"Und ich sage nun: Stopp, so einfach ist es nicht"
reformiert, Rita Jost und Matthias Herren
reformiert: "Die Justizministerin über das Leben, das Sterben, den Tod - und über die Pflichten von Sterbehilfeorganisationen."
Frau Widmer-Schlumpf, dürfen wir mit einer ganz persönlichen Frage beginnen?
Ja.
Was macht für Sie das Leben lebenswert?
(denkt lange nach) Dies zu beantworten ist nicht ganz einfach. Lebenswert ist das Leben, wenn ich mich wohl fühle, wenn ich verstanden werde und wenn ich am Ende des Lebens sagen kann: Es war gut, dass ich gelebt und wie ich gelebt habe.
Und wenn Sie das einmal nicht mehr sagen können?
Solche Situationen kann es immer wieder geben. Im Leben vieler Menschen gibt es Momente, wo man sich fragt: Wofür lebe ich? Ist das, was ich tue, sinnvoll? Diese Fragen habe ich mir auch schon gestellt.
Es gibt schwerkranke Menschen, für die die Antwort auf diese Fragen ist: Es reicht, ich mag nicht mehr. Wie beurteilen Sie diese Haltung?
Beurteilen kann ich das aus der Distanz nicht. Das wäre anmassend. Für mich ist es aus heutiger Optik keine Option, dem Leben selbst ein Ende zu setzen. Was aber einmal sein wird, kann ich nicht sagen. Ich werte darum die Handlungen anderer auch nicht. Ich bin zutiefst überzeugt, dass Menschen in solchen Situation richtig entscheiden.
Nun bieten Sterbehilfeorganisationen solchen Menschen an, ihnen beim Suizid zu helfen. Finden Sie das richtig?
Wenn diese Organisationen Menschen in einer schwierigen Situation helfen, einigermassen würdevoll zu sterben, dann verurteile ich es nicht. Ich verurteile hingegen, wenn man Sterbewilligen keine Alternativen mehr aufzeigt.
Ist denn das bei einem Todkranken nötig?
Was hinter einem Sterbewunsch steht, ist nicht immer klar: Ist es Vereinsamung, soziale oder gar finanzielle Not? Hier müssten Sterbehilfeorganisationen nicht nur das Todesmittel überreichen, sondern auch beratend wirken. Es darf nicht sein, dass jemand zu einer Sterbehilfeorganisation geht und 24 Stunden später ist er tot. Das ist unethisch.
Deshalb haben Sie das Thema wieder in den Bundesrat gebracht?
Ja. Ich bin sehr erschrocken, als ich feststellte, dass durch die Verwendung von Helium bei einem Sterbewilligen die medizinische Beurteilung durch einen Arzt nicht mehr sichergestellt ist: Helium ist nicht rezeptpflichtig. So können wir mit dem Leben nicht umgehen! Sterbehilfeorganisationen darf es nicht ums schnelle Geld gehen. Darum verlange ich, dass sie ihre Finanzen offenlegen müssen.
Und ein grundsätzliches Verbot der organisierten Suizidbeihilfe: Kommt das für Sie in Frage?
Nein. Ich denke, dass auch der Tod in die Eigenverantwortung jedes Einzelnen gehört. Ich respektiere, wenn ein Mensch nicht mehr leben will – sofern er das aus seinem tiefsten Bedürfnis hinaus als seinen Weg anschaut und für ihn keine Alternativen mehr in Frage kommen.
Den Satz "Das Leben ist ein unantastbares Geschenk Gottes" würden Sie also nicht unterschreiben?
Dass das Leben ein Geschenk Gottes ist, unterschreibe ich sehr wohl. Aber wie man mit diesem Geschenk umgehen soll, das kann der Staat nicht regeln.
Jetzt argumentieren Sie als die Justizministerin. Kommen sich in dieser Frage die Juristin, die Christin oder die Privatfrau Eveline Widmer-Schlumpf ab und zu ins Gehege?
Das ist klar. Ich kann ja persönliche Erfahrungen aus dem eigenen Leben nicht einfach ausblenden. Wenn ich nur als Juristin entscheiden könnte, wäre es einfach. Nach Artikel 115 des Strafgesetzbuches kann ich sauber und nachvollziehbar begründen: Sterbehilfe ist nicht strafbar, wenn sie uneigennützig geschieht. Das war ja bisher auch die Haltung. Man hat gesagt: rechtlich ist es klar. Und ich sage nun: Stopp – so einfach ist es nicht.
Sie haben nun die politische Diskussion wieder angekurbelt – wie bilden Sie persönlich sich Ihre Meinung?
Ich diskutiere zum Beispiel mit Ärzten, Ethikern, Juristen, Vertretern von Sterbehilfeorganisationen und Kirchenvertretern, katholischen und reformierten. Dabei zeigte sich, dass Christen zum Teil ganz unterschiedlicher Ansicht sind.
Und Ihre persönliche Haltung?
Ich glaube nicht, dass es unchristlich ist, wenn ein Mensch sein Leben beenden will, weil er es nicht mehr schafft.
Sie diskutieren über Suizidhilfe quasi von Amtes wegen. Aber findet dieser Diskurs auch in der breiten Öffentlichkeit statt?
Übers Sterben sprechen ist für die meisten ganz schwierig. Die Frage hat keinen Platz in unserem schnelllebigen Alltag. Wenn man sich aber ehrlich mit seinem Sterben auseinandersetzt, dann merkt man, wie schwierig es ist, hier etwas mit Paragrafen zu regeln. Ich staune immer wieder, wie unbefangen Kinder vom Tod sprechen können. Mit einer meiner Töchter habe ich über Jahre immer wieder solche Gespräche geführt. Aber schneiden Sie mal in einer Erwachsenenrunde das Thema Sterben an – dann zucken alle augenblicklich zusammen.
Die Diskussion könnte ja auch in der Kirche stattfinden. Welche Haltung erwarten Sie von Kirchenvertretern?
Dass sie nicht verurteilen und mit Abstrafung drohen. Es ist klar: Wenn sich jemand das Leben nimmt, ist das für seine Umgebung sehr tragisch. Aber es bringt nichts, wenn dann die Kirche noch Schuldzuweisungen macht. Das heisst nicht, dass wir als Gesellschaft und als Kirche nicht alles unternehmen müssen, damit es nicht soweit kommt, dass Menschen aus dem Leben gehen wollen.
Sie haben die Sterbehilfediskussion wieder in den Bundesrat gebracht – wie haben eigentlich Ihre Kollegen reagiert?
Sehr offen. Wir haben intensiv über ethische und existentielle Fragen diskutiert.
War das ein Wagnis?
Ich ging mit gemischten Gefühlen in den Bundesrat, weil ich seine frühere Haltung kannte. Aber meine Bedenken erwiesen sich als unbegründet.
Auch die Sterbehilfeorganisationen reagierten erfreut auf die Ankündigung, die Sache wieder anzugehen. Erstaunt Sie das nicht?
Ja, und ich hoffe, dass die Reaktionen auch noch positiv sind, wenn wir konkrete Vorschläge unterbreiten.
Momentan gehen von rund 1800 Suiziden jährlich rund 350 bis 400 auf das Konto der beiden grossen Sterbehilfeorganisationen. Geht diese Zahl mit einer neuen Regelung zurück?
Wenn sie nicht weiter anstiege, wäre ich schon zufrieden. In den letzten fünf Jahren ist die Zahl der Suizide, die durch Selbsthilfeorganisationen ermöglicht wurden, ständig gestiegen. Diese Entwicklung macht mich sehr nachdenklich.