"Ich verdrücke schon mal Tränen im Kino"
Aargauer Zeitung, Rüdi Steiner, Daniel Fuchs
Bundesrätin Simonetta Sommaruga eröffnet heute in Solothurn die Filmtage.
Frau Bundesrätin, heute beginnen die Solothurner Filmtage, Sie werden die Eröffnungsrede halten. Gehen Sie überhaupt noch ins Kino oder halten Sie in Solothurn einfach eine Ansprache?
Ich gehe ins Kino.
Häufig?
Das wäre übertrieben. Weniger oft, als ich das gerne täte. Ich habe keinen fixen Rhythmus, gehe aber immer wieder. Manchmal ganz spontan, wenn zum Beispiel eine Sitzung ausfällt.
Was schauen Sie sich dann an?
Vieles. Sie finden mich aber eher in Stadtkinos als in Multiplex-Tempeln.
Welche Filme haben Sie zuletzt gesehen?
In den letzten beiden Wochen habe ich "Marina Abramovic: The Artist Is Present" und "Messies – ein schönes Chaos" gesehen. Zwei sehr unterschiedliche, sehr eindrückliche Filme.
Heulen Sie im Kino?
Ja, ich verdrücke schon mal Tränen im Kino. Im Gegensatz zu früher versuche ich, sie abzuwischen, bevor ich den Saal verlasse. Mich kann man schon zu Tränen rühren. Nicht nur im Kino. Ich bin eine grosse Leserin, auch da verdrücke ich ab und zu Tränen. Kino ist das Medium, mit dem man mich berühren kann. Da ist Musik, Bild und Sprache, das Ganze im Dunkeln – ich liebe das und lasse mich gerne entführen. Ich schätze auch das Gefühl, aus dem Kino zu kommen: Dann ist die Welt etwas entrückt und die Sichtweise kann sich verändert haben. Das alles kann Kino.
Haben Sie Lieblingsfilme?
Ich bin nicht so der Lieblingstyp. Ein Film, der mich schon lange fasziniert, ist Coppolas "Der Pate". Das war schon so, bevor ich es als Vorsteherin des EJPD mit der organisierten Kriminalität zu tun bekam.
Schauen Sie sich auch Filme am Fernsehen an?
Nein, eher nicht. Wenn ich fernsehe, dann eher Opern.
Und am Computer, als Download?
Nein, das mache ich nicht, ich kaufe mir DVDs. Ich bin vielleicht etwas altmodisch. Als Justizministerin beschäftige ich mich aber damit, etwa wenn es um Urheberrechtsfragen geht.
Das Kinosterben geht um. Grosse Multiplex-Kinos laufen den kleinen Stadtkinos den Rang ab. Immer mehr Filme werden synchronisiert. Geht bei dieser Entwicklung nicht etwas verloren?
Veränderungen haben die Kultur seit Jahrhunderten begleitet, sie verändert sich selbst ja auch. Es ist ein Wechselspiel mit gesellschaftlichen und technischen Verschiebungen. Dabei etwas zu bedauern oder zu verhindern, wäre falsch.
Kommen wir zu den Solothurner Filmtagen: Gehen Sie gerne hin?
Ja sicher! Der Film ist ein wichtiger Teil unseres Kulturschaffens. Und wir dürfen stolz sein auf das Schweizer Filmschaffen.
Waren Sie schon mal an den Filmtagen?
Es ist meine Premiere. An den Solothurner Literaturtagen war ich hingegen schon.
Ein Film, der Sie im vorletzten Jahr auch persönlich gefordert hat und 2012 in Solothurn den "Prix de Soleure" bekommen hat, ist jener über Ausschaffungsflüge, "Vol spécial". Sie haben öffentlich über den Film diskutiert. Wieso?
Der Film geht einem wirklich an die Nieren. Zwangsausschaffungen sind ein sehr heikles Thema. Der Film hat es geschafft, die Öffentlichkeit für dieses Thema zu sensibilisieren. Das habe ich sehr begrüsst und mich deswegen auch der Diskussion mit dem Filmemacher und dem Publikum gestellt. Als Politikerin will und muss ich mich damit auseinandersetzen. Das war in diesem Fall nicht einfach. Es braucht gegenseitigen Respekt, und der war hier vorhanden.
Was hat diese Debatte in Ihnen ausgelöst?
Zwangsausschaffungen sind eine Ultima Ratio. Mir ist wichtig, dass Flüchtlinge bei uns Schutz finden und Asylsuchende ein rechtsstaatlich korrektes Verfahren bekommen. Wenn Asylgesuche aber rechtskräftig abgewiesen werden, haben diese Menschen die Möglichkeit, die Schweiz freiwillig zu verlassen.
Wünschten Sie sich mehr Filme wie jene des "Vol spécial"-Filmers Fernand Melgar?
Es gibt viele Kulturschaffende in der Schweiz, die sich heute mit aktuellen, existenziellen und letztendlich politischen Fragen auseinandersetzen. In welcher Form sie das machen, dabei sind sie frei. Das müssen nicht nur Filme sein. Die Kunst macht das mit ihren Instrumenten, mit ihren Mitteln. Sie kann unsere Wahrnehmung schärfen und uns helfen, eine andere Position einzunehmen und die eigene Sichtweise zu überprüfen. Es könnte schliesslich auch der andere recht haben. Dieses Hinterfragen schätze ich, gerade auch als Politikerin.
Ist es Ihnen schon passiert, dass Sie nach einem Film das Kino mit einer anderen Meinung verlassen haben, als sie es betreten haben?
(lacht) So einfach geht das nicht. Ich habe jüngst den Film "Conversation nocturne" gesehen, einen Film über die Pianistin Martha Argerich, die ich über alles bewundere. Der Film zeigt, wie sie arbeitet, wie sie pädagogisch tätig ist. Das hat mich sehr bereichert. Das kann Kunst eben auch. Sie muss nicht immer vordergründig politisch sein. Kultur ist für mich Sauerstoff, nicht nur für mich, sondern für die ganze Gesellschaft. Man merkt erst, wenn man zu wenig davon hat, wie wichtig sie für unser Leben ist.
Doch gerade der "Vol spécial"-Filmer Melgar wurde kritisiert, er würde ohne eigenes Zutun nur die Kamera draufhalten. So mache er sich zum Komplizen derjenigen, die Unschuldige ausschaffen.
Kunst muss nicht umfassend, nicht gerecht, nicht ausgewogen sein. Sie darf einseitig und parteiisch sein und sich auf Ausschnitte beschränken. Wichtig ist, dass sie bewegt, Debatten auslöst oder für Gegenreaktionen sorgt. Dann ist Kunst für mich auch hochpolitisch. Der Film von Fernand Melgar hat das geschafft. Dafür bin ich ihm sehr dankbar.
Wissen Sie, was mit seinen Protagonisten passiert ist?
Wir sind einzelnen Fällen nachgegangen, ja.
Werden Sie sich auch die Fortsetzung von "Vol spécial", "Le monde est comme ça", die das Schicksal der Ausgeschafften zeigt, ansehen?
Ja, das habe ich vor.