Zum Hauptinhalt springen

Veröffentlicht am 22. Juni 2003

"Gewalt fängt im Kleinen an"

Sonntagsblick, Hannes Heldstab

Frau Bundesrätin, was sagen Sie als Justizministerin zu der Eskalation der Jugendgewalt in den letzten Monaten?
Die aktuellen Ereignisse in der Westschweiz und in Bern machen mich sehr betroffen und stimmen mich nachdenklich. Jede Art von Gewaltanwendung, sei es nun von Jugendlichen oder von Erwachsenen, verurteile ich aufs Schärfste. Die Situation zeigt klar auf, dass wir uns noch intensiver mit den Fragen und Sorgen der jungen Generation auseinandersetzen müssen.

Körperverletzung und Tätlichkeiten nehmen generell zu, das zeigt die Kriminalstatistik. (z.B. Bern + 1,8 % im Jahr 2002 auf 552 Fälle mit bekannter Täterschaft ). Wie erklären Sie diese Zunahme der Gewaltbereitschaft?
Mich beschäftigt die Zunahme sehr und ich kann die steigende Angst der Bevölkerung gut verstehen. Trotz des Anstiegs in einzelnen Bereichen müssen wir die Zahlen dieser Statistik vorsichtig bewerten und dürfen nicht dramatisieren. Vielmehr stellt sich die Frage, wie wir mit dem Thema Gewalt an sich künftig umgehen werden und was wir auf politischer und gesellschaftlicher Ebene dagegen tun können.

Wo sehen Sie Gründe und Ursachen für wachsende Jugendgewalt?
Ich glaube nicht, dass es dafür eine pauschale Antwort gibt. Gerade bei jungen Menschen finden wir die verschiedensten Motive. Eines ist für mich klar: Gewalt fängt meistens im Kleinen an. Das heisst in der Familie, in der Schule oder im persönlichen Umfeld der Menschen. Es gibt leider viele gewaltfördernde Faktoren in der Gesellschaft: Fehlende Perspektiven - vor allem beruflicher Art, Leistungsdruck, kulturelle Veränderungen und Vieles mehr.

Was wollen Jugendliche mit ihren sinnlosen Gewaltakten, wo es nicht um Materielles geht, Ihrer Ansicht nach erreichen? Oder demonstrieren?
Sehen Sie, gerade junge Menschen zwischen 12 und 18 Jahren befinden sich in verschiedenster Weise in einem Ablösungs- und Loslösungsprozess von Eltern und Schule. Es geht darum, Grenzen auszuloten, Freiheiten zu entdecken . Es sind ständig wechselnde Gefühle und Ansichten mit im Spiel. Einstellungen können sich über Nacht ändern. Das war doch bei uns nicht anders. - Schon zu meiner Zeit hat esGewalt unter Jugendlichen gegeben, nur die Mittel sind brutaler geworden: Schlug man früher noch mit der Faust zu, ist's heute ein Messerstich.

Welche Rolle spielen dabei Langeweile, Perspektivlosigkeit, Frust über eine Gesellschaft und die Rolle, die Junge darin spielen sollten? Oder müssen, ohne es zu wollen?
Nicht nur die von Ihnen erwähnten Faktoren sind hier zu erwähnen, denn nicht selten spielt auch ein zu hoher Leistungsdruck eine wichtige Rolle. Dieser mündet dann vielleicht in Perspektivlosigkeit und endet in Unzufriedenheit und Frustrationen. Junge Menschen haben es schwer in unserer heutigen Gesellschaft, das Angebot ist übersättigt, die Gesellschaft schnelllebig und nur auf Konsum ausgerichtet; viele Junge sind damit überfordert oder wollen das nicht.

Wie beurteilen Sie den Einfluss von brutalen Video-Games, Gewalt in Film und am TV auf die Jugendlichen?
Viel zu gross! Es ist erwiesen, dass bildlich dargestellte Gewalt einen negativen Einfluss auf Jugendliche haben kann. Die Hemmschwelle wird geringer, es findet eine eigentliche Abstumpfung statt. Doch damit haben nicht nur Jugendliche Mühe, auch bei Erwachsenen ist der Umgang mit den heutigen modernen Medien - insbesondere auch dem Internet - eine gesellschaftliche Herausforderung, deren Lernprozess wohl noch Jahrzehnte dauern wird.

Brauchen wir mehr Polizei für unsere Sicherheit gegen Jugendbanden?
Achtung, mit repressiven Massnahmen allein lässt sich dieses Problem nicht lösen! Natürlich braucht es kurzfristig auch harte Kontrollen und ein entschiedenes Vorgehen der Polizei. Doch müssen wir gerade bei den jungen Menschen vermehrt bei der Erziehung, Bildung und Ausbildung ansetzen. Auch aktive professionelle Mediation, wie zum Beispiel im Jugendstrafrecht vorgesehen oder Mediation wie sie in Zürich an den Schulen praktiziert wird, kann ein guter Ansatz sein.

Was muss jetzt sofort unternommen werden?
Es braucht keine überhasteten Massnahmen. Das Thema Gewalt, sei es nun bei jugendlichen oder erwachsenen Personen, müssen wir seriös mit Bedacht und nicht einzig durch die repressive Brille betrachten. Ich möchte auch davor warnen, nun pauschal von kriminellen Jugendlichen zu sprechen. Die meisten jungen Menschen verhalten sich vorbildlich und sind "zwäge Typen".

Welche Vorschläge haben Sie für die Präventionsarbeit?
Da geht es nach dem Leitsatz "das eine Tun und das andere nicht Lassen". Wir dürfen nichts unversucht lassen. Insbesondere sehe ich Handlungsbedarf bei der Sensibilisierung: Die verschiedenen Formen von Gewalt müssen in der Familie, in den Schulen und in Jugendorganisationen thematisiert werden. Das Wissen über Ursachen und Wirkung kann durchaus präventiven Charakter haben.

Haben Sie persönlich schon Gewalt in ähnlicher Form erlebt?
Als Justiz- und Polizeiministerin habe ich von Berufes wegen oft mit Gewalt in den verschiedensten Formen zu tun. Ich persönlich habe diese Art von Gewalt, von der wir jetzt sprechen, noch nicht erleben müssen.