"Meine Meinung kippt selten"
Schweizer Familie, Roland Bingisser
Schweizer Familie: "Die Bundesrätin mag harte sachliche Diskussionen und scheint immun gegen Anwürfe und Beschimpfungen. Eveline Widmer-Schlumpf erzählt, wie sie gelernt hat, sich "innerlich zu imprägnieren"."
Frau Widmer, am 1. August reden Sie in Berlin in der Schweizer Botschaft . . .
. . . und ziehe mit dreihundert Geissen durch das Brandenburger Tor - sozusagen als Heidi. Geissen sind widerstandsfähig, sie symbolisieren meine bergige Heimat.
Also kommt Geissbock Zottel, das Maskottchen der SVP, nicht mit?
Nein.
Der Geissenpeter aber schon?
(zum neben ihr sitzenden Mann) Kommst du auch mit? - Ja, er kommt mit.
Worüber werden Sie in Berlin reden?
Über die unterschiedlichen Kulturen in der Schweiz und das gemeinsame Finden politischer Lösungen für das Land. Und über den Kanton Graubünden.
Dort, im multikulturellen Graubünden, haben Sie gelernt, miteinander statt gegeneinander zu politisieren.
Ich führte harte Diskussionen, unterstützte aber stets die Entscheide der Regierung, auch wenn sie nicht meiner persönlichen Haltung entsprachen. Immer wieder dieselben Themen diskutieren, nur weil einem Entscheide nicht passen, blockiert die Politik. Gegen dieses Treten an Ort wehre ich mich.
Dieses Treten an Ort blockierte unter anderem Fragen zur Umwelt. Sind Sie für den Bau neuer Atomkraftwerke?
In erster Linie müssen wir die bestehenden AKW auf den modernsten Stand der Technik bringen. Wer aber sagt, wir brauchen keine neue AKW, der muss konkrete Alternativen aufzeigen. Wobei alternative Energien durchaus Potenzial haben.
Für welche schlägt Ihr Herz?
Für die traditionell bündnerische: Wasserkraft. Auch die Solarenergie wird in der Schweiz noch mehr Bedeutung erhalten.
Ausserdem schlägt Ihr Herz für den Damenturnverein Felsberg, bei dem Sie Mitglied sind.
Seit einigen Jahren nur noch passiv. Und ins Fitnesscenter gehe ich aus Zeitmangel nicht mehr regelmässig, seit ich während der Woche in Bern wohne. Früher ging ich wenn möglich einmal pro Woche mit meinem Mann hin.
Stattdessen halten Sie sich in Bern mit einem Gummiband fit, das die Leiterin des Turnvereins Ihnen mitgegeben hat?
Ja, fast jeden Morgen.
Sind Sie noch im Felsberger Gospelchor?
Momentan nicht.
Gospel sind religiöse Lieder. Sind Sie religiös?
Ich bin reformierte Christin, gehe jedoch nicht jeden Sonntag in die Kirche. Ich diskutiere aber sehr gerne mit Pfarrern über Gott und die Welt.
Akkordeon und Klavier spielen Sie noch?
Akkordeon nur noch selten, Klavier gelegentlich mit der Familie.
Apropos Familie: Die riet zur Annahme der Bundesratswahl, weil Sie «einer Aufgabe nie ausweichen». Empfinden Sie Ausweichen als Schwäche?
Grundsätzlich schon, ja. Ich möchte Aufgaben immer lösen.
Sie stellen sich jeder Aufgabe?
Nicht jeder. Ein Beispiel: Ich wollte Medizin studieren, studierte aber Rechtswissenschaft, weil sie sich besser mit der Familienplanung vereinbaren liess.
Beunruhigt es Sie, vielleicht schon bei den nächsten Bundesratswahlen nicht wiedergewählt zu werden?
Es nützt nichts, zu überlegen, was in vier Jahren sein könnte. Was dann sein wird, werde ich annehmen. Allein seit meiner Wahl ist so viel geschehen, was niemand hätte voraussagen können und ich nie für möglich gehalten hätte.
Sind Sie schon einmal gescheitert?
Mehrmals. Zum Beispiel, als der Bündner Grossrat mein Budget zurückwies.
Wie fühlten Sie sich?
Ich ärgerte mich, es nicht geschafft zu haben, das Budget zu erklären. Ich war konsterniert. Was ich mir aber natürlich nicht anmerken liess.
Sie waren schon damals so überlegt und kontrolliert wie heute?
Nein, ich war emotionaler und meinte, ich könne mit Argumenten alles beeinflussen.
Was hat Sie gelassener gemacht?
Ein Kollege sagte mir mal, ich müsse mich «innerlich imprägnieren»; damit begann ein Lernprozess. Heute habe ich mich zu neunzig Prozent im Griff. Während der andern zehn Prozent werde ich schon mal laut, aber nie unanständig.
Nicht einmal, wenn Christoph Blochers Bruder Sie öffentlich «Wildsau» nennt?
Nein! Auf das zoologische Vokabular lasse ich mich nicht ein.
Sind Sie wirklich gelassener, oder haben Sie eine Schutzmauer gebaut?
Weder leide ich hinter einer Mauer, noch unterdrücke ich negative Gefühle. Als ich mir zum Beispiel nach der Annahme der Wahl zur Bundesrätin von der SVP anhören musste, das Parlament habe «eine Person gewählt, welche die Mehrheit im Saal nicht persönlich kennt», wühlte mich das nicht auf, da ich so was erwartet hatte. Ich fand es zwar unpassend, aber es verletzte mich nicht - nicht mehr. Ich akzeptiere, dass Menschen nun mal funktionieren, wie sie funktionieren. Ich habe gelernt, dass man über Fünfzigjährige nicht erziehen kann.
Sie denken an jemand Speziellen?
An mehrere Spezielle.
Wieso traten Sie, die offen und kompromissbereit ist, nie aus der SVP aus?
Ich denke nicht grundsätzlich anders als die SVP, ich politisiere anders als manche Mitglieder der Partei. Was ich in der kantonalen SVP auch immer konnte.
Sie dachten nie: Jetzt reicht es!
Selbstverständlich dachte ich manchmal, das darf man doch nicht: Plakate mit Messern zum Beispiel. Doch ging ich immer davon aus, das ändere sich wieder.
In der Liebe ging es ruhiger zu und her. Ihren Mann lernten Sie mit 13 kennen.
Bis ich 19 war, hatten wir uns aber wenig zu sagen. Wir fuhren bloss jeden Morgen im selben Zug in die Kantonsschule, wo wir in dieselbe Klasse gingen.
Wie wurde daraus Liebe?
An der Fasnacht rief er: «Du brauchst dich nicht verkleiden, Eveline, dich kennt man sowieso am Gang.» Ich riss meine Maske runter und sagte: «Nun kann ich nicht mehr maskiert rumlaufen! Dafür tanzt du jetzt den ganzen Abend mit mir.» So fing es an.
In der Kantonsschule, war zu lesen, hätten Sie sich über Noten unter einer Fünfeinhalb gewaltig geärgert.
Von wegen. Ich dachte einfach: Wenn ich schon hingehe, will ich auch was lernen.
Ab welcher Note ärgerten Sie sich?
Die Messlatte sank je länger, je tiefer. Eine gute Schülerin war ich aber schon. Besonders Sprachen und Mathematik lagen mir. Physik hingegen nicht. Ein Lehrer schrieb mal auf eine Prüfung «Liter ist keine Geschwindigkeit», weil ich eine Formel verwechselt hatte.
Wie reagierten Sie auf schlechte Noten Ihrer Kinder?
Solche gab es selten. Bei uns galt: Wer die Matura machen will, der tut es richtig.
Ihre Kinder waren wie Sie gute Schüler. Was aber sorgte Sie als Mutter?
Ich hatte Angst, meine Kinder könnten an Kollegen geraten, die das Leben negativ sehen. Und ich fürchtete, sie könnten unter Gruppendruck etwas tun, was sie sonst nicht täten. Ich vertraute ihnen zwar, doch hatte ich während der Mittelschule erlebt, wie eine Klassenkollegin an einer Überdosis Heroin starb.
Und wie haben Sie, die Finanzpolitikerin, die Kinder bezüglich Geld erzogen?
Wir haben sie früh gelehrt, einen Teil des Taschengelds zu sparen und nicht mehr auszugeben, als sie haben.
Dürfte Ihr jüngster Sohn ein Auto leasen?
Das liegt für ihn nicht drin. Entweder studieren oder Auto fahren. Wir zahlen aber das GA. Und er darf mein Auto nutzen.
Sie haben klare Ansichten. Wie setzen sich Ihre Kinder gegen Sie durch?
Mit überzeugenden Argumenten. Sie können gut argumentieren, manchmal besser als ich. Unsere Kinder fragten immer nach dem Wieso. Und ich sagte nie nur «nein», ich erklärte, wieso ich etwas nicht wollte.
Verhalten Sie sich als Bundesrätin mit Ihren Angestellten gleich?
Ja. Sie bringen ihre Ansichten und Argumente ein, und ich begründe meine Entscheide. Doch kippt meine Meinung selten; ich habe meistens klare Vorstellungen davon, was ich will und wie ich es will.
Auch darüber, ob der Staat Tagesschulen mitfinanzieren soll?
Ich unterstütze Blockschulen mit Mittagstisch, verstehe aber nicht, wieso dafür immer hochqualifiziertes Personal eingesetzt wird. Hausfrauen, die Kinder aufgezogen haben, sind zweifellos kompetent genug, um Mittagstische zu betreuen.
Die SVP lehnt staatliche Finanzierung ausserfamiliärer Kinderbetreuung ab.
Sollen nur Paare mit grossem Einkommen Familie und Beruf vereinbaren können? Der Staat sollte Interesse an schulisch und sozial gebildeten Kindern haben. Doch das jetzige Schulsystem bewirkt, dass eine dreifache Mutter von elf bis halb zwei Uhr mit Betreuen und Verpflegen ihrer Kinder beschäftigt ist. Mich brachte das gelegentlich an meine Grenzen.
Halfen Ihnen keine Nachbarn, Freunde und Verwandte aus?
Doch. Meine Mutter, die Schwiegermutter und zwei Freundinnen hüteten unsere Kinder - bei uns zu Hause, das ist ideal. Diese Möglichkeit haben aber nicht alle.
Ein anderes Gesellschaftsthema sind Jugendliche aus anderen Kulturen. Wie können wir sie integrieren?
Wir müssen sie frühstmöglich mit unserer Kultur bekannt machen. Je älter sie werden, desto schwieriger wird das. Kinder sollten vor Schulbeginn unsere Sprache lernen - falls nötig mit Stützunterricht.
Auf Staatskosten.
In die Bildung müssen wir investieren, sie kommt letztlich auch unserer Wirtschaft zugute. Wer Ausländer aufnimmt und sie einbürgern will, muss sie auch ausbilden, damit sie sich integrieren können.
Und wenn sich jemand nicht integriert: Welche Konsequenzen hat das für ihn?
Wer erheblich oder wiederholt gegen die öffentliche Sicherheit und Ordnung verstösst, dem kann gemäss Ausländergesetz die Verlängerung der Aufenthaltsbewilligung verweigert oder sogar die Niederlassungsbewilligung entzogen werden. Manche Kantone schliessen mit Immigranten auch Integrationsvereinbarungen ab. Darin steht, was sie bis wann tun müssen: zum Beispiel die Sprache lernen oder einen Integrationskurs besuchen. Zudem müssen sie unsere Gesetze akzeptieren, dass beispielsweise bei uns für Frau und Mann dieselben Rechte gelten. Integration fordern und fördern halte ich für den richtigen Weg.
Was tun wir mit ausländischen Jugendlichen, die kriminell werden?
Bei schweren Delikten dürfen wir sie ausschaffen - mitsamt ihren Eltern. Die Gesetze dafür bestehen, die Kantone müssen sie bloss umsetzen.
Solch schwierige Themen gehören zu Ihrem Alltag. Wie schalten Sie privat ab?
Auf einem Berg - Beine und Seele baumeln lassen. Wie diesen Juli im Engadin.
Und wohin verreisen Sie am liebsten?
Ich mag den Norden. Letztes Jahr waren wir in Schweden und Norwegen.
In Ihrem Bundeshausbüro hängt ein Bild von Alois Carigiet namens «Harlekin», an dem Sie die Melancholie mögen. Neigen Sie zu Melancholie?
In einem schönen Konzert oder auf einem Berg sinniere ich gerne über mein Leben - und denke jeweils: Ich habe unheimlich viel Glück gehabt.
Kann man Glück erzwingen?
Nein. Aber man kann dazu beitragen, dass es nicht an einem vorbeigeht.