Verleihung der Preise der Balzan-Stiftung

Ansprache von Bundesrätin Ruth Metzler-Arnold am 07.11.2003

Reden, EJPD, 07.11.2003. Es gilt das gesprochene Wort

Sehr geehrte Frau Präsidentin,
Sehr geehrte Herren Präsidenten,
Sehr geehrte Preisträger,
Sehr geehrte Damen und Herren,

Es erfüllt mich mit Emotionen, dass ich mich heute hier im Saal der Vereinigten Bundesversammlung an Sie wenden darf.

Es ist erst eine Woche her, dass dieser Saal, anlässlich der Jugendsession, voller jungen Menschen war. Heute hat sich hier die Welt der Wissenschaft eingefunden.

Dies ist zweifellos nicht nur ein Zufall, sondern hat einen gewissen Symbolwert: Denn sowohl die Jugend als auch die Wissenschaft sind die Zukunft und die Hoffnung unserer Gesellschaft.

Es ist mir eine besondere Ehre, Ihnen anlässlich der Feier zur Verleihung der renommierten Balzan-Preise des Jahres 2003 die Grüsse der Schweizer Regierung zu überbringen.

Der Balzan-Preis versteht sich als universelle Auszeichnung und bringt allen Disziplinen den gleichen Respekt und die gleiche Achtung entgegen. In diesem Sinne werden mit dem Preis nicht nur die in einer bestimmten Disziplin erbrachten Leistungen gewürdigt, sondern mindestens ebenso das Werk eines Mannes (oder einer Frau) im Rahmen des persönlichen Strebens nach Wahrheit, Schönheit und Vollendung.

Der Balzan-Preis ist auch das Zeugnis der engen Freundschaft, welche die Schweiz mit Italien verbindet. Diese beiden Länder sind wie die imposante Skulptur der «zwei Schwestern» beim Eingang des Bahnhofs von Chiasso, die ich vor einiger Zeit besichtigt habe.

Die Teilnahme an dieser Preisverleihung ist für mich auch deshalb eine besondere Freude, weil die diesjährigen vier Preisträger mit ihrem Werk einen bedeutenden Beitrag zum Verständnis desjenigen Bereichs geleistet haben, in dem ich selbst tätig bin und von dem dieser Saal geprägt ist: der Politik.

Die Politik, fragen Sie?

Sogar Sie, Herr Reinhard Genzel, haben als Astronom dazu einen Beitrag geleistet. Ihre Erforschung des Zentrums der Milchstrasse erinnert mich an die beschwerliche Suche nach der politischen Mitte und nach ausgewogenen Lösungen, die in diesem Saal zum Alltag gehört.

"Surfing a Black Hole" : «Das Surfen auf einem schwarzen Loch» ist eine Technik, die auch viele Politiker beherrschen möchten! ... und sicher nicht nur die Finanzminister.

Ihre Forschungsarbeit ist jedoch noch nicht beendet: es gibt noch einige Mysterien!

Warum weisen zum Beispiel scheinbar die meisten der grossen Galaxien in ihrer Mitte ein grosses schwarzes Loch auf? Die Antwort auf diese Frage wird mit Spannung erwartet. Ich werde die Ergebnisse Ihrer Forschungsarbeit daher mit Interesse verfolgen: (.vielleicht werden Sie mir auch eine Erklärung für die Gravitationskräfte der Mitte in der grossen Galaxie der Politik liefern).

Frau Hobsbawm, Ihr Vater, Herr Eric Hobsbawm ist gemäss «The Guardian» der Mann des extremen Jahrhunderts («Man of the extreme century»).

Bei ihm besteht eine direkte Verbindung mit der Politik: Die Analyse von Nationen, des Nationalismus und von nationalen Mythen ist aktueller denn je, auch im modernen Europa.

Sie sehen hier in diesem Saal ein Bild der Schweizer Sagenfigur Wilhelm Tell: Tell ist der Mythos der unabhängigen und starken Schweiz, die nichts ausser einer Invasion aus dem Ausland zu fürchten hat. Ein Mythos, der auch in unserer modernen politischen Geschichte stark verankert ist.

Schade, ist Ihr Vater nicht Schweizer Staatsbürger! Es hätte mich sehr interessiert, zu welchem Ergebnis er gekommen wäre, wenn sich sein analytischer Geist mit der Geschichte und der Mythologie meines Landes auseinander gesetzt hätte.

Insbesondere in einem so speziellen Zeitpunkt der politischen Geschichte der Schweiz.

Doch lassen Sie mich Herrn Moscovici zitieren: Es gibt von Mehrheiten geprägte Epochen, in denen alles vom Willen der Mehrheit abzuhängen scheint. Und es gibt von Minderheiten beeinflusste Epochen, in denen die Hartnäckigkeit einiger Individuen oder von kleinen Gruppen auszureichen scheint, um die Entwicklungen auszulösen und den Lauf der Dinge zu bestimmen (1976: 9).

Dabei handelt es sich um die Einführung zu Ihrem Werk «Psychologie des minorités actives» (Die Psychologie von aktiven Minderheiten). . Dies ist - und damit zitiere ich Sie nochmals - der Kampf zwischen den Kräften der Konformität und den Kräften der Innovation (1976: 10).

Ihre Analyse ist einfach und tief greifend: Die Mehrheit schafft Stabilität, die Minderheit Innovation und Wandel. Sie analysieren und lassen richtigerweise die Frage des «Werturteils» offen: Nicht alle Innovationen sind positiv. doch es ist die Aufgabe von uns Politikern, eine Antwort zu geben.

Herr Wen-Hsiug Li, auch die Genetik hat mit Politik zu tun.Spätestens seit dem Film «Mais im Bundeshuus» ist dies auch in diesem Saal bekannt: Dieser Dokumentarfilm zeigt die spannende und erbittert geführte politische Debatte über die so genannte «GenLex».Eines der Ergebnisse Ihrer Forschungsarbeiten ist die Erkenntnis, dass die genetische Übereinstimmung zwischen dem Menschen und dem Schimpansen grösser ist, als man dies für möglich gehalten hätte.

Bei diesem Punkt verzichte ich jedoch darauf, Parallelen zur Politik zu ziehen, da man mich missverstehen könnte!

Sehr geehrte Damen und Herren,

Sie vertreten hier die Wissenschaft, diese Saal die Politik - d.h. das "Wissen" bzw. die "Macht". Während Wissen und Macht früher die Angelegenheit von Eliten waren und keinen direkten Bezug zueinander hatten, sind sie heutzutage beide «die Angelegenheit von allen».

Das Wissen ist die Hoffnung: für den Menschen, die Wirtschaft und die Gesellschaft. Die Macht hat die Pflicht, dieser Hoffnung zum Durchbruch zu verhelfen.

Dies bedeutet, dass die Vielfalt und die akademische Freiheit erhalten und unsinnige Rationalisierungen vermieden werden müssen.

Dies bedeutet auch, dass in heiklen Bereichen - wie beispielsweise in der Biotechnologie - ein rechtlicher Rahmen für die Forschung geschaffen werden muss, dank dem die Wissenschaft genügend Spielraum hat, um ihren Auftrag zu erfüllen.

Und dies bedeutet überdies, dass die unerlässlichen finanziellen Mittel zur Verfügung gestellt werden müssen und dass in die Wissenschaft, in die Hoffnung und in die Zukunft umfangreiche Investitionen zu tätigen sind.

Doch zwischen der Wissenschaft und der Macht bestehen gegenseitige Verpflichtungen und Verantwortlichkeiten: Sie haben die schwierige Aufgabe, sich zu engagieren, um unsere Hoffnungen zu erfüllen.

Erfreut konnte ich zur Kenntnis nehmen, dass die Balzan-Stiftung die Notwendigkeit des Engagements in der Forschung mit einer Bestimmung anerkennt und fördert, die meines Wissens weltweit einzigartig ist.

Als Empfänger der Balzan-Preise 2003 haben Sie, verehrte Preisträger, somit die Möglichkeit, dafür zu sorgen, dass junge Forscherinnen und Forscher im gleichen Gebiet tätig werden, in dem Sie bereits grosse Erfolge erzielt haben.

nach oben Letzte Änderung 07.11.2003