Empfang von Ständeratspräsident Gian-Reto Plattner

Ansprache von Bundesrätin Ruth Metzler-Arnold, 27. November 2002, Basel

Reden, EJPD, 27.11.2002. Es gilt das gesprochene Wort

Sehr geehrte Damen und Herren

Ich gebe gerne zu: Ich fühle mich heute wohl hier. An der Feier für den neuen Ständeratspräsidenten, Gian-Reto Plattner.

  • ein besonderer Mann
  • in einer besonderen Funktion
  • und wir alle heute in Basel, an einem besonderen Ort

Das würde man nicht denken, wenn man in Bern Gian-Reto Plattner reden hört! Basel hat jedoch ein Flair für besondere Menschen, auch Menschen, die aus der Ferne nach Basel ziehen.

Es gibt selbstverständlich viele gute Gründe, nach Basel zu kommen.

Nicht wissenschaftlich erhärtet, aber trotzdem wahr ist, dass Basel zurzeit wohl die heimliche Hauptstadt Europas ist. Fussballerisch gesehen wird hier wohl kaum jemand widersprechen können, auch nicht nach dem gestrigen Spiel. Basel, das sich zwar geografisch zum Rest Helvetiens in einer Randlage befindet, hat es denen da ennet dem Belchentunnel einmal mehr wieder vorgemacht:

Es braucht treffsichere Stürmer,

  • hartnäckige Verteidiger,
  • wendige Mittelfeldspieler
  • und einen selbstbewussten Torhüter
  • sowie einen Zürcher Trainer zum Erfolg.

Gerade letzteres unterstreicht die so typische Offenheit des Baslers.

All diese Eigenschaften: treffsicher, hartnäckig, wendig, selbstbewusst und offen, sind Eigenschaften, die auch von einem Ständeratspräsidenten verlangt werden. Deshalb ist Gian-Reto Plattner Ständeratspräsident.

Basel ist überhaupt typisch. Einen Basler erkennt man sofort an seinem Dialekt, oder an so bekannten Basler Namen, die alle irgendwie nicht Baslerisch tönen, wie Miéville oder De Meuron, Sarasin oder Yakin, Gimenez, Ceccaroni, Rossi oder Cantaluppi.

Oder eben auch: Gian-Reto Plattner. Gerade diese Internationalität der Namen unterstreicht die eigentliche Mehrsprachigkeit dieser wundervollen Stadt.

Bei Gian-Reto Plattner ist es das Rätoromanische, das ihm Bewunderung einbringt. Er betrachtet sich als Rätoromane genauso wie als Basler und kann fliessend von einem Idiom ins andere wechseln, für Nicht-Basler und Nicht-Bündner manchmal kaum bemerkbar.

Als es um den Sprachenartikel in der Bundesverfassung ging, wurde ihm von einem seiner Vorgänger als Ständeratspräsident, meinem bündner Parteikollegen Luregn Matthias Cavelty vorgeworfen, die Plattners seien doch Valser und keine Rätoromanen. Dazu bemerkte er: "Das ist eine typisch CVP-geprägte, "patriarchalische" Sicht der Welt, er habe nämlich auch noch eine Mutter und diese sei Engadinerin."

Dem möchte ich anfügen: das ist eine typische sozialdemokratische Sicht der CVP, lieber Gian-Reto. Die CVP als Partei der Patriarchen, da hätten wohl viele MitgliederInnen Ihren Platz schon längst geräumt!
Bei Gian-Reto Plattner ist aber nicht nur sein bündnerischer Baslerdialekt oder sein Basler Bündnerdialekt bezeichnend, sondern auch seine Scharfzüngigkeit. Und die hat er nun endgültig von seiner Basler Heimat. Denn immerhin ist Basel die "Satire-Hauptstadt" der Schweiz schlechthin. Wer es nicht glaubt, der denke

  • an die "Schnitzelbängg",
  • an César Keiser
  • oder ans "Café Bâle", das einzige Café, wo ich selber auch schon war, ohne je dort gewesen zu sein

Obwohl sich die Basler manchmal und nicht immer zu unrecht von der restlichen Eidgenossenschaft etwas "verschupft" vorkommen, haben sie den Drang zu Grossem. Den Fussball habe ich genannt, aber da ist noch das wohl allerwichtigste Ereignis in Basel und das allerprägendste - noch vor der Champions League: Die Basler Fasnacht.

Sie ist dem Basler in etwa ebenso heilig wie dem Innerrhödler die Landsgemeinde. Carlo Schmid möge mir diesen Vergleich verzeihen, denn er ist ernst gemeint. Beides sind eigentlich ernste Anlässe, beides hat damit zu tun, der hohen Obrigkeit die Meinung zu sagen, und beides ist getrennt in einen inneren Ring, der nur den Einheimischen vorbehalten ist, und einen äusseren für die Zaungäste aus dem Rest der Welt.

Dies ist nicht der einzige Punkt, mit dem ich mich als Wahl-Appenzellerin mit Gian-Reto Plattner verbunden fühle, aber der wichtigste. Denn beide sind wir nicht in diesen Ring "hineingeboren" sondern von aussen "hineingewachsen". Und auch ich werde wohl das Innerrhoder Bürgerrecht nie erhalten!

Und wir sind beide je in unserem Politstil dadurch geprägt, denn beides -Innerrhoder Landsgemeinde, mehr noch aber die Basler Fasnacht - verlangen eine grosse Portion Hartnäckigkeit und Stehvermögen.

Und vielleicht erleben wir im kommenden Präsidialjahr im Ständerat die eine oder andere Reminiszenz an die Basler Fastnacht: etwa dann, wenn dem Bundesrat mit der grossen Laterne heimgeleuchtet und ihm der Marsch gepfiffen werden soll.

überhaupt ist der Ständerat eine besondere Kammer. Genannt wird sie im Volksmund oftmals auch "die kleine Kammer". Doch wer glaubt, dass damit ein Ständerat unter den eidgenössischen Parlamentariern stets nur die zweite Geige spielt, täuscht sich. Denn in der Kleinheit liegt bekanntlich oft die wahre Grösse. Das kenne ich auch von den vielen Bemerkungen über Grossbasel und Kleinbasel. Etwas, das mir übrigens seit Jahren geläufig ist.

Und noch eine Feststellung zur Kleinen Kammer, die eigentlich ganz gross ist:
das kommt nämlich auch in der Baulichkeit zum Ausdruck. Denn wenn Sie in den Ständeratssaal wollen, müssen Sie zuerst ein paar Stufen hochsteigen. Beim Nationalratssaal gehen sie direkt runter.

Zu Beginn des Bundesstaates war es üblich, dass viele Ständeräte später in den Nationalrat wechselten. Heute ist die politische Karriere umgekehrt: Die Kleine Kammer gilt vielen als Krönung eines Parlamentarierlebens auf eidgenössischer Ebene. Es spricht für Gian-Reto Plattner, dass er den Umweg über den Nationalrat nicht machte, sondern direkt Ständerat wurde. Und diesen Sitz von Basel-Stadt nur schon seit 11 Jahren erfolgreich behauptet!

Kein Wunder, denn er verkörpert geradezu den typischen Standesherren: eine gewisse noble Zurückhaltung, geradlinig, korrekt.

Das muss auch mit der naturwissenschaftlichen Ader von Gian-Reto Plattner zu tun haben: klare, korrekte Analyse ohne Wenn und Aber.

Gian-Reto übte sich bekanntlich schon als Jugendlicher in Chemie und Physik. Zusammen mit einem Freund machte er angeblich auf dem Bruderholz Versuche mit selbst gebasteltem Sprengstoff. Um die Wirkung zu dämpfen, verlegten sie den Versuch in einen Brunnen, der entsprechend auseinanderbarst und zu ernsthaften Gesprächen der Jugendanwaltschaft mit den Eltern führte.

Da Sprengstoffdelikte in die Kompetenz des Bundesanwaltes gehören, wurde ich hier natürlich besonders hellhörig, als ich von dieser Geschichte hörte.
Aber selbst im Umgang mit dem Gesetz zeichnet sich Gian-Reto Plattner durch klare korrekte Analyse aus. Da fühle ich mich ihm natürlich verbunden, denn es sind diese Eigenschaften, die ihn zum herausfordernden und konstruktiven Gesprächspartner machen. Vor allem in der nicht immer einfachen Auseinandersetzung um Gesetze und Verordnungen.

Wie in keinem anderen Metier kommt es ja hier darauf an, wie man etwas formuliert, damit es nicht nur die gewollte Wirkung entfaltet, sondern vor allem auch verstanden wird.

Kein Wunder, dass ihm das liegt, denn der Urgrossvater von Gian-Reto Plattner war Bundesrichter. Das sind jene Juristen, die den anderen, meistens Nicht-Juristen, klar machen müssen, warum das Gesetz in der Praxis doch nicht so klar ist, wie man sich das in der Theorie ausgedacht.

Gian-Reto Plattner ist DER Perfektionist!

Beide wandern wir gerne. Doch anders als ich bereitet er sich minuziös darauf vor, mit einer generalstabsmässigen Planung: (Excel-Tabelle mit Angaben über

  • Höhendifferenz,
  • Leistungskilometern,
  • Distanzen, sogar mit Verzeichnis der Hütten mit und ohne Schlaf- und Waschgelegenheiten).

Solche Tabellen verwende ich höchstens zum Tauchen!

Auch plant er seinen Rucksack äusserst seriös. Um das vorgesehene Gewicht nicht zu überschreiten, sei er einmal sogar mit einer Waage ins Warenhaus Loeb in Bern gegangen, um den leichtesten Schirm zu finden.

Sie mögen jetzt schmunzeln; wenn ich in diesen Tagen von "Wägen in der Stadt Bern" höre, muss ich allerdings die Stirne runzeln und tief durchatmen.

Gian-Reto Plattner ist als Naturwissenschafter eben sehr genau. Auch als der Ständerat in der Herbstsession dieses Jahres um die Steuerreform stritt, war er es, der den verdutzten Kollegen gleich nach deren Voten vorrechnete, welche Auswirkungen ihr Begehren auf die Bundeskasse haben würde.

Ich freue mich auf den Ständeratspräsidenten Gian-Reto Plattner.

  • Ich freue mich auf die Zusammenarbeit mit ihm,
  • ich freue mich auf die vielen anregenden Debatten,
  • und ich freue mich mit Ihnen auf eine weiterhin wunderschöne Präsidentenfeier am heutigen Abend.

Und lieber Gian-Reto, auf etwas freue ich mich auch: ein gemeinsames Erlebnis, das die meisten der heute Anwesenden nicht mit uns teilen können:

Ich freue mich auf gemeinsame Stunden auf den Davoser Skipisten, denn in diesen Momenten zählen weder der Ständeratspräsident noch die Bundesrätin, sondern einfach nur kollegial verbundene Menschen.

Als Bundesrätin und als "Pistengefährtin" gratuliere ich dir ganz herzlich zur glanzvollen Wahl zum Ständeratspräsidenten. Würde und Bürde, nur allzu schnell wird dieses Jahr vorbeigehen. Geniesse es! Auch ich werde es geniessen, wenn ich in deinem Präsidialjahr in den Ständerat komme.

Ich wünsche dir und deiner Frau Sabine alles Gute, auch weit über dein Präsidialjahr heraus. Das wünschen wir dir alle.

nach oben Letzte Änderung 27.11.2002