Weltsprache Musik

Rede von Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf anlässlich des Schweizer Gesangsfestes

Reden, EJPD, 15.06.2008. Es gilt das gesprochene Wort

Weinfelden. In ihrer Rede am Schweizer Gesangsfest 2008 ging Bundesrätin Widmer-Schlumpf auf die Bedeutung der Musik als Weltsprache ein. In der Schweiz verbinde die Musik die verschiedenen Landesteile und Kulturen. Ganz allgemein verbinde Kultur Menschen über Grenzen und Kontinente hinweg miteinander - mehr als die Politik das könne.

Sehr geehrte Damen und Herren
Liebe Sängerinnen und Sänger

"Wo man singet, lass dich ruhig nieder,
ohne Furcht, was man im Lande glaubt;
Wo man singet, wird kein Mensch beraubt;
Bösewichter haben keine Lieder."

Johann Gottfried Seume musste es wissen: Er hatte Amerika- und Russland-Erfahrung als das noch keineswegs allgemein üblich war. Und wenn ich so um mich blicke, dann komme ich unwillkürlich zum Schluss, dass bei aller gebotenen Skepsis viel Wahres im Wort des älteren Zeitgenossen von Thomas Bornhauser steckt:

"Wo man singt, da lass Dich ruhig nieder, böse Menschen haben keine Lieder!"

Ich habe mich über Ihre Einladung sehr gefreut, sehr geehrte Damen und Herren, und ich danke Ihnen herzlich dafür! Ich freue mich, Ihnen die besten Grüsse und Glückwünsche des Bundesrats überbringen zu dürfen.

Thomas Bornhauser und Weinfelden, zwei Namen, hinter denen eine ganz besondere Geschichte steht. Der Weinfelder Lehrer Thomas Bornhauser hatte 1830 genug von Reaktion und Restauration und verkrusteten Ordnungen in den Kantonen. Natürlich war er nicht der einzige Schweizer, dem das so erging. Aber er war der erste, der es verstand, das Volk für seine demokratischen Rechte zu mobilisieren; und so ist die Volksversammlung von Weinfelden vom 22. Oktober 1830 zu einer entscheidenden Etappe auf dem Weg zum modernen demokratischen Bundesstaat geworden. Uster und Münsingen und wo die entsprechenden Volksversammlungen in den anderen Kantonen auch tagten, verlieren nichts von ihrem Glanz und ihrer Wichtigkeit, wenn wir uns hier und heute mit grossem Respekt daran erinnern, dass Weinfelden vorangegangen ist. Schon damals wusste man in Weinfelden, welche Anlässe für das Zusammenleben, für das Miteinander in unserem Land von Bedeutung sind. Dass Thomas Bornhauser auch Lieder hinterlassen hat, passt fugenlos ins Bild…

Heute Mittag, als ich hierher gefahren bin, war ich nicht alleine. Sie alle kennen diese heimlichen Begleiter. Sie laufen uns während Tagen nach, verfolgen uns bis in unsere Träume. Sie sind schuld daran, wenn wir vielleicht im denkbar ungünstigsten Moment vor uns hin trällern. Wir werden sie nicht mehr los. Es sind Ohrwürmer.

Sie wissen ja wie Ohrwürmer entstehen. Radiostationen landauf-landab spielen einen bestimmten Song beinahe pausenlos. Am Anfang gefällt er uns. Mit der Zeit können wir ihn fast nicht mehr hören und dann kommt der entscheidende Moment. Entweder packt uns allemal, wenn dieses Lied läuft, das Grauen oder wir pfeifen oder singen mit. Der Text spielt keine Rolle… Und seien wir ehrlich: manchmal ist es sowieso besser, wenn wir den Text nicht wortwörtlich verstehen!

Musik funktioniert ohne Worte. Man sagt nicht umsonst: „Wo die Sprache aufhört, fängt die Musik an“. Musik ist die Weltsprache – rund um den Globus. Sie braucht keine Übersetzung, öffnet die Herzen und verbindet die Menschen.

Bei uns in der Schweiz verbindet Musik ganz besonders auch die verschiedenen Landesteile und Kulturen. Das Schweizer Gesangsfest ist jeweils ein musikalischer Brückenschlag in alle Landesteile.

Und es ist ein Gemeinschaftserlebnis ganz besonderer Art; Singen in einem Chor, in einem Ensemble, das ist überhaupt eine ganz besondere Erfahrung. Singen in einem Chor, das schafft Verständnis für einander, unabhängig von Herkunft, Ideologie und Wertvorstellungen; das heisst Gemeinschaft erleben; miteinander in die gleiche Richtung ziehen, auf das gleiche Ziel hin arbeiten; miteinander erfolgreich oder vielleicht auch einmal weniger erfolgreich sein. Miteinander singen, das reisst mit, macht Freude, kann auch trösten.

Singen, ganz allgemein Musik gibt uns, wenn wir das Singen, die Musik entdeckt haben, Halt in unserem Leben. Musik begleitet uns durch das ganze Leben. Am Tag unserer Geburt spielt sicher irgendwo eine Spieldose und dereinst auf unserem letzten Gang, geben uns die Kirchenglocken das Geleit. Wir sind umgeben von Musik. Vielmehr als wir das gemeinhin wahrnehmen. Die Hintergrundmusik beim Einkaufen zum Beispiel, die uns zum Kaufen animieren soll, nehmen wir gar nicht bewusst wahr.

Dagegen nehmen wir Musik sehr wohl auch wahr an Veranstaltungen, die keine eigentlichen Musikveranstaltungen sind. Nehmen Sie zum Beispiel die EURO 08. Stellen Sie sich diesen sportlichen Grossanlass einmal ohne das Abspielen und Mitsingen der Nationalhymnen vor. Nur halb so schön! Gerade in den Nationalhymnen widerspiegeln sich doch die Eigenheiten und Traditionen der teilnehmenden Länder.

Grossanlässe wie die EURO oder eben das Schweizer Gesangsfest haben beide ihren ganz speziellen Reiz. Ich bin mir bewusst, dass im Moment das dominierende Element in der Schweiz der Sport ist. Aber es ist wichtig, dass neben dem Sport in unserem Land auch die Kultur nicht zu kurz kommt. Ganz egal welches Ereignis die Besucher aus Nah und Fern anlockt. Jedes Fest bietet uns die Gelegenheit, der Welt unser schönes Land mit all seinen Bräuchen und Traditionen zu zeigen. Nutzen wir also diese Chance!

Wir haben so viel zu bieten. Nicht nur Trendiges, sondern auch Althergebrachtes. Traditionen sind wichtig. Es lohnt sich, sie zu pflegen und dafür einzustehen.
Für mich sind Tradition und Brauchtum denn auch nichts Verstaubtes und Veraltetes, sondern sie sind Teil einer Kultur und damit auch Teil der Menschen, die diese Kultur ausmachen.

Wir müssen uns unserer Wurzeln bewusst sein und unsere Traditionen leben. Aber ebenso wichtig ist es, dass wir der Tradition durch Veränderung auch eine Zukunft geben. Denn nur demjenigen, der den Willen hat, sich zu verändern, wird es gelingen, weiterzubestehen. Oder, in den Worten eines polnischen Philosophen und Schriftstellers (Leszek Kolakowski): Folgten wir nur der Tradition, lebten wir immer noch in Höhlen – folgten wir nur dem Fortschritt, wäre dies bald wieder der Fall.

Sie alle sind also einerseits Hüter der Tradition und tragen andererseits aktiv zu deren Weiterentwicklung und der Völkerverbindung bei. Kultur, besonders die Musik, verbindet Menschen miteinander, über Grenzen und Kontinente hinweg – mehr als die Politik es je vermag. Ohne Sie wäre nicht nur die Welt der Musik ein grosses Stück ärmer.

Das Schweizer Gesangsfest ist ein Anlass der Begegnung, der Begegnung unter Freunden des Gesangs. Sicher haben auch Sie im Verlaufe des Schweizer Gesangsfestes viele Menschen kennengelernt, bereichernde Begegnungen gehabt. Solche Begegnungen sind es, die mit dazu beitragen, dass das Leben lebenswert ist. Aufeinander zugehen baut Brücken, schafft Verständnis. Menschen verstehen sich entweder aus Sympathie, das heisst weil sie eine innere Harmonie empfinden und „auf der selben Wellenlänge funken“. Oder sie entdecken gemeinsame Interessen – wie eben z.B. die Musik – auf Grund derer sie sich sofort verstehen. Und immer wieder entstehen aus solchen Begegnungen auch Freundschaften. Freundschaften, auf die wir auch dann noch bauen können, wenn sich im Laufe der Zeit unsere Lebensumstände verändern.

Wir alle wissen es: Freundschaft ist es wert, gepflegt zu werden. Ganz besonders auch die Freundschaft unter Sängern und Musikern. Daran ändert sich auch nichts, wenn es vielleicht einmal zu einem Missklang kommt. Denn ohne Dissonanz gibt es auch keine Harmonie.

Solche freundschaftlichen Begegnungen in einem grösseren Rahmen, wie dem Schweizer Gesangfest sind nur möglich, weil es immer wieder Männer und Frauen gibt, die sich mit viel Energie und Engagement dafür einsetzen, dass die Durchführung eines solchen Anlasses überhaupt möglich ist. Ihnen gebührt ein ganz grosses, herzliches Dankeschön.
Das OK mit Regierungsrat Bernhard Koch an der Spitze und die vielen Helferinnen und Helfer haben hervorragende Arbeit geleistet und damit den Grundstein dafür gelegt, dass die Teilnehmerinnen und Teilnehmer nach Hause zurückkehren mit vielen guten Erinnerungen und mit der Überzeugung, etwas erlebt zu haben, das sie nicht missen möchten.

Ich habe lange überlegt, wie ich mich von Ihnen verabschieden soll. Sage ich einfach „leise Servus“ wie dies Peter Alexander jeweils zu tun pflegte? Nein: Ich verabschiede mich mit den Worten, die Markenzeichen sind für die Kulturen, in denen ich gross geworden bin, die meine Wurzeln sind: Bler plaschair, tut il bun ed a revair; molta gioia, buona fortuna e arrivederci; viel Freude, alles Gute und auf Wiedersehen.

nach oben Letzte Änderung 15.06.2008