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Veröffentlicht am 12. August 2012

"Frauenquote ist ein Reizwort, polarisiert sofort"

Der Sonntag / MLZ

Der Sonntag / MLZ: "Justizministerin Simonetta Sommaruga über Frauenquoten, Familienpolitik und über ihre Erfahrungen, die sie in Norwegen gemacht hat"

Frau Bundesrätin, Sie waren in Norwegen. Und Sie waren beeindruckt über die Integration der Frauen in den Arbeitsmarkt. Ist Norwegen ein Vorbild?
Simonetta Sommaruga: Norwegen ist vor allem in Bezug auf die Familienpolitik ein sehr fortschrittliches Land. Es tut sehr viel, es hat einen Elternurlaub eingeführt, einen Vaterschafts- und Mutterschaftsurlaub. Das Resultat, das sich in Norwegen sehr deutlich zeigt: Vor allem Frauen – aber auch die Männer – müssen sich nicht mehr zwischen Beruf und Familie entscheiden. Beides ist vereinbar. Sie müssen auch nicht zurückstufen, auf gewisse anspruchsvolle Tätigkeiten verzichten. Dafür braucht es allerdings verschiedene Instrumente. In Norwegen zeigte sich: Eltern- und Vaterschaftsurlaub ist ein sehr wirksames Instrument. 90 Prozent der norwegischen Väter nutzen diesen Urlaub heute.

Wichtig ist, dass Frauen auch Kaderjobs erhalten?
Es müssen nicht immer nur Kaderjobs sein. Die Möglichkeiten der Frauen dürfen aber nicht wegen der Familie massiv eingeschränkt werden. Die Norweger sagten sehr deutlich, sie könnten nicht auf das gewaltige Potenzial der sehr gut qualifizierten Frauen verzichten. Ich teile diese Auffassung. In gewissen Studienrichtungen haben wir heute eine Mehrzahl von Frauen, etwa in der Medizin. Auch volkswirtschaftlich haben wir ein Interesse daran, dass die Frauen im Arbeitsmarkt integriert sind. Gerade, wenn sie teure und lange Ausbildungen hinter sich haben, gut qualifiziert sind. Das sind Überlegungen, die sich jeder Staat machen muss.

Auch deshalb, weil die Wirtschaft die Arbeitskräfte heute in der EU holt?
Die Integration der Frauen in den Arbeitsprozess ist auch im Zusammenhang mit der Zuwanderung wichtig. Wir müssen sehen, was wir im eigenen Land abdecken können. Bei den Frauen gibt es noch Potenzial. Wobei ich Frauen nicht gegen Ausländer ausspielen will. Das ist mir wichtig. Wir können auch nicht einfach Ausländer durch Frauen ersetzen. Aber wir haben dort Potenzial, das volkswirtschaftlich und gesellschaftspolitisch von Bedeutung ist.

In der Stadt Bern wird mit höchster Wahrscheinlichkeit eine Frauenquote von 35 Prozent für Kaderstellen ein geführt. Was sagen Sie dazu?
Norwegen hat seit 2006 eine Quote für Verwaltungsräte grosser Firmen. Sie müssen aus mindestens 40 Prozent beider Geschlechter bestehen. Das ist heute problemlos und breit anerkannt. Das zeigt, dass Quoten ein sehr wirksames Instrument sind. Persönlich finde ich dieses Vorgehen nicht sehr schön, aber das Resultat ist interessant. Ganz entscheidend für Quoten ist aber, dass die Voraussetzungen bestehen. Frauen müssen Familie und Beruf vereinbaren können. Nur so gelangen auch Frauen in höhere Positionen, was ihnen wiederum den Zugang zu einem Verwaltungsratsmandat ermöglicht. Die politischen Vorarbeiten müssen also geleistet sein. Dann kann eine Quote Resultate bringen. Das zeigt Norwegen.

Werten Sie es als Signal für die Schweiz, sollte Bern diese Quote einführen?
Die Quoten-Diskussion wird im ganzen europäischen Raum geführt. Auch in Deutschland. Die Frauenquote ist ein Reizwort. Man sollte sich nicht ausschliesslich auf die Frage Quote ja oder nein konzentrieren. Sondern darauf, was man noch tun kann, um Ausgangslage und Chancengleichheit zu verbessern. Dann kann die Quote ein Thema sein. Quoten sind ein hartes, aber effizientes Instrument.

Eine isolierte Quoten-Diskussion bringt nichts?
Nein. Das polarisiert sofort. Das ist schade und wird dem Thema nicht gerecht.

In ihrer Antwort auf die Motion gibt die Stadt Bern zu, dass sie zu wenig Fortschritte gemacht hat.
Die norwegischen Quoten in den Verwaltungsräten und in der Privatwirtschaft zeigen, dass die Frauen in einem bestimmten Segment des Arbeitsmarktes echt nicht integriert sind. Das ist eine Realität. Für einmal war die Politik schneller. Als ich den Norwegern erzählte, dass die Schweizer Regierung für ein Jahr eine Frauenmehrheit hatte, staunten sie. Das erregt Aufmerksamkeit. Wir sind heute in der Politik weiter als in der Privatwirtschaft.