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RedeVeröffentlicht am 22. Mai 2025

100 Jahre Jean Tinguely

Basel, 22.05.2025 — Rede von Bundesrat Beat Jans

Es gilt das gesprochene Wort.

Sehr geehrter Herr Regierungspräsident
Meine Damen und Herren

Es ist ein grosser Apparat: Ein grosses Räderwerk, das sich langsam dreht. Es quietscht, knirscht, pfeift und rattert. Nicht präzise, nicht effizient, scheinbar sinnlos. Manchmal absurd, manchmal verspielt. Und doch: eine fast schon poetische Mechanik.

Bundesbern ist wirklich faszinierend!

Herzlichen Dank für die Einladung, die mich aus meiner zweiten Heimat nachhause führt, um einen der grössten und eigensinnigsten Künstler zu ehren, den unser Land je hatte. Jean Tinguely war in vielerlei Hinsicht auch ein ausgesprochen schweizerischer Künstler.

Sie fragen sich vielleicht, was mich als Redner qualifiziert, denn einen Schnauz habe ich nie getragen, aber: Ich wurde für einen Freiburger in den Bundesrat gewählt, der übrigens auch Freude an Jeannot hatte.

Wie schweizerisch Tinguely war, zeigt sich schon nur daran, dass ihn zwei Kantone für sich reklamieren. Und beide zurecht. In ihm steckte aus beiden kleinen Welten etwas. Moitié-Moitié. Geboren in Freiburg, gelebt in Basel, gewirkt in der Welt. Tinguely war ein überzeugter Internationalist mit starken Wurzeln. Als solcher war und ist er ein Brückenbauer. Zwischen Romandie und Deutschschweiz, zwischen der Schweiz und der Welt, zwischen Kunst und Publikum. Auch wenn Brücken ihm wohl zu statisch gewesen wären. «Es bewegt sich alles, Stillstand gibt es nicht», das war sein Credo.

Tinguely war ein Grenzgänger, im übertragenen Sinn. Er hat die Welt nie so genommen, wie sie war – sondern sie hinterfragt, demontiert, verdreht und neu zusammengesetzt. Tinguely hat aus Vielfalt und Einzelstücken ein neues Ganzes geschaffen. Scheinbar Fremdes integriert, kreativ und erfolgreich. Ein Bastler im besten Sinn. Das Tüfteln, das ständige Verbessern – auch das ist typisch schweizerisch. Genau wie Fleiss: Tinguely war ein ausgesprochen produktiver Künstler.

Produktivität war aber auch etwas, das er hinterfragt hat. Dass seine Maschinen oft dürftig funktionieren, ist kein Scheitern, sondern stellt die Sinnfrage. Es ist Kritik an der Nutzungslogik und an einer Welt, die blind auf Wachstum um jeden Preis setzt.

Sie fragen sich jetzt: Ist das schweizerisch? Ist Rebellion eine Schweizer Tugend? Nennen wir es Skepsis. Dann passt es. Auch wir hinterfragen gern, wägen ab, machen nicht jeden Trend mit. Auch wir sind eigensinnig und mitunter widersprüchlich.

Hundert Jahre alt wäre Tinguely heute geworden. Er und sein Schaffen zeigen uns noch heute, wie die Schweiz und die Welt sein könnten – oder sollten.

Ob ich einen Bezug zu Tinguely habe, wurde ich gefragt. Zuerst habe ich überlegt und viel zu weit gesucht. Natürlich habe ich einen Bezug zu Tinguely. Fast jedes Kind, gerade in Basel, hat einen Bezug zu ihm. Zum Tinguely-Brunnen, der eigentlich anders heisst. Ich weiss noch, wie ich als Kind vor seinen Anti-Maschinen gestanden bin und wie ich Jahre später beglückt meine Kinder beobachtet habe: Sie haben genauso erwartungsvoll auf den Knopf gedrückt, um die Werke zum Laufen zu bringen. Wieder und wieder, fasziniert und gebannt.

Seine Kunst ist für alle zugänglich, bringt Jung und Alt zusammen. Seine Kunst verlangt kein Expertenwissen, nur Offenheit. Sie will nicht nur betrachtet, sondern gespürt, erlebt werden. Sie ist auch physisch zugänglich. Hier im wunderbaren Tinguely-Museum und vielerorts im öffentlichen Raum. Man kann sie zusammen erleben, Zusammenhänge erkennen, über den Sinn sinnieren. Was man sieht, ist dabei auch eine Frage des Standpunkts.

Das macht seine Kunst volksnah, demokratisch. Auch unsere Demokratie lebt davon, dass sich alle mit ihrer unterschiedlichen Sicht auf die Dinge einbringen können. Dass alle Zugang haben. Auch unsere Demokratie lebt von der Vielfalt der Perspektiven. Sie braucht Offenheit und Empathie.

Meine Damen und Herren

Tinguely zeigt uns, dass nicht alles, was laut ist, auch kraftvoll ist. Dass nicht alles, was sich schnell bewegt, uns voranbringt. Dass Räder, die isoliert für sich allein drehen, nichts bewegen. «Ich habe immer versucht, mit anderen zusammenzuarbeiten, schon nur um über mich selber hinwegzukommen», sagte Tinguely über die Zusammenarbeit mit Künstlerinnen und Künstlern wie Niki de Saint Phalle und vielen anderen.

Auch das macht ihn schweizerisch. Denn so ist es auch mit unserer Demokratie: Nicht im Alleingang gelingt sie, sondern im Zusammenspiel, im Dialog, im Austausch. «Weil manchmal ist man wie eingeklemmt in sich selber», fügte Tinguely an. Ein wunderbarer Satz, den ich mit Blick auf das Europa-Dossier einfach mal so stehenlasse.

Liebe Geburtstagsgäste

Eigenwillig, aber auch offen und vernetzt. Verwurzelt und gleichzeitig der Welt zugewandt. Skeptisch gegenüber Neuem, aber doch neugierig und innovativ. Das alles war Tinguely. Sein Werk rattert, ruckelt, stottert und rüttelt bis heute – auch an unseren Vorstellungen von Kunst und der Welt.

Unsinnig vielleicht, aber ganz sicher nicht sinnlos.

Seine Werke sind beweglich und halten uns in Bewegung. In einer Welt, die auch rüttelt und ruckelt, ist das umso wichtiger: Eine gesunde Skepsis, Offenheit und Zugänglichkeit, das Vertrauen ins Unvollkommene, den Mut zum Gemeinsamen und zum Humor.

In diesem Sinn: Ein Hoch auf Jeannot Tinguely!