"Ich war gefordert wie nie zuvor"

Intervista, 29 luglio 2021: Schweizer Familie; Daniel Röthlisberger

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Schweizer Familie: "Nach einer für die ganze Schweiz schwierigen Corona-Zeit freut sie sich auf ein grosses Fest zum 1. August: Bundesrätin Karin Keller-Sutter erzählt, was ihr Hoffnung gibt, was ihr zugesetzt hat und was sie im Restaurant ihrer Eltern fürs Leben lernte."

Frau Bundesrätin, bald ist Nationalfeiertag, und vielerorts wird die Landeshymne angestimmt. Wie gut beherrschen Sie den Schweizerpsalm?
Ich weiss zwar den Text und kenne die Melodie. Aber ich singe nicht laut mit. Denn Singen kann ich nun wirklich nicht.

Festen Sie trotzdem munter mit?
Auf jeden Fall. Ich hoffe, dass wir den Nationalfeiertag in diesem Jahr wieder unbeschwerter feiern können. Auf einem Bauernhof in der Innerschweiz werde ich brunchen und freue mich, wieder unter Leuten zu sein und ein Stück Normalität zurückzuhaben.

Monatelang war das Land wegen Corona im Ausnahmezustand. Wie erlebten Sie diese Zeit?
Auch mir machten die Einschränkungen zu schaffen. Seit dem letzten Sommer habe ich viele Verwandte und Freunde nicht mehr gesehen. Gleichzeitig war ich mit meinen Bundesratskolleginnen und -kollegen gefordert wie nie zuvor. In der ersten Phase tagten wir oft mehrmals pro Woche und fühlten uns zuweilen wie auf einem Blindflug, weil sich die Situation ständig änderte und selbst Fachleute nicht genau sagen konnten, was auf uns zukommt.

Welcher Moment belastete Sie am meisten?
Der 16. März 2020. Da riefen wir die ausserordentliche Lage aus. Wir ordneten eine Teilmobilmachung der Armee an, legten das öffentliche Leben lahm. Das ging mir durch Mark und Bein.

Inwiefern?
Die letzte Mobilmachung hatte mein Vater erlebt, der im Zweiten Weltkrieg Aktivdienst leistete und mir immer wieder von dieser schweren Zeit erzählte. Das führte mir vor Augen, wie ernst die Lage war. Zudem widersprach es meiner liberalen politischen Haltung, die Freiheiten der Bürgerinnen und Bürger so drastisch einzuschränken. Tage nach dem Entscheid ging ich durch die Berner Altstadt. Ich sah die leeren Strassen und Lauben. Es war wie in einer Geisterstadt. Das setzte mir zu.

Im Bundesrat standen Sie alle in der Dauerkritik. Die einen forderten Lockerungen, die anderen strengere Massnahmen. Sorgten Sie sich um den Zusammenhalt im Land?
Das war eine Zerreissprobe. Aber die Mehrheit der Bevölkerung stand hinter diesem Weg. Die Leute wussten, dass wir keine andere Wahl hatten, als einschneidende Massnahmen zu treffen, um die Risikopersonen und das Gesundheitswesen zu schützen. Das spürte ich auch auf der Strasse.

Wie genau?
Etliche sprachen mich an, bedankten sich für unseren Einsatz und zeigten Verständnis für die schwierigen Entscheide, die wir treffen mussten.

Ende dieses Junis hob der Bundesrat früh viele Einschränkungen auf, öffnete das Land. Und nun fragt man sich, ob wir die Freiheit im Herbst mit einem neuen Lockdown büssen, wie Experten mahnen.
Diese Befürchtung teile ich nicht. Die Pandemie ist zwar noch nicht vorbei. Aber ich bleibe optimistisch.

Was gibt Ihnen Hoffnung?
Dass immer mehr Menschen geimpft sind. Das ist entscheidend. Zudem haben wir in der Schweiz gute Impfstoffe, die auch gegen neue Virusvarianten wirken. Deshalb bin ich zuversichtlich, dass wir ohne massive Einschränkungen durch den Herbst und Winter kommen werden.

Auf Ihren Wunsch treffen wir Sie an einer Feuerstelle in Wil. Was verbindet Sie mit dem Ort?
Diese Stadt ist meine Heimat. Als Privatperson bin ich zuerst Wilerin, dann St. Gallerin und erst dann Schweizerin. Wenn ich von Bern komme und den Säntis sehe, geht mir das Herz auf.

Wie oft kehren Sie nach Hause zurück?
Wenn möglich jedes Wochenende. Dann gehe ich einkaufen, schwatze mit Leuten. Ich koche für mich, meinen Mann, meinen Schwiegervater und meinen ältesten Bruder, der verwitwet ist. Ab und zu hole ich alte Rezepte meiner Eltern hervor. Mache Brätchügeli, Ghackets und Hörnli oder Risotto.

Und finden beim Kochen Ihre Ruhe?
Ich tanke auf. Für ein paar Stunden ist das Bundeshaus weit weg, und ich erlebe Alltag. Daheim bin ich nicht Frau Bundesrätin. Ich bin Karin.

Und die ist als Wirtstochter im Restaurant Ilge aufgewachsen. Wie hat Sie das geprägt?
Ich habe miterlebt, wie meine Eltern von morgens früh bis abends spät schuften mussten, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Sie lebten uns Selbständigkeit und Unabhängigkeit vor. Und ich lernte früh, wie weit man es mit Fleiss und Arbeit bringen kann.

Dabei waren Sie die Nachzüglerin, und die wird normalerweise verhätschelt.
Verwöhnt war ich nicht. Ich war zwar ein Wunschkind meines Vaters, der nach drei Söhnen unbedingt noch eine Tochter wollte. Aber deswegen hatte ich keine Sonderrechte. Auch ich musste im Restaurant meine Ämtli übernehmen, musste Flaschen versorgen und das Buffet auffüllen. Ich wurde nicht anders behandelt als die Buben.

Ihre Brüder sind alle viel älter als Sie. Was hiess das in Ihrem Kinderalltag?
Da nahm jeder eine andere Rolle ein. Mein ältester Bruder, der dreizehn Jahre älter ist, musste mich auf Geheiss meiner Mutter noch mit dem Kinderwagen ausfahren. Er wählte das Industriequartier, damit seine Freunde ihn nicht sahen. Der mittlere bastelte und lernte mit mir. Und der jüngste teilte mit mir das Kinderzimmer, gab schon mal den Tarif durch.

Mit drei Brüdern aufzuwachsen, sei ein Stahlbad gewesen, sagten Sie einmal.
Körperlich war ich den Jungs unterlegen. Also musste ich mit Argumenten überzeugen und wurde schlagfertiger. Dank meiner Brüder lernte ich mich durchsetzen. Das hat mir geholfen – in der Politik wie im Privatleben.

Sie wurden früh geprüft. Mit 28 erlitten Sie zwei Fehlgeburten, wie Sie in einem Interview erzählten. Wie einschneidend war das für Sie?
Das waren aufwühlende Momente. Ich spürte nicht nur körperliche, sondern auch psychische Schmerzen. Innerhalb eines Jahres war ich zwei Mal schwanger geworden. Beim ersten Mal war ich sogar schon im Spital, hatte Wehen und verlor mein Kind doch.

Hadern Sie damit, dass Ihre Ehe kinderlos blieb?
Hie und da spüre ich eine leise Wehmut. Wenn ich die Kinder meiner Freunde sehe, frage ich mich, was wohl aus meinen Kindern geworden wäre. Doch ich hadere nicht. Denn ich weiss längst, dass das Leben für mich etwas anderes bereitgehalten hat.

Weil sich nach dem Schicksalsschlag die Türe zur Politik öffnete?
Das war ein zeitlicher Zufall. Aber als Mutter von kleinen Kindern wäre ich wohl nicht so früh in die Politik eingestiegen. Doch so wurde ich mit 28 Gemeinderätin und mit 36 Regierungsrätin.

Als junge Frau waren Sie in der Politik eine Exotin. Wie begegnete Ihnen die männliche Konkurrenz?
Mit Skepsis und Zurückhaltung. In meiner Partei hatten damals vor allem Herren das Sagen. Und die gaben mir zu verstehen, dass sie nicht auf mich gewartet hatten.

Wie taten sie dies?
Schon vor der Regierungsratswahl forderten einige, der Neue müsse ein Mann und Offizier sein. Zudem spürte ich Zweifel, ob «die Junge» dazu fähig ist. Das änderte sich aber rasch, als die Männer merkten, dass auch eine Frau dieses Amt ausüben kann, und bei meinem Abgang meinte ein Kollege sogar scherzend, ich sei «der beste Regierungsrat gewesen».

Sie lachen jetzt. Aber wie reagierten Sie auf all die kleinen Nadelstiche?
Ich stürzte mich in die Arbeit. Denn ich wusste, dass ich mehr leisten musste und weniger Anrecht auf Mittelmass und Fehler hatte als ein Mann.

Heute bekleiden Sie das höchste Amt im Land und gehören als Politikerin noch immer zur Minderheit. Nervt Sie das?
Nein. Denn die Frauen holen auf. Sie sind immer besser ausgebildet, und sie werden in der Politik und in der Wirtschaft in Zukunft eine immer wichtigere Rolle spielen. Diese Entwicklung wird sich fortsetzen – auch ohne starre Vorgaben und Quoten.

Wie sorgen Sie selber für eine bessere Vertretung der Frauen?
Indem ich qualifizierte Frauen einstelle. Mein Generalsekretariat wird heute von Frauen geführt, und im Stab sind 60 Prozent Mitarbeiterinnen. Zudem ermuntere ich immer wieder junge Frauen, in die Politik zu gehen. Und wenn mir Mädchen schreiben, sie möchten Bundesrätin werden, bestärke ich sie, an ihren Traum zu glauben. Denn die Aufgabe ist spannend.

Obwohl Sie ständig im Schaufenster stehen und kritisiert werden?
Damit habe ich leben gelernt, sofern die Kritik nicht auf die Person zielt.

Das geschieht doch immer wieder. So stand in der Zeitung, Sie seien «etwas kühl, spröde und distanziert».
In der Öffentlichkeit verkörpere ich primär das Amt und muss als Justizministerin viele ernste Themen vertreten. Zudem gelten wir St. Galler ja auch ein wenig als «brötig». Aber wer mich näher kennt, der weiss, dass ich alles andere als spröde bin.

Wie sind Sie denn?
Ich bin gesellig, lache gern und mache auch mal «s Chalb».

Äusserlich wirken Sie stets kontrolliert. Was bringt Sie aus der Fassung?
Beim Autofahren kann ich mich mächtig ärgern, wenn ich im Stau stehen muss oder sich einer vordrängelt. Und ich nerve mich, wenn ich in technischen Belangen oder sogar bei kleinen Handgriffen scheitere und meinen Mann zu Hilfe rufen muss.

Wann brauchen Sie derlei Unterstützung Ihres Gatten?
Wenn ich zum Beispiel den Computer zum Absturz bringe. Aber manchmal muss ich schon beim Öffnen einer Konservendose kapitulieren. Denn handwerklich bin ich völlig unbegabt.

Dafür regieren Sie das Land mit. Wie viel freien Raum hat Ihre Agenda?
Nicht allzu viel, aber ich schaffe mir immer wieder Freiräume. Dann gehe ich in der Natur spazieren. Ich höre Musik – Beatles etwa und manchmal auch Punkrock. Oder ich schaue mir einen Thriller an.

Und fiebern richtig mit?
Bei einem guten Film vergesse ich alles um mich herum. Es macht mir Spass, die Handlung und die Hauptpersonen zu analysieren. Ich kombiniere gern und versuche herauszufinden, wer was verbrochen hat oder wie der Film zu Ende geht.

Dann kennen Sie womöglich auch die nächste Frage schon?
Nein. Ich bin keine Hellseherin. Aber lassen Sie mich raten. War es die letzte?

Richtig. Vielen Dank für das Gespräch.

Ultima modifica 29.07.2021

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