Nationale EKA-Tagung

Grusswort von Bundesrätin Ruth Metzler-Arnold (Bern, 7. November 2003)

Schlagwörter: Integration

Reden, EJPD, 07.11.2003. Es gilt das gesprochene Wort

Sehr geehrte Damen und Herrren

Vielleicht haben Sie schon in der neuesten Ausgabe von terra cognita, der Zeitschrift der EKA, geblättert. Darin findet sich ein Interview mit Graziella Zanoletti. Frau Zanoletti ist Trägerin des Veuve Clicquot-Preises "Schweizer Geschäftsfrau des Jahres 2003". In jungen Jahren ist sie aus Italien in die Schweiz eingewandert und hat in Genf nach wechselvollen Erfahrungen eine erfolgreiche Firma aufgebaut.

Die Geschichte von Frau Zanoletti ist eindrücklich. Ich bin nicht mit allen ihren Aussagen voll und ganz einverstanden. Mich hat jedoch die Mischung von Aufrichtigkeit, Pfiffigkeit und Engagement beeindruckt, die Frau Zanoletti zum Ausdruck bringt.

Angesprochen, was Ihr persönliches Rezept sei, als Migrantin in der Schweizer Wirtschaft Erfolg zu haben, sagt sie: "Oser d'utiliser sa gentillesse, de ne pas répondre du tac au tac et persévérer."

Im Zusammenhang mit Integration ist diese optimistische Entschlossenheit leider nicht überall Selbstverständlichkeit. Integration ist eine grosse Herausforderung. Es nimmt daher nicht wunder, dass in diesem Kontext oft in aller erster Linie die Probleme gesehen werden.

Man darf vor Schwierigkeiten keineswegs die Augen verschliessen, sondern man muss sie an- und aussprechen. Die Ängste, welche in einigen Teilen der Bevölkerung bestehen, sind ernst zu nehmen und zu thematisieren.

Doch es ist auch wichtig, die Erfolge und Chancen der Migration zu sehen. Mit Optimismus vorausschauen und Lösungen suchen, die Diskussion über Migration und Integration versachlichen und einer langfristigen Perspektive Raum verschaffen - das ist es, was wir verstärken müssen.

Ihre Tagung bietet Gelegenheit dazu. Integration durch Arbeit? heisst das Motto des heutigen Anlasses. Lassen sie mich dazu kurz zwei, drei Gedanken entwickeln.

Den Begriff "Integration" führen wir heute wie selbstverständlich im Munde. Doch noch vor nicht allzu langer Zeit war der Begriff weitgehend unbekannt. In den letzten Jahren ist eine Entwicklung im Gange, wobei der Integrationsbegriff einen Wandel erfahren hat. Es hat sich ein neues Verständnis entwickelt, wie der Umgang zwischen Zugewanderten und Einheimischen zu gestalten ist.

Zuerst wurde erkannt, dass Integration kein gradliniger und universaler, sondern ein vielseitig verästelter Prozess ist. Viele unterschiedliche Faktoren können dabei eine Rolle spielen. Und letztlich setzt sich Integration aus einer Vielzahl von persönlichen Geschichten zusammen, welche mit den individuellen Fähigkeiten, Wünschen und Schicksalen der einzelnen Menschen verknüpft sind.

Doch gibt es Grundanforderungen und Voraussetzung der Integration, welche für alle gelten. Erkannt wurde, dass eine erfolgreiche Integration auf einem wechselseitigen Prozess basiert, an dem sowohl die einheimische Bevölkerung wie die Zugewanderten Anteil haben.

Integration heisst also,

  • gemeinsam die Gesellschaft in die Zukunft weiter zu entwickeln und
  • sich gegenseitig vertrauen, Verantwortung übernehmen und sich einsetzen.

Dem Staat kommt die Aufgabe zu, diesen Prozess zu begleiten, zu fördern und zu steuern. Denn schliesslich ist auch klar geworden, dass sich Integration nicht immer und überall einfach von selbst einstellt. Günstige Rahmenbedingungen sind zu schaffen, und mit aktiven Massnahmen ist die Integration auch direkt zu fördern und zu fordern.

Integrationsförderung ist eine typische Querschnittaufgabe, welche schulische, berufliche, soziale, aber auch rechtliche Aspekte umfasst.

Bevor ich auf den Inhalt der Tagung zurückkommen, erlauben Sie mir noch einige Bemerkungen zu einem andern Motor der Integration, nämlich den Bürgerrechtserwerb.

Bürgerrecht

Rund 80 Prozent der ausländischen Erwerbstätigen in der Schweiz verfügen über eine Aufenthalts- oder Niederlassungsbewilligung. Diese Personen, welche legal und längerfristig in der Schweiz wohnen und arbeiten, sollen für sich und ihre Kinder eine Zukunftsperspektive in unserem Land entwickeln und selber dazu beitragen können.

Sie können dies nur, wenn sie an unserer Gesellschaft und deren Angeboten teilhaben. Dabei spielt auch die längerfristige Perspektive eine wichtige Rolle. Die Aussichten der Zugewanderten, Bürgerin oder Bürger unseres Landes zu werden, sollen daher verbessert werden.

Das Parlament ist zusammen mit dem Bundesrat der Meinung, dass die Einbürgerung von Menschen, welche hier aufgewachsen und zur Schule gegangen sind, erleichtert werden soll.

Folgende Verbesserungen sind vorgesehen.

Erstens sollen die Jugendlichen der 2. Generation, welche hier aufgewachsen und zur Schule gegangen sind, sich auf dem erleichterten Weg einbürgern können.

Zweitens soll die 3. Generation der Ausländerinnen, also diejenigen, deren Eltern in der Schweiz aufgewachsen sind, das Bürgerrecht mit der Geburt angeboten erhalten.

Drittens soll die Wohnsitzfrist, ab welcher man den Antrag auf Einbürgerung stellen kann, nicht mehr 12 Jahre, sondern neu 8 Jahre betragen.

Viertens schliesslich sollen die Einbürgerungsgebühren, welche mancherorts eine grosse Hürde darstellen, in der ganzen Schweiz auf die Höhe der effektiven Verfahrungskosten gesenkt werden.

Vermutlich im ersten Halbjahr des nächsten Jahres kommen diese Bürgerrechtsreformen zur Abstimmung. Diese Vorlage ist sehr wichtig für die Integration. Denn Menschen, welche hier ihre Heimat haben, sollen auch politisch das Land mitgestalten können - mit allen Rechten und Pflichten.

Ich bin zuversichtlich, dass die Mehrheit der Schweizer Bevölkerung auch so denkt. Nur sollten wir dies dann nächstes Jahr aber auch mit dem Stimmzettel an der Urne bekunden. Ich danke schon heute allen, die uns in diesem Abstimmungskampf unterstützen werden.

Zurück zum Tagungsthema:

Integration und Arbeit

Die Erwerbsarbeit, meine Damen und Herren, ist das häufigste Motiv der Migration. Der Arbeitsplatz ist vermutlich auch der wichtigste Ansatzpunkt für eine erfolgreiche Integration.

Vieles ist geleistet worden und wird tagtäglich geleistet, von Arbeitgebern und ihren Verbänden, von Gewerkschaften, von Organisationen, Fachbehörden, Arbeitsämtern, Vermittlungsstellen und vor allem von den Betroffenen selbst.

Doch nach wie vor bestehen Hürden und Benachteiligungen für ausländische Arbeitskräfte. Das werden die an der heutigen Tagung vorgestellten Studien sicher noch aufzeigen.

Ich möchte nur zwei Entwicklungen herausgreifen, die uns Sorgen bereiten. Diese betreffen vor allem den Zugang zum Arbeitsmarkt:

  • die Schwierigkeit, eine Lehrstelle zu finden;
  • und der hohe Anteil von Migrantinnen und Migranten bei den Erwerbslosen.

Selbstverständlich leiden unter diesen Problemen auch viele Schweizerinnen und Schweizer. Für Zugewanderte präsentiert sich die Situation aber vielfach noch schwieriger.

Die Gründe hinter diesen Schwierigkeiten sind vielfältig. Es gibt daher auch keine einfachen Patentrezepte dagegen - auch wenn manche sich dies wünschen mögen. Letztlich sind Lösungen in der Praxis zu suchen und zu realisieren.

Dabei gilt es an verschiedenen Orten gleichzeitig aktiv zu werden. Es braucht also die Mitwirkung aller Kräfte.

Wenn alle gemeinsam am selben Strick ziehen, haben die Massnahmen und Anstrengungen die grösste Aussicht auf Erfolg. Gemeinsam nach Möglichkeiten verstärkter Integration zu suchen, neue Lösungen aufzuzeigen und Verbesserungen zu erzielen durch eine bessere Dialogbereitschaft und - Dialogfähigkeit:

Durch einen gemeinsamen Effort der Ausländerinnen und Ausländer zur Eingliederung sowie der Bereitschaft der schweizerischen Bevölkerung zur Offenheit.

Die heutige Tagung bietet Gelegenheit, zahlreiche Ansätze aufzuzeigen und Möglichkeiten zu diskutieren, welche den Bedürfnissen und Verhältnissen der einzelnen Betriebe und der beschäftigten Personen Rechnung tragen.

Gute Instrumente und Ansätze sind das eine. Doch ebenso wichtig ist es auch, Überzeugungsarbeit zu leisten und die Anliegen durchzubringen. Dazu braucht es genau das Engagement und die Beharrlichkeit, von welcher Frau Zanoletti gesprochen hat.

In dem angesprochenen Interview hat die Geschäftsfrau des Jahres unter anderem darauf hingewiesen, dass eine Vielzahl der Preisträgerinnen einen Migrationshintergrund aufweist. Auf die Frage warum dies so sei, hat sie die Antwort parat: "Être immmigré pousse à la créativité".

Dass es uns gelingt, diese Kreativität besser zu nutzen und uns gemeinsam einzusetzen, das wünsche ich mir, auch für den heutigen Anlass.

Es gilt also, gemeinsam die Gesellschaft in die Zukunft weiter zu entwickeln, indem wir uns gegenseitig vertrauen, Verantwortung übernehmen und uns an unserem jeweiligen Platz einsetzen!

In diesem Sinne, meine Damen und Herren, wünsche ich Ihnen eine erfolgreiche Tagung und danke Ihnen für Ihr grosses Engagement im Bereich "Integration und Arbeit".

nach oben Letzte Änderung 07.11.2003