Auf dem Gipfel statt am Berg (eine Anleitung für KMU)

Reden, EJPD, 18.09.2007. Es gilt sowohl das mündliche wie das schriftliche Wort, der Redner behält sich vor, auch stark vom Manuskript abzuweichen.

Lausanne. Referat von Bundesrat Christoph Blocher am Comptoir Suisse vom 18. September 2007.

Sehr geehrte Damen und Herren

Zunächst möchte ich mich für die Einladung bedanken und Ihnen die allerbesten Glückwünsche der Landesregierung überbringen.

Das Thema der diesjährigen Ausstellung heisst passend zum Gastkanton Wallis: „Der Berg, welchen man besteigt oder betrachtet“ (La Montagne, que l’on gravit ou contemple).

Wer in der Freizeit in die Berge geht, mag vor dieser Frage stehen und er wird sich je nach Gemütslage und physischer Kondition für eine Besteigung oder eben für eine bequemere Betrachtung entscheiden.

Wer unternehmerisch tätig ist, dem stellt sich eine andere Frage. Um im Bild zu bleiben: Wollen Sie auf den Gipfel – oder wollen Sie am Berg stehen bleiben? Wollen Sie hinauf, zum Erfolg? Wollen Sie „top“ sein, „to the top“ – wie die Engländer sagen – auf die Spitze, auf den Gipfel gelangen? Oder bleiben Sie unten, weil Sie die Anstrengung scheuen, das Risiko und die Arbeit?

Selbstverständlich möchten alle wirklichen Unternehmer auf den Gipfel gelangen. Sie müssen es. Es ist ihr Auftrag, denn es geht um den Erfolg ihrer Arbeit. Erfolg ist der Lohn dieser Anstrengung. Erfolg heisst Gewinn erzielen, heisst investieren können, Arbeitsplätze schaffen, weiter arbeiten. Höher hinauf als die Konkurrenz!

Besser sein, anders sein

Gewiss, manchmal würde man lieber auf einem Liegestuhl sitzen und die Berge aus Distanz betrachten. Das ist die eine Verführung. Wer mag sich schon freiwillig abquälen und sich die Gipfel hinaufschleppen? Es ist darum nur eine kleine Zahl von Unternehmern in der Bevölkerung. Sie sind sozusagen die Gipfelstürmer.

Wir brauchen nicht ein Volk von Gipfelstürmern. Aber es braucht eine möglichst grosse Zahl von Gipfelstürmern, damit eine Volkswirtschaft prosperiert, damit ein Land vorankommt – und ein Unternehmer, der Erfolg haben will, muss die Mentalität eines Gipfelstürmers aufweisen.

Oft wird mir gejammert, dass Ausländer schweizerische Unternehmen erwerben! Meine Antwort: Wo sind die Schweizer? Vielleicht betrachten sie lieber die Gipfel, statt diese zu besteigen. Weil es Ihnen zu mühsam ist.

Ein Unternehmer kann nie ausruhen auf dem Gipfel. Kaum ist er dort und ruht aus, wird er von einem anderen Konkurrenten überholt. Und schon ist er wieder am Berg, um den Konkurrenten zu überholen!
Aber welchen Gipfel? Immer einen höheren, einen anderen Gipfel als seine Konkurrenten. Wenn die Konkurrenz einen Gipfel von 800 Metern besteigt, müssen Sie halt auf 1'000 Meter hinauf. Wenn die Konkurrenz auf dreitausend Meter oben ist, müssen Sie diese dreitausend Meter übertreffen. Aber – und das ist das Tröstliche – Sie müssen nicht aufs Matterhorn eilen, wenn der Chasseral reicht. Um es kurz zu sagen: Sie müssen nur besser, anders sein als ihre Konkurrenten. Oder besser gesagt: Weniger schlecht! Ein wenig besser, ein wenig höher, das reicht.

Aber wenn Sie auf dem Gipfel sind, können Sie sich schon ausruhen und den Gipfelwein geniessen und die schöne Aussicht bewundern und sich über die kleineren Gipfel rundherum erhaben fühlen. Aber nur nicht zu lange. Denn die Konkurrenz ruht nicht. Sie ruht nie.
Darum: Ein Unternehmer ist nie am Ende eines Auftrages, sondern immer am Anfang!

Nichts ist gefährlicher als der Erfolg. Nichts ist für ein Unternehmen bedrohlicher als gute Zeiten. Das gilt auch für die Politik. Für die Regierung und das Parlament. Auch wenn man dort mit allen Mitteln versucht, die Konkurrenz auszuschalten!

Vorsicht in der Hochkonjunktur

Wenn wir die heutige volkswirtschaftliche Situation betrachten, dann stellen wir eine absolute Hochkonjunktur fest.

Hochkonjunktur ist Gift für die Politik. Nirgendwo wird leichtfertiger Geld ausgegeben, als dort, wo man nicht das eigene Geld ausgibt. Und das ist in der Politik systembedingt der Fall. Jetzt sprudeln die Steuern und mit ihnen wachsen die Begehrlichkeiten. Es werden Milliarden neuer Ausgaben geschaffen, die überhaupt nicht finanzierbar sind. Viele Politiker betreiben reine Wunschzettel-Politik. Das ist fatal. Wir haben Milliarden Schulden und wir haben Milliardenlöcher in den Sozialwerken.

Hochkonjunktur ist allerdings auch Gift für viele Unternehmen. Ein Merkmal der Hoch-konjunktur besteht ja darin, dass praktisch jeder Erfolg hat. Auch der Unfähige. Denn die Fehler wirken sich nicht aus. Geld ist da und wird verdient.

Wenn wir auf das Bild zurückkommen. In Zeiten der Hochkonjunktur kommt jeder auf einen Gipfel, nicht wenige mit der Bergbahn. Das ist verführerisch. Denn die Unfähigen glauben, der Erfolg sei ihrer Arbeit zu verdanken. Aber eigentlich müsste man sagen: Gewisse Unternehmen haben trotz ihrer Führung Erfolg – dank der guten Wirtschaftslage.

Dabei ist eines sicher: Genau heute, in diesen Monaten werden jene Fehler begangen, die sich dann in der Rezession verheerend auswirken. Die Unternehmen werden übermütig. Sie weiten die Produktion aus, wo keine nachhaltige Nachfrage besteht. Sie haben zu viel Geld. Also kaufen Sie zusammen, was sie können. Sie tun das Falsche, weil sie sich die Fehler (vorläufig) leisten können.

Es ist viel schwieriger, ein Unternehmen in guten Zeiten zu führen als in schlechten. Dazu wünsche ich Ihnen die nötige Kraft und Selbstkritik. Nehmen Sie den nächsten Gipfel ins Visier. Verstehen Sie jede bewältigte Aufgabe als den Beginn einer neuen Aufgabe. Dann kommt es gut.

nach oben Letzte Änderung 18.09.2007