"Für Kinder möchte ich Zeit haben"
Coopzeitung, E. Nydegger
Die CVP hat gegen die im Parlament ausgearbeitete Fristenregelung das Referendum ergriffen. Warum setzen Sie sich dennoch dafür ein?
Während der parlamentarischen Debatte habe ich gemeinsam mit dem Bundesrat das Schutzmodell mit der obligatorischen Beratung verteidigt, leider kam es nicht durch. Ich setze mich jetzt für die Fristenregelung ein, weil es mir wichtig ist, dass das geltende Recht geändert wird. Die Frau soll in den ersten zwölf Wochen selbst entscheiden können, denn sie trägt die Konsequenzen der Entscheidung. Wenn sie sich in dieser Zeit für eine Abtreibung entscheidet, soll sie nicht länger kriminalisiert werden.
Das ist die erste Abstimmung, bei der Sie eine andere Meinung vertreten als Ihre Partei.
Zum Glück ist es nicht immer so! Doch das kann jedem Bundesrat passieren. Ich habe mit der Partei im Rücken schon neun Abstimmungen gewonnen. Natürlich ist es angenehmer, eine Kampagne zusammen mit der eigenen, Partei zu führen.
Schwächt diese Uneinigkeit die CVP?
Keine andere Partei hat die Diskussion um die Fristenregelung so breit, so intensiv und so lange geführt wie die CVP. Es geht um eine Wertefrage, bei der es verschiedene Meinungen gibt. Das zeigt sich auch darin, dass die christlichen Vereinigungen lange nicht alle die gleiche Haltung einnehmen. Ich glaube nicht, dass die CVP gestärkt würde, wenn unterschiedliche Meinungen nicht Platz hätten. Ich sehe Toleranz als Stärke.
Waren Sie nicht dennoch etwas enttäuscht, dass Ihre Haltung an der CVP-Delegiertenversammlung nur so wenig Unterstützung erhielt?
Sagen wir es so: Ich habe mich sehr über den deutlichen Entscheid der CVP-Frauen gefreut, die jetzt zusammen mit mir für das Ja zur Fristenregelung einstehen. Ich wusste jedoch, dass ich nicht mit der Unterstützung der ganzen Partei rechnen konnte. Ich gehe meinen Weg, die Partei geht ihren.
Müssen Sie nicht befürchten, mit Ihrem Engagement die katholisch-konservative Anhängerschaft der CVP vor den Kopf zu stossen?
Ich erhalte viele Briefe, auch von CVP-Anhängern, die Mühe haben mit meiner Position. Für viele Leute in meiner Partei war es ein sehr grosser Schritt hin zu einer Fristenregelung mit Schutzmodell. Das war das äusserste. Weiter wollen sie nicht gehen.
Auch Sie wollten eine obligatorische Beratung der ungewollt schwangeren Frauen vorschreiben. Glauben Sie nicht, dass eine Beratung nur dann gelingen kann, wenn jemand sie selher will?
Über die obligatorische Beratung brauchen wir momentan nicht zu diskutieren, denn am 2. Juni wird darüber nicht abgestimmt. Im Abstimmungskampf kann ich nur immer wieder auf die Wichtigkeit einer ganzheitlichen Beratung hinweisen.
Die Kantone sind seit 1981 verpflichtet, Beratungsstellen für schwangere Frauen einzurichten.
Ja, doch dieses Beratungsangebot muss vielerorts noch verbessert und ausgeweitet werden. Dank der CVP wurde erreicht, dass der Arzt, der den Schwangerschaftsabbruch durchführt, die Frau auf die Beratungsstellen hinweisen muss.
"Ich kann nachvollziehen, dass es Situationen gibt, in denen eine Frau abtreibt"
Welches wären die Folgen, wenn die Fristenregelung von der Mehrheit abgelehnt würde?
Ich würde mich verpflichtet fühlen zu überlegen, wie es weitergehen soll. Das CVP-Schutzmodell ist als parlamentarische Initiative platziert. Es gibt jedoch bei einem Nein keine Garantie, dass es realisiert wird. Ich würde mich auf jeden Fall verantwortlich fühlen, dass nicht über Jahre nichts mehr geht in dieser Frage.
Glauben Sie, dass die Fristenregelung vom Stimmvolk, angenommen wird?
Ich bin eigentlich zuversichtlich, obwohl ich sicher nicht alle Bürger und Bürgerinnen werde überzeugen können. Mein Ziel ist es, dass diejenigen, die für die Fristenregelung sind, tatsächlich an die Urne gehen. Ich werde auch nicht müde zu wiederholen, dass mein Ja zur Fristenregelung kein Ja zur Abtreibung ist. Das ist mir für mein Innerstes wichtig - obwohl ich nachvollziehen kann, dass es Situationen gibt, in denen eine Frau abtreibt.
Welche begleitenden Massnahmen braucht es, damit die Zahl der Abtreibungen möglichst tief gehalten werden kann?
Sehr wichtig scheint mir gute Beratung über Empfängsnisverhütung. Ob eine Frau ein Kind auf die Welt bringen will, hängt aber auch von familienpolitischen Rahmenbedingungen ab. Wir brauchen in der Schweiz eine Mutterschaftsversicherung, mehr Kinderkrippen und mehr Möglichkeiten für Teilzeitarbeit, und zwar für Männer genauso wie für Frauen.
Sie setzen sich auch dafür ein, dass Verhütungsmittel kassenpflichtig werden.
Um diese Frage kommt man einfach nicht herum. Abtreibungen sind kassenpflichtig. Ebenso die Mutterschaft und Geburt. Ich bin nicht jemand, der meint, dass alle möglichen - und unmöglichen Dinge von der Krankenkasse übernommen werden sollen. Doch eine übernahme der Kosten für Verhütungsmittel wäre meines Erachtens wirklich ein Beitrag zur Prävention, zur Vermeidung unnötiger Schwangerschaftsabbrüche.
Welches sind für Sie die wichtigsten Gründe, die gegen ein faktisches Abtreibungsverbot sprechen, wie es die Initiative möchte?
Wir haben auch bei der Fristenregelung das Dilemma zwischen dem Selbstbestimmungsrecht der Frau und dem Schutz des werdenden Lebens. Wenn nur noch abgetrieben werden darf, wenn die Mutter in Lebensgefahr ist, wie es die Initiative verlangt, zeugt das für mich von mangelndem Respekt gegenüber der Frau. Wenn nicht die Frau entscheidet, wer dann? Das Ziel von möglichst wenig Abtreibungen wird mit der Initiative sicher nicht rreicht.
Nicht einmal nach einer Vergewaltigung wäre eine Abtreibung erlaubt.
Das kann für eine Frau eine enorme Belastung sein, wenn sie gezwungen ist, so eine Schwangerschaft fortzusetzen. Eine solche Situation könnte auch für das Kind eine grosse Belastung sein. Es ist für mich kein gangbarer Weg, einfach zu sagen, die Frau könne so ein Kind zur Adoption freigeben. Aber ich verstehe auch, wenn eine Frau auch im Fall einer Vergewaltigung ihr Kind behalten will.
Wie empfinden Sie den Abstimmungskampf?
Bis jetzt eher ruhig und einigermassen respektvoll. Ich bin froh, dass ich erreichen konnte, dass beide Vorlagen gleichzeitig vors Volk kommen, so dass wir dieselbe Diskussion nicht zwei Mal führen müssen.
Sagt Ihnen Ihr Leben als Bundesrätin eigentlich zu?
Ja sehr, ich habe den Entscheid bisher nie bereut. Sicher verzichtet man ein Stück weit auf ein normales Leben. Ich hätte gerne mehr Zeit für meinen Mann, für meine Familie und für meine Freunde.
Wäre Ihre Tätigkeit mit einer Mutterschaft vereinbar?
Sicher ist das möglich. Es gab ja auch schon Bundesräte mit schulpflichtigen Kindern. Doch für mich persönlich stelle ich es mir nicht so vor.
"Auch als Mutter möchte ich berufstätig sein, aber nicht in diesem Umfang"
lch möchte bestimmt auch als Mutter weiterhin berufstätig sein, aber nicht in diesem Umfang, wie ich es als Bundesrätin bin. Ich möchte meine Kinder nicht fast rund um die Uhr betreuen lassen, ich möchte auch Zeit haben für meine Kinder.