Ihr habt sehr viel zu sagen!

Eröffnungsansprache von Bundesrätin Ruth Metzler-Arnold zur Eidg. Jugendsession

Reden, EJPD, 30.10.2003. Es gilt das gesprochene Wort

Wie vermutlich Ihr alle, habe ich mich sehr auf den heutigen Tag gefreut. Ich nehme an vielen Anlässen teil und komme mit unterschiedlichsten Menschen in Kontakt. Wenn ich nun heute in den Nationalratsaal schaue, muss ich sagen: Ich bin wirklich froh. Dieser Saal ist sehr beeindruckend, wenn er mit jungen Menschen gefüllt ist.

C'est toujours pour moi un moment particulier que de rencontrer des jeunes. Car c'est dans ces moments-là que je ressens plus fort encore cette envie d'agir, avec spontanéité et enthousiasme, mais aussi avec sérieux ! Et cela me rappelle que, lorsque j'avais votre âge, j'étais comme vous. Vous êtes venus ici de tous les coins de la Suisse et je vous en félicite : par votre présence, la salle rayonne et se fait l'écho de votre volonté d'engagement politique pour la société.

Un saluto particolare anche ai giovani che sono venuti qui dalla Svizzera italiana. E' veramente bello vedervi riuniti tutti qui: spero che oggi anche voi farete sentire la vostra voce e il vostro impegno!

Ich freue mich darüber, dass Ihr euch so engagiert für politische Fragen einsetzt. Mit der Teilnahme an dieser Jugendsession setzt Ihr zu einer weiteren Etappe in eurem jungen politischen Leben an. Und ganz besonders zeigt ihr mit eurem Engagement an dieser Jugendsession, dass Euch das Schicksal unseres Landes nicht egal ist. Ihr wollt aktiv mitgestalten an der gemeinsamen Zukunft unseres Landes.

Euer Engagement freut mich auch deshalb ganz speziell, weil: Kürzlich habe ich eine Studie zum politischen Wissen, Demokratieverständnis und gesellschaftlichen Engagement von Jugendlichen zur Kenntnis genommen. Die Studie heisst beklemmenderweise "Jugend ohne Politik".

Weltweit wurden rund 90'000 14- bis15-jährige Jugendliche in 28 Ländern getestet und befragt. Die Ergebnisse der jungen Schweizerinnen und Schweizer fallen ernüchternd aus. Für mich persönlich sogar erschreckend:

  • Im internationalen Vergleich verfügen die Schülerinnen und Schüler der Schweiz über unterdurchschnittliches politisches Wissen und durchschnittliche politische Interpretationsfähigkeiten.
  • Ebenfalls unterdurchschnittlich fällt bei den Jugendlichen der Schweiz auch die Einstellung gegenüber der eigenen Nation aus.
  • Und bei der Einstufung von Rechten von Immigrantinnen und Immigranten liegen sie sogar an zweitletzter Stelle.
  • Bei der Bereitschaft, später als Erwachsene wählen zu gehen, liegen sie an letzter Stelle.
  • Und besonders schlimm, meine ich: nur ein knappes Drittel scheint sich überhaupt für Politik zu interessieren. Auch damit liegen die schweizerischen Jugendlichen unter dem internationalen Durchschnitt.

Klar, diese Entfremdung von der Politik gibt es nicht nur unter Jugendlichen, sondern auch unter den anderen Generationen. Trotzdem aber mache ich mir Sorgen darüber, wo die Gründe für diese passive und uninteressierte, oft sogar ablehnende Haltung gegenüber der Politik liegen.

  • Sind viele Jugendliche satt geworden in der Wohlstandsgesellschaft, in der wir leben?
  • Sind sie unsensibel gegenüber den Problemen und Existenzängsten, die viele unter uns wieder vermehrt plagen?
  • Ist unsere Politik schlicht zu wenig interessant, zu unspektakulär, zu verstaubt, zu wenig "sexy", zuwenig "hip"?

Mag sein, dass die Ausgangslage für die Bundesratswahlen vom 10. Dezember viele anzieht. Aber was geschieht nach dem 10. Dezember? Machen wir es uns zu bequem, wenn wir die politische Bildung einfach den Parteien überlassen? Wahrscheinlich werdet Ihr mir jetzt sagen: Alle diese Gründe haben etwas an sich! Und ich gehe mit Euch einig: An vielen Orten besteht Handlungsbedarf.

Mich hat sehr erstaunt, dass die Studie "Jugend ohne Politik" im vergangenen Wahlkampf kaum aufgenommen wurde. Keine der Parteien hat sich die Förderung der politischen Bildung schwerpunktmässig auf die Fahne geschrieben! Das haben sie einzelnen Jungparteien und ihren Exponentinnen und Exponenten überlassen. Zwar sind auch diesmal wieder einige Junge neu in den Nationalrat gewählt worden. Fünf sind unter 30, aus verschiedenen Parteien. Und, ganz besonderes für die Männer hier, als Ansporn: Alles junge Frauen!

Das freut mich natürlich. Aber ich bin fest davon überzeugt, dass wir unsere Anstrengungen im Bereich der politischen Bildung stark erhöhen müssen. Politische Bildung ist eine wichtige Voraussetzung für politische Beteiligung.

Wissen allein ist aber noch keine Garantie für die Umsetzung in die Praxis. Politische Bildung wirkt längerfristig erst dann motivierend, wenn Menschen die positive und ermutigende Erfahrung machen können, dass sie auch tatsächlich etwas bewirken können, dass politisches Handeln auch zu konkreten Erfolgen führen kann - zu Veränderungen in der Lebensumwelt.

Deshalb finde ich es ganz wichtig, dass Ihr nach dieser Jugendsession weiter am Thema, an euren Anliegen dranbleibt.

Denn meistens reicht es nicht aus, eine Forderung an den Bund zu stellen. Vielmehr müsst Ihr Euch organisieren. Ihr müsst eure Forderungen auch an den richtigen Stellen vertreten. Nicht nur beim Bund, sondern auch bei den Kantonsregierungen, bei den Stadt- und Gemeinderäten. Sehr oft bestehen dort viel bessere Möglichkeiten, eure Anliegen und Forderungen umzusetzen.

Weitaus am Schwierigsten aber ist es, den Anliegen und Forderungen im eigenen, persönlichen Umfeld zum Durchbruch zu verhelfen. Am Schwierigsten deshalb, weil es hier am meisten Mut braucht. Hier fällt es nicht immer leicht, offen unsere Ansichten zu vertreten. Hier werden wir oft sehr direkt mit anderen Meinungen, mit Vorurteilen, mit Widerspruch und mit Kritik konfrontiert.

Aber lasst euch nicht abwimmeln, denn ihr habt sehr viel zu sagen! Gerade zum Thema eurer diesjährigen Jugendsession: Zur Integration.

In den nächsten drei Tagen werdet Ihr Euch in den Workshops und im Plenum mit der Integration auseinandersetzen. Ihr werdet über Rassismus, Armut, Migrationspolitik, Minderheiten, Generationenvertrag und Jugendpolitik diskutieren. Damit greift Ihr einige ganz zentrale Themen auf. Ich bin sehr froh darüber. Bei allen haben wir uns stets die Frage zu stellen:

  • Was bedeutet Integration denn eigentlich?
  • Was heisst das, jemanden in unsere Gemeinschaft aufzunehmen, der noch draussen vor der Tür steht?
  • Was macht diese Gemeinschaft aus, was macht unsere Gemeinschaft so besonders?
  • Wie solidarisch ist unsere Gemeinschaft mit den noch Aussenstehenden, mit denen, die durchs soziale Netz zu fallen drohen, mit den Ausländern in unseren Reihen, unter den verschiedenen Generationen?
  • Wie fördern wir diese Solidarität?

Mit Solidarität ist aber nicht einfach gemeint, der Staat zahlt. Eine Gesellschaft, die sich nur über Subventionen und Unterstützungsgelder zusammenhält, hat keine Zukunft. Die Zukunft ist nur dann vorhanden, wenn das Engagement aller vorhanden ist. Und das braucht Mut, nicht zuletzt auch politischen Mut. Mut auch, Rückschläge einzustecken.

Denn wer Angst hat vor dem Verlieren, hat auch keine Freude beim Gewinnen!

Ich bin davon überzeugt, dass die erfolgreiche Zukunft unseres Landes ganz entscheidend von der Integrationsfähigkeit unserer Gesellschaft abhängt. Die verschiedenen Generationen, Berufsgruppen, sozialen Schichten, Kulturen, die politischen, weltanschaulichen und religiösen Gruppierungen, aber auch die Migrantinnen und Migranten brauchen ihren Platz in unserer Gesellschaft. Je besser es uns gelingt, verschiedene gesellschaftliche Gruppen als integrierten Bestandteil unserer Gesellschaft anzuerkennen, desto wohler, geborgener und sicherer fühlen wir uns. Ausgrenzungen aller Art sind nämlich Quelle von Trauer, Missmut und auch von Aggression.

Ein Beispiel: Versetzen wir uns mal in folgende Situation: Wir sitzen in einem Zimmer mit verschlossenen Fenstern und Türen. - Eigentlich fast schon ein bisschen wie hier. Im ersten Moment fühlen wir uns zwar sicher und geborgen. Wir gehören dazu. Bald aber überkommt uns das Gefühl von Enge, von Unsicherheit. Es fehlt uns der Blick nach draussen. Uns interessiert, was um den Saal herum passiert, wer sich in den Gängen bewegt. Mit der Zeit wird das Zusammenleben mit denjenigen, die drin sind schwierig. Alles wiederholt sich, dreht sich im Kreise. Die Strukturen sind festgefahren. Immer sind es die Selben, die reden, die Selben die Schweigen, die Selben, die bestimmte Aufgaben übernehmen müssen oder wollen, dieselben Gesichter.

Stehen wir aber draussen vor verschlossenen Türen und Fenstern, gehören wir nicht dazu. Eigentlich möchten wir gerne dabei sein. Wir fragen uns, wer wohl alles im Saal sei. Was machen und reden die drin wohl? Was führt eigentlich dazu, dass gerade die drin sind und ich draussen? Wie muss ich es wohl anstellen, damit ich auch rein kann, damit ich dazugehöre?

Könnt ihr euch diese Situation vorstellen? Spürt ihr auch, wie schnell hier Gefühle, Emotionen aufkommen? Egal, ob wir drinnen sind oder draussen, lange ist es uns in keiner Situation wohl. Grenzen beinhalten immer die Gefahr, in den Menschen auf beiden Seiten negative Gefühle zu wecken.

In letzter Zeit - und gerade auch wieder im abgelaufenen Wahlkampf - mussten wir feststellen, dass politische Gruppierungen in der Schweiz sich immer wieder profilieren mit gegenseitigem Ausspielen von Teilen unserer Gesellschaft: Junge gegen ältere, Reiche gegen Arme, Wählerinnen und Wähler gegen Behördenmitglieder, Invalide gegen Kranke, Ausländer gegen Schweizer, Christen gegen Muslime usw.

Ich erachte dieses gegenseitige Ausspielen als gefährlich. Unsere schweizerische Gesellschaft baut gerade auf dem Gegenteil auf: Auf dem Prinzip der Integration. Ohne diesen Willen, ohne die Einsicht in die Notwendigkeit von Integration, gäbe es unser Land heute nicht. Denken wir z.B. an die Differenzen zwischen städtischen und ländlichen Kantonen, die es zu überbrücken galt, zwischen Bauern und Kaufleute, zwischen Innerschweizern, Bernern, Ostschweizer usw., zwischen deutsch- und französischsprachigen Schweizerinnen und Schweizern, zwischen katholischen und protestantischen Bevölkerungsgruppen. Aus dem jahrhundertelangen historischen Prozess der Integration unseres Landes können wir ein Prinzip herauslesen, das in diesen Tagen mehr denn je aktuell ist:

Die Schweiz steht für zusammenschweissen, nicht für zerbrechen!

Integration hat viele wichtige politische Aspekte. Diese Aspekte stehen in euren Diskussionen in den nächsten Tagen im Vordergrund. Und ihr habt, wie gesagt, hier vieles zu bieten. Zum Beispiel eure Erfahrungen. Ja, gerade ihr, die Jungen, habt persönliche Erfahrungen, die die etwas älteren nicht mehr haben, Erfahrungen, die auch meine besten Leute in den ämtern nicht wettmachen können:

  • Die Integration an Schulen zum Beispiel passiert weniger über Lehrer als viel mehr über die Mitschülerinnen und Mitschüler.
  • Dasselbe gilt für Sportvereine, bei Musikaktivitäten, bei gemeinsamen Unternehmungen usw.

Damit tragen die Jungen auch ein grosses Stück Mitverantwortung! Und diese Leistung schätze ich sehr sehr hoch ein!

Junge Leute kommen oft auch auf unkonventionelle Lösungen, auf fantasievolle Ideen bei der Einbindung von Gleichaltrigen.

Eure Lösungsansätze interessieren mich.

Deshalb mochte ich es auch nicht mit der Entgegennahme eurer Petitionen am Schluss dieser Jugendsession bewenden lassen. Sondern ich werde morgen bei einigen Workshops vorbeikommen. Das ist mir die Zeit wert!

Und ich habe die Absicht, dann auch eure Petitionen mit euch, mit den Organisatoren, anzuschauen. Dafür werden wir noch einen Termin finden.

Aber Ich freue mich trotzdem, wenn Ihr am Samstag dem Nationalratspräsidenten Petitionen mit originellen und klaren Forderungen zur Integration von Ausgegrenzten überreicht.

Integration hat aber nicht nur mit Politik zu tun. Wer glaubwürdig Integrationspolitik betreiben will, muss auch selber die Integration leben. Das hat auch viel mit Gefühlen, mit Emotionen zu tun. Diese Aspekte wiederum beherrschen unser alltägliches Verhalten. Integration verlangt von uns eine Grundhaltung der Offenheit. Offen zeigen wir uns zum Beispiel, wenn wir andere Meinungen entgegennehmen, uns mit ihnen auseinandersetzen. Offen zeigen wir uns aber auch, wenn wir zu dritt im Zugsabteil sitzen und den vierten Sitz nicht einfach mit Taschen und Mappen voll stopfen, damit sich ja niemand dort hin zu setzen wagt.

Mein Wunsch an Euch ist es, dass ihr diese Grundhaltung der Offenheit pflegt. Wir alle sind darauf angewiesen, mit offenen Menschen zusammenleben zu können. Menschen mit der Bereitschaft, andere Meinungen und Lebensweisen anzuerkennen und zu akzeptieren.

Mein grosser Wunsch an Euch ist es aber auch, dass Ihr uns bei der Umsetzung einer guten Integrationspolitik unterstützt.

Am wirkungsvollsten unterstützen könnt Ihr uns, wenn Ihr in eurem persönlichen Umfeld, im Kollegenkreis, in der Schulklasse, vor der Disco und in der Familie für eine integrationsfreundliche Stimmung sorgt. Und nicht zuletzt in diesen drei spannenden Tagen an der Jugendsession!

Ich wünsche Euch viele interessante, offene und anregende Kontakte und freue mich darauf, von den Ergebnissen eurer wertvollen Arbeit zu erfahren, und mit euch zu diskutieren.

nach oben Letzte Änderung 30.10.2003