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Veröffentlicht am 6. April 2008

"Ich erhalte im Moment sehr viele Blumen"

Sonntag / MLZ, Othmar von Matt

Sonntag/MLZ: "Es sei ein schwieriger Moment gewesen, als Bundespräsident Pascal Couchepin die SVP-Erklärung in der Regierungssitzung vorgelesen habe, sagt Eveline Widmer-Schlumpf . "

Frau Bundesrätin, Sie erhielten eine schriftliche Drohung, dass Sie durch Scharfschützen umgebracht werden sollen. Haben Sie Angst?
Zur Art der Drohung sage ich nichts. Die Sicherheitsvorkehrungen sind normal. Ich habe aber keine Angst. Auch im Bündnerland gab es Bedrohungen, wenn auch anderer Art. Dort waren es die Gefahren der Natur.

Nur wurden Sie in Graubünden nie mit so happigen Drohungen konfrontiert.
Ich habe auch dort schon schwierige Situationen erlebt und hatte eigentlich nie Angst. Ich werde jetzt nicht plötzlich anfangen, mich einschüchtern zu lassen.

Weshalb haben Sie den Sechseläuten-Auftritt abgesagt?
Ich war schon oft am Sechseläuten, auch während meiner Zeit als Studentin in Zürich. Ich mag diesen Anlass sehr. Und ich weiss aufgrund jahrelanger Erfahrung, dass die Polizei absolut in der Lage ist, die Sicherheit zu gewährleisten. Nur hätte sie aufgrund der Situation unverhältnismässig grosse Sicherheitsmassnahmen treffen müssen. Es stellte sich die Frage: Welcher Aufwand ist gerechtfertigt, um eine Person zu schützen, die zwar Freude hat, an einem bestimmten Anlass teilzunehmen, ihn aber nicht zwingend besuchen muss – weil das kein Pflichtbesuch ist. Als ehemalige Finanzdirektorin und auch als Steuerzahlerin sagte ich mir: Der Aufwand muss verhältnismässig sein.

Warum haben Sie sich entschieden, nicht an die SVP-Delegiertenversammlung in Lungern zu gehen?
Bundesrat Samuel Schmid und ich werden nicht an die Delegiertenversammlungen eingeladen. Unter diesen Umständen auf einem Auftritt zu bestehen, wäre eine Provokation gewesen. Das ist nicht meine Art. Ich lasse mich weder von der SVP-Parteiführung provozieren noch provoziere ich selber.

Haben Sie wegen der schwierigen Situation einen besonders engen Kontakt zu Samuel Schmid aufgebaut?
Als Bündner Militärdirektorin hatte ich mit Herrn Schmid ohnehin stets Kontakt.

Zwei Vertreter von Schmids Verteidigungsministerium tauchten am Donnerstag an Ihrer Medienkonferenz auf. Wussten Sie das?
Nein, das hat für mich aber auch keine Bedeutung. Ich darf sagen, dass ich mit den anderen Bundesrätinnen und Bundesräten guten Kontakt habe. Und ich fühle mich in der Regierung sehr stark unterstützt.

Fand eine Solidarisierung statt?
Ich fühle mich getragen durch meine Kolleginnen und Kollegen. Die Regierung wird wieder verstärkt als Kollegium wahrgenommen, das seine Arbeit gemeinsam weiterführen möchte. Sie unterstützten mich am Mittwoch, als das Schreiben der SVP-Parteileitung eintraf. Dieses war ja nicht gerade zurückhaltend verfasst. Das war ein schwieriger Moment.

Die Regierung befand sich in einer Klausur, als das Schreiben öffentlich wurde, in dem die SVP Ihren Ausschluss fordert. Kam das Schreiben direkt in die Regierung?
Bundespräsident Pascal Couchepin hat das Schreiben erhalten. Er hat uns während der Klausur informiert. Das war für mich ein sehr spezieller Moment. Und es ist schön, wenn Kolleginnen und Kollegen sagen: Wir helfen, wir unterstützen.

Wie lange sprach die Regierung über das SVP-Schreiben?
Das kann ich nicht sagen, ich musste sofort einige Telefonanrufe erledigen.

Sie sprachen davon, dass Sie starke Unterstützung erfahren. Wie?
In verschiedenster Form. Ich erhalte sehr viele E-Mails, SMS und Telefonanrufe. Und im Moment auch sehr viele Blumen.

Auch Drohungen?
Solche gab es immer wieder. In den letzten Tagen aber kaum mehr. Inzwischen dominiert ganz klar die Seite, die sagt: Das muss man jetzt durchstehen. Ich werde oft gebeten, durchzuhalten. Das passiert auch ganz spontan auf der Strasse, wenn mich Menschen, die mir völlig unbekannt sind, ansprechen.

Was mit Ihnen geschieht, ist für die Schweiz einzigartig. Sie kennen die politischen Verhältnisse bestens, auch dank Ihrem Vaters Leon Schlumpf. Bereitet Ihnen die Entwicklung Sorgen?
Ich begann als Kassiererin in meiner SVP-Ortssektion und bin jetzt seit dreissig Jahren in der Politik. Die Stärke dieser Entwicklung ist überraschend und bereitet mir tatsächlich Sorgen. Ich denke, das kann nicht der Stil sein, wie man miteinander umgeht. Selbst wenn man unterschiedliche Auffassungen hat. Ich vertrete in Sachfragen klare und dezidierte Haltungen, habe aber in vielen Jahren eines gelernt: Will man in unserem Land Resultate erzielen, muss man andere Meinungen zumindest akzeptieren, mit Respekt und Toleranz. Und Resultate muss man erzielen. Denn man muss gemeinsam vorwärts gehen. Das ist meine Art zu politisieren.

Werden Sie das Opfer einer Säuberung?
Ich komme mir nie als Opfer vor. Weil ich mich weigere, Opfer zu sein.