtbar:

Der Bundespräsident leitet die Bundesratssitzungen. Das bedeutet aber nicht, dass vor allem er spricht – im Gegenteil:

Vom Bundespräsidenten erwartet man, dass er sich in den Sitzungen sogar zurücknimmt und das Gremium bei der Entscheidfindung mehr begleitet als leitet.

Auch die Bevölkerung erwartet vom Bundespräsidenten nicht, dass er aufsteigt und abhebt. Nein, der Bundespräsident soll erst recht den Kontakt zur Bevölkerung suchen, er soll nahe sein und fassbar bleiben.

Und das ist in der Schweiz auch immer noch möglich: Sind wir nicht ein einzigartiges Land, in welchem die Bundesrätinnen und Bundesräte ohne Bodyguards im Bus oder im Zug anzutreffen sind?

Ganz anders im Ausland. Wenn man als Bundespräsident/-in ins Ausland fährt – zu Arbeitsbesuchen, an Staatsempfänge oder an internationale Konferenzen – sind die Sicherheitsdispositive jeweils zwischen beeindruckend und beängstigend. Aber es gibt auch eine andere Seite:

Plötzlich ist man mit Staatsoberhäuptern und Königinnen zusammen und trinkt Kaffee – und wartet. Man wartet z.B. ziemlich oft, dass ein Anlass endlich beginnt. Lieber Hannes, du brauchst keine Tipps von mir, aber einen gebe ich dir doch:

Nutz diese Wartezeiten. Denn an solchen Anlässen entstehen die besten Gespräche oft beim gemeinsamen Warten.

Dabei stellen sich manchmal ungewohnte Fragen, wie zum Beispiel: Wie spricht man einen König an? Ich erinnere mich, wie ich einmal in letzter Minute erfuhr, dass man nicht einfach "Monsieur le Roi" sagt, sondern: "Sire".

Eine andere Frage weiss ich dagegen bis heute nicht zu beantworten: nämlich wie man zu Michelle und Barack Obama hochschaut, ohne die Genickstarre zu bekommen.

Im Übrigen verlaufen diese Begegnungen mit Staatsoberhäuptern überraschend unkompliziert. Rasch entsteht Nähe, man duzt sich sofort und tauscht die Handynummern aus. – Es ist also ein bisschen wie bei Teenagern auf dem Pausenplatz.

Und dann, nach einem Jahr, sind all diese Kontakte vorbei, und alle Beziehungen müssen vom Nachfolger wieder neu aufgebaut werden. – Ein langjähriger Staatspräsident hat mir neulich gesagt:

Das jährlich wechselnde Präsidium sei ein Luxus, den sich die Schweiz leiste. Ja, in der Tat. Und doch passt das zur Schweiz, zu unserem politischen System, das keine Bäume will, die in den Himmel wachsen.

Unser politisches System stellt den Ausgleich ins Zentrum und bindet die Macht zurück. Die Kantone brechen die Macht des Bundes, das Parlament jene der Regierung und auch den Stimmbürger/-innen sind Grenzen gesetzt: durch die Bundesverfassung und die Menschenrechte.

Es gehört zu den Privilegien des Bundespräsidenten, dieses einzigartige politische System in unserem Land vorzuleben und im Ausland zu vertreten. Darauf, lieber Hannes, kannst du dich echt freuen!

Meine Damen und Herren, wie gesagt, es soll Gerüchten zufolge auch schon vorgekommen sein, dass Hannes und ich uns politisch nicht ganz einig waren.

Aber: Wenn wir Differenzen hatten, so sind wir uns doch immer wieder begegnet: als Menschen, als Kollegen, als Mitglieder einer Landesregierung, die genau dafür gewählt wurden: dass sie sich immer wieder zusammenraufen.

Und Hannes und ich wissen auch: Wenn wir zwei uns mal einig sind, dann hatten wir bisher die Mehrheit immer auf sicher. Ich werde mir also folgenden Neujahrsvorsatz vornehmen:

Möglichst oft einig sein mit dem neuen Bundespräsidenten. – Und ich gehe selbstverständlich davon aus, Hannes, dass du dir dasselbe auch vornimmst …

Ich wünsche dir und deiner Familie, lieber Hannes, von Herzen ein gutes, ein starkes und ein friedliches Präsidialjahr – und in den Bundesratssitzungen lasse ich mich auf dem Weg der Entscheidfindung in Zukunft gerne von dir begleiten!

nach oben Letzte Änderung 17.12.2015