Ansprache zum Empfang von Nationalratspräsident Hanspeter Seiler von Bundesrätin Ruth Metzler-Arnold am 8. Dezember 1999 in Grindelwald

Reden, EJPD, 08.12.1999. Es gilt das gesprochene Wort

Grindelwald, den Gletschern bi
Da chamu gäbig läbä

Sehr geehrter Herr Nationalratspräsident
Sehr geehrte Damen und Herren

So heisst es im Grindelwaldner Lied. Und was ich bisher gehört und gesehen habe, bestätigt, was die Grindelwaldner mit voller Ueberzeugung singen.

Und wer weiss, vielleicht war es ja auch das Grindelwaldner Lied, vielleicht auch die legendären Boss-Buebe oder die Kapelle Wetterhorn, vielleicht auch die berühmte Stubete im Glacier, die den jungen Hanspeter Seiler zum begeisterten Jodler und heutigen Förderer der Volksmusik werden liessen.

Grindelwald: Da chamu gäbig läbä. Die Postkartenfotos kennt man auf der ganzen Welt. Das gilt nicht nur für all die weltbekannten Stationen in Grindelwald, sondern natürlich auch für all die kleinen Orte. Da chamu auch als Auswärtige gäbig läbä.

Und was für Fremde gilt, das gilt umso mehr für die Einheimischen. Das ganze Dorf ist für den heutigen Empfang auf den Beinen.

Und so bin ich sehr gerne nach Grindelwald gekommen, um Ihnen, Herr Nationalratspräsident, die besten Grüsse des Bundesrates zu Ihrer Wahl zu überbringen.

Als Nationalratspräsident werden Sie der höchste Schweizer sein, der höchste Repräsentant des Staates. Sie werden die Verhandlungen des Nationalrates und der Vereinigten Bundesversammlung und damit auch an einer wichtigen Schaltstelle die Geschicke unseres Landes leiten.

Sie machen das nicht in einem gewöhnlichen Jahr, sondern im schon jetzt sagenumwobenen Jahr 2000. Kein Zweifel: Es sind nicht nur die heutigen Herausforderungen der Schweiz an sich, sondern es ist eben gerade diese magische Zahl selber, welche Ihrem Präsidialjahr den Reiz des Besonderen verleiht.

Dieses Jahr ist so besonders, dass auch an die obersten Repräsentanten Anforderungen gestellt werden.

Im Jahr 2000 haben wir tatsächlich die besondere Konstellation, dass die beiden Ratspräsidenten aus Bergregionen stammen. Und auch der Bundespräsident.... da herrschen Freude und Stolz im Oberland.

Doch wo Freude herrscht, da gibt es Neider. Namentlich die sogenannt Progressiven blicken mit Skepsis auf diese Konstellation und insbesondere auf einen, der sich selber als knorrigen Bergler bezeichnet.

Und sehr leicht kommen jene, die in ihrer täglichen Hektik nie rasten können, zum sonderlichen Schluss, dass ein Oberländer ein Hinterwäldler, ein Bergler ein Rückwärtsgewandter und ein Bedächtiger ein Langweiler ist.

Herr Nationalratspräsident, da sind Sie in bester Gesellschaft. Ich bin Hinterländerin, lebe im Alpstein unweit vom Säntis und liebe den Blick in die Berner Alpen von meinem Büro im Bundeshaus aus. Und ich fühle mich sehr wohl in Ihrer Gesellschaft.

Doch lassen wir die Clichés. Nehmen wir die ausserordentlich belebende Vielfalt der Schweiz ernst und freuen wir uns darüber!

Es ist ein guter Brauch, dass der Nationalratspräsident jeweils nicht in der geschäftigen Bundeshauptstadt, sondern in seiner engeren Heimat gefeiert wird, dort, wo er aufgewachsen ist, wo er seine Wurzeln hat, wo er seine politische Prägung erhalten hat.

Und es ist auch ein guter Brauch, dass der neugewählte Nationalratspräsident jeweils nicht von einem Bundesrat seiner eigenen Partei begleitet wird.

Wer Grindelwald auch nur ein bisschen kennt, der weiss, dass dieser Ort seit über hundert Jahren alles andere als in sich versunken ist, der weiss, dass viele Hotels seit über hundert Jahren eine international höchst illustre Gästeschar beherbergen. Der weiss auch, dass Ausländer sehr viel in dieses Tal gebracht haben. Und der weiss, dass die Grindelwaldner es seit jeher mit viel Geschick, aber auch immer neuen Anstrengungen verstanden haben, sich im Tourismus international zu behaupten.

Und diese Offenheit, dieser ständige Kontakt mit Gästen prägt den Charakter. Grindelwald wäre nie das geworden, was es heute ist, wenn die Grindelwaldner nur auf sich selber beschränkt gewesen wären.

Wenn man all diese Qualitäten der Oberländer betrachtet, da kann man sich nur wundern, dass es 152 Jahre gegangen ist, bis diese Region einen Nationalratspräsidenten stellen konnte. Da frage ich mich schon: War da nicht der ganze Rest der Schweiz recht hinterwälderisch?

Aber da ist auch die andere Seite: die Berge, die Natur mit ihren für den Menschen manchmal schwer verständlichen Eigenheiten. Dort, wo es Berge gibt, hat es Sonnenseiten, aber auch Schattenhalb. Der Bergler lernt, damit zu leben.

Herr Nationalratspräsident, ich weiss, dass gerade Sie kürzlich schmerzlich die Schattenseiten des Lebens kennen lernen mussten. Die heutige Freude wird überschattet von Trauer. Sie - und auch wir alle - werden heute immer wieder daran denken, wie gerne - und mit welch berechtigtem Stolz - Ihre geliebte Leni den Ehrentag zusammen mit Ihren Kindern und Grosskindern miterlebt hätte. Die Kraft, die Sie aus Ihrem Glauben beziehen, und die Unterstützung, die Ihnen die Familie zuteil werden lässt, haben es Ihnen erlaubt, diesen Schicksalsschlag zu tragen.

Die Berge prägen. Der Bergsteiger mit sicherem Tritt, der nicht einfach vorwärts stürmt, sondern sichert, bevor er den nächsten Tritt macht. Der Bergler, der sich nicht einfach alles von Fremden aufschwatzen lässt, sondern mit gesunder Skepsis dem begegnet, was ihm nicht vertraut ist. Der Bergler, der weiss, dass nicht einfach alles Wünschbare auch machbar ist, der Respekt vor der Natur hat.

Und doch schreckt dieser Bergler vor Schwierigkeiten nicht zurück. Er weiss, seine Ziele zu stecken. Und er schaut nicht dauernd rückwärts, um seine Ziele aus den Augen zu verlieren: Er erreicht sie.

Oder wie Sie, Herr Nationalratspräsident, es formuliert haben: Du gehst vorwärts, bedächtig zwar, doch ohne Zeitverlust.

Ich bin überzeugt, dass gerade diese Eigenschaften für das magische Jahr 2000 goldrichtig sind: Die Zukunft fest im Blick, nichts überstürzend, sicher Schritt für Schritt vorwärts. Sei dies bei den Reformen des Parlamentes, bei der Sanierung der Bundesfinanzen, der Erhaltung der Arbeitsplätze, der Sicherung der Sozialwerke, der Wahrung der inneren Sicherheit oder der Stellung unseres Landes in der Welt.

Es besteht kein Zweifel: Der Weg wird steinig sein und Gewitter sind nicht ganz auszuschliessen. Ich freue mich mit dem ganzen Bundesrat, mit Ihnen, Herr Nationalratspräsident, im nächsten Jahr eine für unser Land erfolgreiche Seilschaft zu bilden.

nach oben Letzte Änderung 08.12.1999