«Wir dürfen nicht wegschauen!»

Ansprache von Bundesrätin Ruth Metzler-Arnold anlässlich des Marche Blanche in St. Gallen

Reden, EJPD, 27.09.2003. Es gilt das gesprochene Wort

ER sitzt abends vor seinem Computer und surft vergnügt und unbeobachtet im Internet. - ES liegt im Bett und kann nicht schlafen vor Scham und Schmach, weint leise vor sich hin.

ER war eben im Chat-Room, hat stolz seine neu entdeckten Bilder den Cyber-Kumpels irgendwo in der Welt weitergemailt. - ES wird von Albträumen geplagt, kann die Erinnerung nicht ausschalten: immer wieder kehren diese widerlichen, grausamen Erlebnisse zurück.

ER surft fast täglich auf seinen Lieblings-Sites und sucht nach immer neuen pornografischen Bildern, Videos und anderen Bild- und Tonträgern, die er weiterverwenden kann. Pornografische Darstellungen von Kindern und Babies machen ihn besonders an. - ES will nicht mehr leben, schon lange nicht mehr. Hat oft an Selbstmord gedacht. Irgendwann wirds klappen.

ER ist einer von vielen Tausenden, die sich im Internet auf kinderpornografischen Seiten sexuell befriedigen und sich an den Bildern der kleinen hilflosen Körper aufgeilen. - ES ist eines von diesen Abertausenden von missbrauchten, vergewaltigten, gequälten, gedemütigten, verletzten Kinder, von denen Fotos im weltumspannenden Netz der Netze auf verwerfliche Art und Weise feil geboten werden!

Meine Damen und Herren - der Gedanke an all dieses Leid von Kindern erschüttert uns und berührt mich sehr persönlich. Unsere Bevölkerung ist zu Recht aufgewühlt.

Sie sind auf die Strasse gegangen, weil Sie etwas öffentlich und transparent machen wollen, das im Verborgenen geschieht.

Sie sind auf der Strasse, weil es für Sie unerträglich ist, dass Kinder von Erwachsenen missbraucht werden.

Sie sind auf der Strasse, weil Sie dem stillen Leid und den wehrlosen Kindern ein Gesicht und eine Stimme geben wollen.

Gestern wurde wieder eine Zerschlagung eines Kinderpornorings bekannt, dieses Mal in Deutschland, mit 26500 Verdächtigten in 166 Staaten, darunter auch in der Schweiz.

Durch das moderne und scheinbar anonyme Internet haben Verbrechen gegen Kinder ein unvorstellbares und beängstigendes Ausmass angenommen.

Nachfrage und Angebot steigen laufend und damit auch die Anforderungen an die Erzeugnisse: immer extremere Bilder sind gefragt, mit immer kleineren Kindern und immer härteren Szenen.

Den Kampf zum Schutz der jüngsten und zugleich wehrlosesten Mitglieder unserer Gesellschaft müssen wir alle gemeinsam führen.

Ein Kampf, der nicht einfach zu gewinnen ist: so rasant die Technologie fortschreitet, so schnell ändern sich auch die Formen der Internetkriminalität. Für Polizei und Strafverfolgungsbehörden bedeutet das auch immer wieder Neuland.

Übrigens dürfen wir die Täterschaft nicht einfach generalisieren - wir reden im Zusammenhang mit Kinderpornografie immer nur von männlichen Tätern. Frauen gehören zwar nicht zu den Konsumenten, doch auch sie haben entdeckt, dass der Handel mit Kinderpornografie ein Milliardengeschäft ist.

Dass auch Frauen - als Mütter, Schwestern, Verwandte oder Freundinnen und allzuoft selbst bedroht und ausgenützt - sich auf dieses abscheuliche Geschäft mit hilflosen Kindern einlassen, ist für mich enttäuschend und macht mich nachdenklich.

Die Frage ist: Wie geht die Gesellschaft mit dem offensichtlich zunehmenden Bedürfnis nach sexuellen Perversitäten um? Es braucht Aufklärung - in der Schweiz, weltweit ? wo immer auch kinderpornografische Bilder hergestellt und damit die meisten Kinder missbraucht werden.

Die Gesellschaft ist gefordert, jede und jeder einzelne von uns! Wir können die Bekämpfung dieser schrecklichen Taten nicht einfach an die Polizei delegieren. So einfach ist leider es nicht!

Es braucht Transparenz und Mut zum Tabubruch! Denn Kindsmissbrauch passiert oft gleich nebenan, in der Nachbarschaft, auch in scheinbar intakten Familien.

Wir müssen hinschauen und andere, ja alle, dazu bewegen, hinzuschauen!

Unsere Mentalität lässt uns nur allzu gerne wegschauen, wenn es unangenehm wird. Auch, weil Pädophilie in einigen Köpfen immer noch ein Tabu ist.

Der Marche Blanche - Ihr Marsch - hilft, dieses Tabu endgültig zu brechen. Zum Schutz unserer Kinder. Dafür danke ich Ihnen.

nach oben Letzte Änderung 27.09.2003