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Veröffentlicht am 17. November 2011

"Lektüre gehört dazu wie Essen und Trinken"

Basler Zeitung. Miriam Glass

Basler Zeitung: "Was liest eine Bundesrätin? Ausschliesslich Akten und Dossiers oder auch Bücher? Heute Abend eröffnet Justizministerin Simonetta Sommaruga die BuchBasel – und hat der BaZ zu diesem Anlass verraten, welche Bücher sie geprägt haben und auf welche Art von Literatur sie verzichten kann."

Frau Bundesrätin, wann haben Sie zuletzt ein Buch gelesen?
Ich habe immer ein Buch auf dem Nachttisch und lese jeden Abend.

Das schaffen Sie in Ihrem Alltag als Bundesrätin?
Manchmal sind es vielleicht nur ein paar Seiten. Aber ein Tag, an dem ich nicht gelesen habe, ist für mich ein verlorener Tag.

Was lesen Sie?
Gerade habe ich mit "Es geht uns gut" von Arno Geiger begonnen. Das letzte Buch, das ich fertig gelesen habe, ist "Nach Hause schwimmen" von Rolf Lappert. Da ist ihm ein Wurf gelungen. Sprachlich ist es sehr spannend, und die Figuren wachsen einem ans Herz. Ich habe mich jeden Abend gefreut, weiterlesen zu können.

Sie eröffnen die BuchBasel. Was ist Ihre Beziehung zur Literatur?
Bücher sind eine Konstante in meinem Leben, seit ich mich erinnern kann. Ich komme aus einem Verlegerhaushalt. Literatur gehört zu meinem Leben wie Essen und Trinken.

Gibt es ein Buch, das Sie besonders geprägt hat?
In verschiedenen Lebensphasen spielen verschiedene Bücher eine Rolle. Eines, das seit Jahren wichtig ist in meinem Leben, ist "Paradise Lost" von John Milton.

Warum?
Es ist ein grosses Epos, ein Gedicht zur Schöpfungsgeschichte eigentlich aus dem 17. Jahrhundert. Und es war für mich eine Offenbarung, was den Inhalt, aber auch was die Sprache betrifft. Allerdings ist es nicht leicht zu lesen, besonders im Englisch des 17. Jahrhunderts.

Sie verstehen das?
Ja, ich habe ja mal ein Anglistikstudium angefangen. Aber es ist schwere Kost, man muss sich intensiv darauf einlassen. Ein weiteres prägendes Buch war für mich "Moby Dick" von Herman Melville. Diese Walfängergeschichte habe ich mehrmals gelesen. Auch da fasziniert mich die Sprache. Lateinamerikanische Autoren haben mich ebenfalls begleitet in meinem Leben. Und indische Literatur. "Das Gleichgewicht der Welt" von Rohinton Mistry war für mich ein Schlüsselbuch.

Lesen Sie jedes Buch zu Ende?
Wenn ich nach hundert Seiten noch nicht Feuer gefangen habe, höre ich auf. Aber das ist selten. In der Regel bin ich hartnäckig und bleibe dran.

Ihr Mann Lukas Hartmann ist Schriftsteller. Lesen Sie alles, was er schreibt?
Ja, jedenfalls alles, was er mir zeigt. Seine Bücher höre ich allerdings meistens, bevor ich sie lese, denn er liest sie mir vor, während er daran arbeitet. Mein erster Eindruck von seiner Literatur ist also ein Hör-Eindruck. Wenn man intensiv zuhört, merkt man gut, wann einen Literatur packt und wo es Längen gibt.

Sind Sie eine kritische Zuhörerin?
Wir geben einander gegenseitig Rückmeldungen auf unsere Arbeit. Offen und, wenn es sein muss, auch durchaus kritisch.

Reden Sie in Ihrer Ehe öfter über Literatur oder über Politik?
Da gibts keine Abmachung. Wir besprechen das, was gerade im Vordergrund steht.

Gute Literatur beschäftigt sich oft mit grossen Lebensfragen. Welche Themen suchen Sie in der Literatur?
Ich glaube nicht, dass ich Themen suche. Sondern ich erwarte, dass Literatur mich berührt, meine Fantasie anregt und mich inspiriert. Natürlich kümmert sich Literatur um die ganz grossen Fragen: Wer sind wir, wo kommen wir her, wo gehen wir hin? Was vermag Liebe, wie kommt Hass zustande? – Aber gute Literatur verknüpft diese Fragen mit dem Besonderen, Individuellen, und das ist das Faszinierende.

Kann Literatur zur Lösung politischer Fragen beitragen?
Das ist nicht meine Erwartung an Literatur.

Sie hat also nichts mit Ihrem Alltag als Politikerin zu tun?
Doch. Literatur weitet die Vorstellungskraft und vielleicht auch das Verständnis für die Widersprüche im Menschen. Und gerade in meinem Departement haben viele Themen mit Widersprüchen zu tun – von Suizidhilfe über Asylpolitik bis zu Zwangsheiraten. Da ist es wichtig, die eigene Vorstellungskraft zu erweitern. Ausserdem regt Literatur auch die Kreativität an. Kreativität ist in der Politik wichtiger, als man meint. Literatur hilft also vielleicht nicht unmittelbar, Probleme zu lösen. Aber sie hilft, an schwierige Probleme mit einer kreativen Haltung heranzugehen.

Auf welche Bücher könnten Sie verzichten?
Auf alle, die langweilig sind.

Fällt Ihnen ein konkreter Titel ein?
Wie die meisten Leute lese ich am liebsten Bücher, die ich empfohlen bekomme, die schon jemand gelesen und sozusagen "vorgekostet" hat. Aber es kann natürlich sein, dass mich ein Buch nicht packt.

Sind Sie zu zurückhaltend, um zu sagen, welches Buch Sie langweilig finden?
Eigentlich habe ich da keine Hemmungen, auch als Bundesrätin nicht – aber jetzt fällt mir wirklich keines ein. Was ich nicht lese, ist ScienceFiction. Das ist ein Genre, das mich nicht so anspricht. Aber das ist sehr individuell und heisst nicht, dass diese Bücher überflüssig sind.

Wann haben Sie das letzte Mal beim Lesen geweint?
Das behalte ich lieber für mich. Häufiger passiert es mir, dass ich lachen muss beim Lesen. Sehr gern und sehr herzhaft. Zum letzten Mal bei der Erzählung "Juckreiz" im neuen Buch von Franz Hohler. Oder auch bei "Der Goalie bin ig" von Pedro Lenz.

Sie sind ausgebildete Pianistin. Welche Kunstform berührt Sie am meisten?
Inspirierend finde ich alle Formen von Kunst. Aber es gibt Augenmenschen und es gibt Ohrenmenschen. Ich bin eher ein Ohrenmensch. Gesang berührt mich wohl am meisten von allen Künsten.

Warum?
Wenn ich das wüsste. Vielleicht weil es eine Form des Ausdrucks ist, die ausschliesslich durch den Körper geschieht, da gibt es kein Instrument, kein Hilfsmittel. Der Körper selber ist Ausdruck und Klang.

Was können Bücher, was Musik nicht kann?
Literatur kann einen unmittelbar im Alltag abholen. Zum Beispiel die Kurzgeschichten des Amerikaners Raymond Carver – etwas vom Besten, was ich je gelesen habe. Das sind Geschichten aus dem Alltag, die dann oft eine absurde Wendung nehmen, an die man nie gedacht hätte und die einem den Boden unter den Füssen wegzieht. Diese Verbindung von ganz Alltäglichem mit neuen Horizonten kann Musik wohl nicht wie Literatur herstellen. Sie wirkt anders, abstrakter. Dafür kommt sie ohne Sprache aus.

Haben Sie ein elektronisches Lesegerät?
Nein. Ich habe Bücher gern in der Hand. Und unterwegs habe ich in der Regel keine Romane dabei, sondern Dossiers. Aber auch die lese ich gern. Es wäre falsch zu meinen, nur Literatur sei ein Genuss und alles andere anstrengend oder langweilig.

Was sind Ihre Erfahrungen mit dem Schreiben – verfassen Sie Ihre Reden selber?
Eine Bundesrätin kann nicht alles selber schreiben. Die Kunst ist, Leute zu finden, die so schreiben können, dass es ganz meinen Vorstellungen entspricht. Mir ist wichtig, mich so auszudrücken, dass jeder versteht, worum es geht. Man kann komplexe Probleme in einfache, klare Sprache fassen. Das ist ein hoher Anspruch, gerade im Justizdepartement, wo vieles technisch und juristisch ist. Aber ich lege grossen Wert darauf.

Sie schreiben nie selbst?
Doch, natürlich, bloss nicht mehr alles. Ab und zu immer noch Sprechnotizen für meine Voten im Parlament. Ich schreibe eigentlich sehr gern. Weil es eine Art ist, die eigenen Gedanken zu formen. Wie einen Teig, den man knetet, und am Schluss gibt man ihm eine Form. Wenn man weiss, was man sagen will, dann findet man auch die Sprache dafür. Das kann ein aufwendiger und anstrengender Prozess sein, aber es lohnt sich.

An der BuchBasel wird der Schweizer Buchpreis verliehen, vier Autoren und eine Autorin sind nominiert. Wer ist Ihr Favorit?
Ich habe die nominierten Bücher noch nicht gelesen und möchte mir kein Urteil anmassen. Und als Justizministerin halte ich mich an die Gewaltentrennung (lacht). Deshalb mische ich mich nicht in die Entscheide einer autonomen Jury ein. Aber ich bin gespannt.

Sie haben in diesem Interview bereits einige Buchempfehlungen abgegeben. Trotzdem: Was ist Ihr Lieblingsbuch?
Ich habe mindestens hundert liebste. Was soll ich jetzt sagen? Dürfen es mehrere sein?

Gern.
Dann nenne ich die Bücher von vier Frauen – genauso viele, wie im Bundesrat sitzen: "Le grand Cahier" von Agota Kristof. Ein verrücktes Buch, das man aber auch ertragen können muss, ein hartes Buch mit harter Sprache. Von Arundhati Roy "Der Gott der kleinen Dinge" – ein wichtiges Buch für mich als Indien-Liebhaberin. Ausserdem gefällt mir Birgit Vanderbekes "Das Muschelessen". Und von Julia Franck habe ich kürzlich "Die Mittagsfrau" gelesen – auch sehr empfehlenswert.