100 Jahre Bernina-Bahn – 100 Jahre Erlebnis

Festansprache von Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf am Herbstevent "100 Jahre Bernina" in Pontresina

Reden, EJPD, 18.09.2010. Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf. Es gilt das gesprochene Wort.

Sehr geehrte Damen und Herren
Liebe Anwesende

Ich freue mich ganz besonders darüber, heute hier in Pontresina zu sein. Dieser Tag gibt mir nämlich die Gelegenheit, gleich mehrere Dinge miteinander zu verbinden, die ich sehr mag und sehr schätze.

Es sind dies: im Graubünden sein, wandern, neue Menschen kennenlernen und auch bekannte Gesichter wiedersehen und schliesslich mit der Rhätischen Bahn fahren.

Sie sehen also, die Einladung hat mir wirklich grosse Freude bereitet.

Der eigentliche Grund für den heutigen Anlass und unser Beisammensein ist aber das
100-jährige Jubiläum der Berninalinie.

Diese Bahnlinie gehört zu den spektakulärsten und landschaftlich imposantesten der Welt…Und das sage nicht nur ich als stolze Bündnerin.

Das amerikanische National Geographic Magazine hat die Berninalinie zu den zehn schönsten Bahnstrecken der Welt erkoren.

Seit 2008 gehört die Berninalinie – zusammen mit der Albulalinie – zum Unesco Welterbe.

Und die Tatsache, dass jährlich rund 70'000 Fahrgäste aus der ganzen Welt die Strecke geniessen, spricht für sich.

Ich gratuliere der Rhätischen Bahn ganz herzlich zum runden Geburtstag. Meine Glückwünsche spreche ich all jenen aus, die dazu beigetragen haben, dass die Bahn das heutige Jubiläum feiern kann!

Ich will nun nicht weitere Zahlen nennen oder auf technische Details eingehen – diese sind Ihnen entweder bereits bekannt oder im Jubiläumsjahr wahrscheinlich irgendwo begegnet. Nein, ich möchte Ihnen vielmehr erzählen, was mich an der Berninalinie fasziniert.

Ich bin die Strecke Pontresina – Tirano schon viele Male gefahren. Und jedes Mal war und ist es ein Erlebnis. Die erste Fahrt durfte ich bereits als Kind geniessen.

Stimmen Sie mir zu, meine Damen und Herren, wenn ich sage, die Redewendung "Der Weg ist das Zie" trifft bestens auf eine Fahrt mit dem Bernina-Express zu?

Ich denke, ja! Denn auf dieser Reise sitzt man im Zug, schaut aus dem Fenster und sieht da eine unglaublich schöne und vielfältige Landschaft an einem vorbeiziehen.

Nach Pontresina geht es hinauf auf die Hochebene von Morteratsch, die den Blick auf den gleichnamigen, imposanten Gletscher freigibt.

Über viele Kurven, vorbei an Seen und mit Blick auf majestätische Berge erreicht man dann im wahrsten Sinn des Wortes den "Höhepunkt" der Strecke, den 2253 Meter hohen Bernina Pass. Wenn unten im Tal bereits der Frühling Einzug gehalten hat, herrscht hier oben meist noch strengster Winter. Auch diese Reise durch verschiedene Jahreszeiten verleiht der Berninabahn einen ganz besonderen Reiz.

Von der Passhöhe aus schlängelt sich der Zug langsam wieder hinab in Richtung Poschiavo. Und im Val Poschiavo stellen die "Erstreisenden" meist erstaunt fest, dass der Zug plötzlich zur Strassenbahn wird.

Bei Brusio schliesslich dreht man sich im Kreis und kann ein Meisterstück von schweizer Eisenbahningenieuren bewundern.

Und wenn dann die ersten Palmen die Strecke säumen, weiss man, dass man in Italien angelangt ist. Schöner lassen sich die Alpen nicht überqueren!

Die meisten Passagiere steigen übrigens in Tirano nicht aus – obschon sich das durchaus lohnen würde – sondern sie steigen nur um...
in den nächsten Zug wieder zurück nach Pontresina.

Ein Jubiläum gibt immer auch Anlass, eine Standortbestimmung vorzunehmen, in die Vergangenheit zurück zu blicken und in die Zukunft zu schauen.

Die Berninalinie ist zweifellos eine Schweizer Pionierleistung. Bei ihrer Planung waren Menschen mit Visionen am Werk. Sie nahmen sich vor, etwas fast Unmögliches möglich zu machen. Dies gelang mit Hilfe von zahlreichen Arbeitskräften aus dem In- und Ausland, vor allem aus Italien. Diese Arbeiter setzten unter teilweise extremen Bedingungen um, was die Ingenieure am Reissbrett entworfen hatten.

In den vergangenen 100 Jahren musste sich die Rhätische Bahn immer wieder neuen Herausforderungen stellen, neuen Gegebenheiten anpassen, Lösungen suchen und sich weiterentwickeln.

Und das hat sie mit Erfolg getan!

Für den Kanton Graubünden ist sie längst zu einem bedeutenden wirtschaftlichen Faktor geworden. Und sie hat uns Bündnerinnen und Bündner näher zusammengerückt. Im übertragenen Sinn durch die Tatsache, dass "die kleine Rote" zu einem Symbol, zu einem Markenzeichen für unseren Kanton geworden ist. Und ganz konkret auch dadurch, dass diese Bahn das ganze Jahr über eine Verbindung von Norden nach Süden, von einem Tal ins andere, von einer Sprachregion in die andere sicherstellt.

Die Berninalinie leistet aber noch viel mehr: Sie ist in der ganzen Welt eine gute Botschafterin für die Schweiz... ohne dass sie Gefahr läuft, auf dem diplomatischen Parkett auszurutschen.

Die Botschaften, die sie überbringt, lauten in etwa: spektakuläre Landschaft, hervorragende Technik, zuvorkommende Menschen, ein Erlebnis der Extra-Klasse. Eine bessere Werbung für die Schweiz, für den Kanton Graubünden, kann man sich nicht wünschen!

Die Berninalinie hat auch Zukunft, davon bin ich überzeugt!

Natürlich können ab und zu ein paar graue Wolken am Himmel aufziehen. Aber ich bin sicher, dass Qualität sich auch künftig durchsetzen wird.

Zudem scheinen "Neuerungen" mit Jahrgang 1910 von Bestand zu sein: Damals erschien zum ersten Mal eine vereinfachte Variation des Spiels "Pachisi" auf dem Markt; es ist bis zum heutigen Tag ein Welterfolg unter dem Namen "Mensch ärgere Dich nicht". Und eine bekannte Automarke hat 1910 erstmals ihr sternförmiges Markenzeichen als Kühlersymbol verwendet. Auch dieses dürfte den meisten wohlbekannt sein.

Für die Zukunft wünsche ich der Berninabahn alles Gute. Auf dass sie sich den Pioniergeist ihrer Gründerzeit bewahren möge.

Ich werde die Berninastrecke jedenfalls möglichst bald wieder befahren – schliesslich will ich als gute Gotte wissen, wie es meinem Patenkind "Allegra" geht...

Und wer weiss, vielleicht wird dann die eine oder der andere unter Ihnen meine Sitznachbarin oder mein Sitznachbar sein.

Meine Damen und Herren, ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit und wünsche Ihnen nun weiterhin guten Appetit!

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nach oben Letzte Änderung 18.09.2010