Ausländerinnen und Ausländer sind Teil unserer Gesellschaft

Referat von Bundesrätin Ruth Metzler-Arnold am Anlass "Eine Schweiz - vier Generationen" in Freiburg, 3. November 2001

Schlagwörter: Integration

Reden, EJPD, 03.11.2001. Es gilt das gesprochene Wort

Sehr geehrte Damen und Herren

Wenn wir von der Vielfältigkeit der Schweiz sprechen, meinen wir meistens die vier Kulturen, die vier Landessprachen, die geographische Kleinräumigkeit oder das reichhaltige kulturelle Erbe. Diese Vielfältigkeit ist auch heute, hier in diesem Saal, spürbar.

Ich freue mich deshalb sehr, dass ich die Gelegenheit habe, heute mit Ihnen zu sein, den Vertreterinnen und Vertretern unserer CVP-Orts- und Kantonalparteien. Denn Sie sind wichtige Verbindungsfäden zu unserer vielfältigen Gesellschaft. Sowohl für die Bundespartei als auch für uns CVP-Bundesräte.

Und es freut mich sehr, dass die CVP diesen Anlass macht, der sich speziell mit diesem Aspekt der Vielfältigkeit unserer Gesellschaft auseinander setzt. Und zwar mit einem Aspekt der Vielfältigkeit, der eher weniger genannt wird, nämlich mit der Vielfalt an Generationen.

Zu unserer Gesellschaft gehören auch die ausländischen Mitbürgerinnen und Mitbürger in unserem Land. Sie bereichern die kulturelle Landschaft in der Schweiz in vielfältiger Weise. Und sie haben darüber hinaus in den letzten Jahrzehnten viel zum wirtschaftlichen Aufschwung und zum Wohlstand der Schweiz beigetragen.

Zu beachten ist nicht nur der Beitrag der ausländischen Arbeitskräfte zum Bruttosozialprodukt, sondern auch ihre Beiträge zur Finanzierung des Sozialversicherungswesens. Ohne die ausländischen Versicherten wäre die finanzielle Lage der AHV heute noch um einiges schwieriger. Ohne die Leistungen unserer ausländischen Mitbürgerinnen und Mitbürger wäre die Schweiz heute nicht das, was sie ist.

Da wir die Leistungen der ausländischen Mitbürgerinnen und Mitbürger für unsere Gesellschaft nutzen, müssen wir ihnen auch den Zugang zu dieser Gesellschaft ermöglichen. Ausländerinnen und Ausländer sind Teil unserer Gesellschaft.

Aber: Manchmal geht vergessen, dass auch bei dieser Bevölkerungsgruppe unterschiedliche Generationen bestehen. Mit ebenso unterschiedlichen Bedürfnissen und Anforderungen, wie wir sie auch bei den Generationen der einheimischen Bevölkerung finden. Das stellt hohe Anforderungen an die Integration.

Dazu möchte ich drei Thesen aufstellen:

  1. Integration muss den altersspezifischen Bedürfnissen Rechnung tragen. Die Jugendlichen haben andere Bedürfnisse als Erwachsene und ältere Personen.
  2. Das familiäre Umfeld der Migrantinnen und Migranten ist in die Integration miteinzubeziehen.
  3. Die kulturellen und familiären Wurzeln dürfen nicht gekappt werden.

Zur ersten These:

Die Integration muss den altersspezifischen Bedürfnissen Rechnung tragen. Wo sollen wir das Schwergewicht legen?

  • Bei den Jugendlichen, weil es dort vielleicht am einfachsten, aber auch am zukunftsträchtigsten ist?
  • Bei den Erwerbstätigen, weil uns das am meisten nützt?
  • Bei der älteren Generation, weil diese innerhalb der Familie oft am meisten Einfluss besitzen?

Meine Antwort lautet klar: Es sind alle Generationen in die Integration einzubeziehen. Wir dürfen nicht nur diejenigen integrieren, die uns direkt nützen. Sondern wir müssen alle Altersgruppen integrieren. Das setzt einen umfassenden und differenzierten Ansatz voraus.

Bei Jugendlichen und Kindern zum Beispiel geht es vor allem um die schulische und berufliche Integration. Besonders betroffen sind Jugendliche, wenn sie nach dem Schulobligatorium in die Schweiz kommen. Sie stecken in einer Phase ihres Lebens, die geprägt ist von der Loslösung vom Elternhaus, von der Behauptung in ausserfamiliären Gruppen, von der Suche nach einer eigenen Identität. Gerade ausländische Jugendliche sind besonders gefährdet. Sie geraten zwischen Stuhl und Bank, wenn sie den Tritt aus der Geborgenheit ihrer Familien in die für sie fremde Gesellschaft verfehlen.

Es ist deshalb nicht verwunderlich, dass sie oftmals auch auf die schiefe Bahn geraten. Besondere Aufmerksamkeit ist deshalb der Jugendkriminalität zu widmen. Wer sich mit der Ausländerkriminalität befasst, misst deshalb den Massnahmen, die zu einer besseren Integration von Ausländerinnen und Ausländer in der Gesellschaft führen, eine zentrale Bedeutung zu.

Die berufliche Integration von Ausländerinnen und Ausländern ist eine weitere wichtige gesellschaftspolitische Aufgabe. Vor allem, wenn wir uns vor Augen halten, dass ein Viertel der Beschäftigten und die Hälfte der Arbeitslosen in der Schweiz ausländischer Nationalität sind.

Die Migrantinnen und Migranten im Pensionsalter führen uns vor Augen, dass die Schweiz de facto zum Einwanderungsland geworden ist. Immer mehr ausländische Arbeitskräfte, die wir einst ins Land geholt haben, und deren Familienangehörige, die wir nachziehen liessen, erreichen das Pensionsalter. Die Annahme, dass sich spätestens zu diesem Zeitpunkt der Grossteil der Migranten und Migrantinnen zur Rückkehr in die Heimat entschliessen würde, hat sich nicht bewahrheitet.

Eine Untersuchung unter älteren italienischen und spanischen Staatsangehörigen in den Städten Genf und Basel ergab, dass nur ein knappes Drittel zurückkehren will, ein weiteres Drittel bleibt für immer hier und das restliche Drittel pendelt zwischen dem Herkunftsland und der Schweiz hin und her.

Viele der heute pensionierten Ausländerinnen und Ausländer haben lange Zeit in zwei Ländern gelebt: Ein paar Monate in der Schweiz, dann wieder in ihrem Herkunftsland. Zudem wurde sie lange Zeit von der einheimischen Bevölkerung skeptisch beobachtet. Das hat die sprachliche und soziale Integration der ersten Einwanderergenerationen wesentlich verzögert und erschwert.

In den letzten Jahren ist Alter und Migration in der Schweiz zu einem Thema geworden. Erste Projekte wurden entwickelt und durchgeführt, neue sind in der Planung und die Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Institutionen und der Forschung hat begonnen.

Es sollte zu einer Selbstverständlichkeit werden, dass die Dimension "Migration" in allen Fragen der Altersplanung mitgedacht wird - unter Einbezug der Betroffenen. Ziel ist es, den älteren Migrantinnen und Migranten in der Schweiz ein Altern in Würde zu ermöglichen.

Zur zweiten These:

Wir müssen das familiäre Umfeld mitintegrieren.

Die CVP stellt die Familie ins Zentrum unserer Gesellschaft. Nach dieser Auffassung sollte die Integrationspolitik deshalb auch in ganz besonderer Weise der Familie verpflichtet sein. In der Familie werden Werte und Einstellungen vermittelt, die uns im Verlauf unseres Lebens immer wieder leiten. Werte wie gegenseitige Toleranz und Verständnis, Solidarität und Hilfsbereitschaft.

Andere Kulturen haben andere Auffassungen vom Zusammenleben der Generationen und auch der Geschlechter. Ausländerinnen und Ausländer möchten in ihrer Privatsphäre ihre Traditionen und Gebräuche pflegen. Das stärkt auch den Familienzusammenhalt und fördert die Integration. Wer seine kulturelle Identität findet, kann sich auch in der Fremde besser zurechtfinden.

Vielfach ist es gerade für Personen aus anderen Kulturkreisen die Familie, welche Struktur und Halt gibt. Das Familienoberhaupt, wenn es integriert ist, kann sehr viel mehr erreichen, als irgend eine Behörde. Ich denke auch an die damit verbundene geschlechterspezifische Rollenverteilung innerhalb der Familie, wie sie unserer heutigen, modernen Auffassung widerspricht. Sind Frauen nicht berufstätig, fällt ein wichtiger Integrationsfaktor weg. Was übrig bleibt, ist der Weg über die Familie.

Umgekehrt wirkt sich ihre erfolgreiche Integration in die Gesellschaft positiv auf die ganze Familie aus.

Genau da müssen wir ansetzen!

Zur dritten These:

Wir dürfen bei der Integration der Ausländerinnen und Ausländer nicht einfach deren heimatlichen und kulturellen Wurzeln kappen.

In engem Zusammenhang mit der Generationenfrage und dem Einbezug der ganzen Familie und Sippe stellt sich die Frage: Wie weit sollen Ausländer und Ausländerinnen weiterhin die Sitten und Gebräuche ihres Herkunftslandes pflegen können.

Das ist eine entscheidende Frage.

Eine Frage, die in der schweizerischen Bevölkerung zu sehr kontroversen Diskussionen führt. Sobald sich eine gewisse Anzahl Personen aus einem Land in der Schweiz aufhalten, gründen sie einen Verein, organisieren sie regelmässige Treffen etc. Vielfach wird ihnen das als mangelnder Wille zur Integration in die schweizerische Gesellschaft ausgelegt. Man spricht dann auch sehr schnell, aber fälschlicherweise, von einer Gettoisierung.

Das Gleiche passiert, wenn die Ausländer und Ausländerinnen weiterhin ihre eigenen Gebräuche und eigene Religion pflegen, sich traditionell kleiden etc. Hand aufs Herz: Die Schweizer in den USA oder in anderen Ländern, die sich zu Schweizer Klubs zusammenschliessen, die ihr eigenes Kulturgut weiterhin pflegen, die am 1. August die Schweizer Flagge aufhängen und unseren Bundesfeiertag oftmals patriotischer und intensiver feiern als wir in der Schweiz. Unsere Auslandschweizerinnen und -schweizer zeigen damit, dass sie zu unserem Staat halten, obwohl sie seit Jahren im Ausland leben und dort bestens integriert sind.

Warum sollen wir also etwas, das wir bei unseren eigenen Bürgerinnen und Bürgern schätzen, unseren ausländischen Mitbürgerinnen und Mitbürgern in der Schweiz verwehren?

Wenn wir den Ausländern und Ausländerinnen die Gelegenheit und die Freiheit geben, ihrer eigene Eigenart zu behalten und zu pflegen, dann erhalten wir ihre Selbstständigkeit und ihr Selbstbewusstsein. Dadurch sind sie auch fähig, sich der neuen Umgebung zu öffnen. Ich bin überzeugt, dass nur der- oder diejenige, die diese Voraussetzungen hat, wirklich auch gewillt ist, sich in die schweizerische Gesellschaft zu integrieren. Das aktive Weitertragen wichtiger Elemente der Kultur des Herkunftslandes schafft erst die echten Voraussetzungen für die Integration in die schweizerischer Gesellschaft. Gefragt ist hier Toleranz von beiden Seiten.

Wir wollen die Leute nicht entwurzeln, sondern wir wollen sie einbinden.

Zusammenfassend möchte ich am Schluss festhalten:

Integration ist eine Querschnittsaufgabe:

  • sie umfasst alle Lebensbereiche,
  • und sie umfasst auch alle Generationen

Wir können uns nicht die herauspicken, die für uns nützlich erscheinen, wie z.B. die Arbeitskräfte

  • Sondern wir wollen auch das Umfeld integrieren, ihre Familienangehörigen.
  • Wir wollen sie dazu motivieren, sich unserer Gesellschaft zu öffnen.
  • Wir wollen sie dazu bringen, unsere Gesellschaft zu akzeptieren und sie zu respektieren. Und das setzt Respekt - und in einem gewissen Masse auch Akzeptanz - ihrer Gesellschaftsformen voraus.

Die Integration bedeutet nichts anderes, als dass die Leute in unsere moderne Lebenswelt mit unseren spezifischen kulturellen Gegebenheiten hingeführt werden. Natürlich müssen sie sich auch führen lassen, sie müssen mitgehen wollen und sie müssen selber aktiv danach streben.

Wir wollen aber die Ausländerinnen und Ausländer am Generationenaustausch innerhalb unserer Bevölkerung teilnehmen lassen.

Wir müssen uns aber bewusst sein, dass Integration immer eine Angelegenheit zwischen Menschen ist. Sie kann nicht von Staates wegen verordnet werden. Integration findet im täglichen Zusammenleben wie im Berufsalltag statt. Hier ist der Ansatzpunkt für die Ortsparteien.

Wenn Sie heute Nachmittag darüber diskutieren werden, was die Politik zur Stärkung der Generationenbeziehungen in unserem Land beitragen kann, dann bitte ich Sie daran zu denken: Den besten Beitrag zur Zusammenarbeit der Generationen kann nur der oder die leisten, die auch in die Gesellschaft integriert sind. Das gilt auch für die ausländischen Mitbürgerinnen und Mitbürger.

Ich wünsche Ihnen bei Ihrer Integrationsarbeit viel Glück, Befriedigung und Erfolg.

nach oben Letzte Änderung 03.11.2001