"Bilden wir eine 'Willensgemeinschaft' Schweiz"

Jahrestagung der Eidgenössischen Kommission für Migrationsfragen EKM, Hotel Ambassador Bern, 6. November 2008

Reden, EJPD, 06.11.2008

Bern. Eröffnungsrede von Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf an der Jahrestagung der Eidgenössischen Kommission für Migrationsfragen EKM zum Thema „Über das Definieren von Identität“.

Sehr geehrter Herr Präsident
Sehr geehrte Mitglieder der Eidgenössischen Kommission für Migrationsfragen
Werte Anwesende

Monsieur le Président,
Mesdames et Messieurs les membres de la Commission fédérale pour les questions de migration,
Mesdames, Messieurs,

„Über das Definieren von Identität“ lautet der Titel der Jahrestagung der EKM, die ich heute eröffnen darf.

Ich möchte mit meinen einleitenden Worten die „schweizerische Identität“ – so wie ich sie verstehe – beleuchten. Dem Tagungsthema treu, werde ich ausdrücklich nicht über die Definition, sondern über das Definieren sprechen. Ich will also nicht vorgeben, auf was sich diese schweizerische Identität genau beziehen soll – das wäre etwas vermessen.

Vielmehr möchte ich mich dazu äussern, mit welchem Geist und mit welcher Grundhaltung wir beim Definieren dieser schweizerischen Identität vorgehen sollen. Denn diese Identität ist nichts Starres, das einfach gegeben ist, sondern hat sich im Laufe der Zeit entwickelt und wird sich weiter entwickeln.

Es ist uns allen bewusst, dass diese Entwicklung manchmal ein schmerzhafter und letztlich endloser Prozess ist. Das wird wohl auch mit dem französischen Titel der Tagung „enjeux identitaires“ – mit den „Herausforderungen“ – angetönt.

Ich bin allerdings überzeugt, dass wir Schweizerinnen und Schweizer mit unserer Geschichte der Willensnation Schweiz äusserst gute Voraussetzungen haben, um diesen Herausforderungen zu begegnen.

Lassen Sie uns in der Geschichte zurückblicken:
Beim Definieren von Identitäten geht es auch um Integration. Der Begriff Integration wurde im Zusammenhang mit der Entwicklung des modernen Bundesstaats Schweiz immer wieder verwendet. Der amerikanische Politologe Karl Deutsch hat die Schweiz in den 1960er-Jahren sogar als „paradigmatischen Fall gelungener Integration“ bezeichnet. Gemeint hat er damit, dass es die Schweiz geschafft hat, aus den aufgrund ihrer Sprache und Religion so unterschiedlichen Kantonen ein stabiles Staatsgebilde zu schaffen, in dem die Menschen friedlich und in Wohlstand miteinander leben können.

Das war alles andere als selbstverständlich! Denken wir daran, dass die Gründung des modernen Bundesstaates 1848 auf einen eigentlichen Bürgerkrieg folgte. Nach dem Sonderbundskrieg haben sich 25 Kantone zusammengeschlossen. 25 Kantone, von denen jeder seine eigene Geschichte und Kultur hatte.

Ein nationales Bewusstsein, eine schweizerische Identität – so die Einschätzung von Historikern – gab es damals noch nicht. Diese habe sich erst im Laufe der Jahre entwickelt.
Wichtiges Kernstück dieser Identität ist das Bekenntnis zu schweizerischen Institutionen, wie etwa zur direkten Demokratie, zum Rechtstaat oder zum Föderalismus.
Wichtig erscheint mir dabei auch, dass mit dem Wachsen der schweizerischen Identität die Verbundenheit der Bevölkerung mit ihrem jeweiligen Heimatkanton nicht verschwunden ist.

Die Schweizerinnen und Schweizer schufen nach 1848 ihre Identität nicht, indem sie ihre jeweilige kantonale Kultur und Geschichte aufgaben, sondern indem sie sich gemeinsam Neues vorstellten, die anderen Kantone neu wahrnahmen, und indem sie sich zu gemeinsamen Grundwerten bekannten, die sie in der Bundesverfassung definierten.

Unser Land, die Willensnation Schweiz, basiert noch viel weniger als unsere europäischen Nachbarstaaten auf der Einheit von Staatsgewalt, Staatsterritorium und einem ethnisch, sprachlich, religiös oder kulturell einheitlichen Volk. Wir bauen darauf, dass es das gemeinsame Bekenntnis zu Zielen und Institutionen ist, das uns zusammenhält; unabhängig davon, ob wir beispielsweise Bündnerin oder Genfer, Katholik, Protestantin oder Konfessionslose sind.

Grisons ou Genevois, nous nous référons toutes et tous à la même idée suisse, bien que notre canton d’origine nous tienne toujours à cœur. Dans ce contexte, je me permets d’attirer votre attention sur les connotations différentes du titre de la conférence dans les deux langues : le titre allemand parle de « définir l’identité », tandis que le titre français évoque les « enjeux identitaires », synonymes de défis. Cette subtilité linguistique fait-elle allusion au fait que ce processus d’intégration a été particulièrement difficile pour les cantons francophones ? Les minorités culturelles ont-elles dû faire un plus grand pas envers la culture de la majorité ? Je ne saurais le dire. Toutefois, les historiens s’accordent à dire que non seulement une identité suisse n’existait pas en 1848, mais qu’il n’y avait pas non plus à l’époque d’identité alémanique ou romande. La sensibilité communautaire régionale s’est développée en même temps que l’identité suisse s’est affirmée. Ce phénomène est instructif pour le débat que nous menons aujourd’hui. Il ne faut pas oublier que plus on renforce l’identité d’un groupe, plus on encourage le sentiment communautaire de ceux qui se sentent minorisés. Jusqu’à présent, nous avons réussi à jongler avec ces identités différentes. J’espère vivement que nous pourrons continuer à le faire.

Während sich die Schweizerinnen und Schweizer finden mussten, entwickelte sich unser Land zu einem Einwanderungsland. Aus der viersprachigen Schweiz ist längst eine vielsprachige Schweiz geworden. Wieder geht es darum, einen Weg des friedlichen Zusammenlebens zu finden.

Ähnlich wie 1848 sind wir heute nun gefordert, unser Land so zu gestalten, dass sich seine Bewohnerinnen und Bewohner damit identifizieren können, und dass sie sich für ein Leben in der Schweiz in Frieden und Wohlstand einsetzen, ohne dass sie ihre eigenen Wurzeln vergessen sollen. Dazu braucht es den Willen aller.

Schaffen wir – zusätzlich zur Willensnation – die Willensgemeinschaft Schweiz!

Stellen wir uns die Gemeinschaft vor, in der alle, Einheimische und Zugewanderte, auf der Grundlage der Werte der Bundesverfassung und gegenseitiger Achtung und Toleranz zusammenleben. Eine Gemeinschaft, in der Ausländerinnen und Ausländer sich mit den gesellschaftlichen Verhältnissen und Lebensbedingungen auseinandersetzen und eine Landessprache lernen. Eine Gemeinschaft, in der alle am wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Leben teilhaben und in welcher Schweizerinnen und Schweizern den Zugewanderten mit Offenheit begegnen.

Das ist nicht die revolutionäre Idee einer Bundesrätin! Das ist nichts anderes als der Wille der Stimmbevölkerung. Sie hat sich auch zu dieser Vorstellung unserer Gesellschaft, dieser auf Gegenseitigkeit beruhenden Integrationspolitik, bekannt, als sie im September 2006 das neue Ausländergesetz angenommen hat.

Was der gemeinsame Referenzrahmen unserer Gesellschaft sein soll, ist auch in eben diesem Ausländergesetz erwähnt: Die Werte der Bundesverfassung.

Rechtsstaat, Demokratie und die Grundrechte sind der innere, unantastbare Kern, auf dem unser Land aufbaut. Was die schweizerische Identität darüber hinausgehend ausmacht, was darüber hinaus zu unserer vorgestellten „Willensgemeinschaft“ gehören soll, bleibt eine zu diskutierende Frage.

En participant à cette journée, vous allez, Mesdames et Messieurs, vous consacrer à ce travail de définition des identités et des enjeux identitaires. Beaucoup, si ce n’est la plupart d’entre vous accompagnent, dans leur travail quotidien, des migrants, des Suisses également, pour faire en sorte que l’intégration se passe bien, pour créer une société dans laquelle chacun trouve sa place et aux valeurs de laquelle tous décident d’adhérer par conviction. En tant que ministre responsable des questions de migration, mais aussi d’intégration, je m’engage pour que nous nous rapprochions encore plus de ces objectifs que sont l’égalité des chances et une cohabitation pacifique et respectueuse.

Mon vœu est que tous les habitants de notre pays puissent tisser entre eux des liens d’appartenance, quelle que soit leur propre identité, et qu’ils puissent s’identifier avec leur lieu de vie.

Führen wir die Diskussion über Identitäten. Diskutieren wir, was denn das verbindende Kernstück unserer Willensgemeinschaft sein soll. Versuchen wir, nicht das Trennende aufzuzeigen, sondern den gemeinsamen Nenner zu finden. Vielleicht ist jener grösser, als wir bei oberflächlicher Betrachtung meinen.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen eine anregende und fruchtbare Tagung und danke für Ihre Aufmerksamkeit.

nach oben Letzte Änderung 06.11.2008