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Veröffentlicht am 3. Mai 2003

Was, wenn Sie im Rollstuhl wären, Frau Metzler?

Blick, Christian Dorer

Bundesrätin Ruth Metzler wurde am Blick-Telefon hart kritisiert, weil sie gegen die Behinderteninitiative kämpft. Immer wieder musste sie erklären, dass sie keineswegs gegen die Behinderten sei. Sondern dass in ihren Augen das neue Behindertengleichstellungsgesetz besser geeignet sei als die Initiative, die Missstände zu beheben.

Ruth Narr (76), Schaffhausen: Was, wenn Sie im Rollstuhl sitzen würden, Frau Metzler?
Vor über zehn Jahren war ich bei einem Unfall dabei, bei dem eine Kollegin schwer verletzt wurde. Sie ist seither querschnittgelähmt. Ich habe miterlebt, was es heisst, behindert zu sein. Ich war früher zudem im Vorstand eines Wohnheims und einer Werkstätte für Behinderte und kenne die Situation von Behinderten noch aus dieser anderen Sicht. Aber man kann sich natürlich nicht in die Situation eines behinderten Menschen versetzen. Es ist völlig unbestritten, dass heute grosser Handlungsbedarf besteht. Doch welches ist der beste Weg? Ich bin für das Behindertengleichstellungsgesetz und gegen die Initiative.

Peter Wehrli (52), Zürich: Ich bin masslos enttäuscht von Ihnen. Wie können Sie nur die Interessen der privilegiertesten Menschen im Land gegen die Interessen der schwächsten vertreten?
Es ist keine Abstimmung für oder gegen die Behinderten! Ich bin sehr enttäuscht, wie Sie mich persönlich angreifen und diffamieren. Es gibt Menschen, die meinen, man müsse unbesehen alle Forderungen der Behinderten übernehmen. Ich habe mich für das Behindertengleichstellungsgesetz engagiert - und Sie werfen mir vor, ich sei gegen die Behinderten. Das verletzt mich.

Felix Hunziker (51), Zürich: Was bringt die Initiative für die berufliche Eingliederung?
Die Initiative weckt falsche Hoffnungen. Denn es steht kein Wort davon drin. Das Gesetz hingegen verlangt von Gebäuden mit mehr als 50 Arbeitsplätzen einen behindertengerechten Zugang. Es ermöglicht sogar, dass der Bundesrat Pilotversuche zur Integration Behinderter ins Erwerbsleben durchführen oder unterstützen kann.

Theo Christen (68), Stansstad NW: Warum kostet Ihnen für die armen Menschen im Rollstuhl immer alles zu viel?
Es darf kein Tabu sein, über Kosten zu sprechen. Es gibt in der Schweiz auch viele arme Menschen - Alte, Kranke, Alleinerziehende -, und bei allen stellt sich die Frage: wieviel kann der Staat für sie tun? Was ist verhältnismässig? Und vergessen Sie nicht: Es geht nicht nur um Menschen im Rollstuhl, es gibt viele weitere Arten von Behinderungen, zum Beispiel Blinde, Hörbehinderte, geistig Behinderte.

Trudi Reding (82), Zürich: Die Schweiz ist das rückständigste Land in Europa.
Mit dem neuen Gesetz stehen wir im internationalen Vergleich sehr gut da. Es gibt viel zu tun, packen wirs an.

Jolanda Bürgin (49), Tobel TG: Es käme doch nicht so teuer, wenn man alle Bauten mit einfachen Mitteln behindertengerecht umgestalten würde.
Niemand weiss, welche Kosten die Initiative auslösen würde. Schätzungen sind nicht seriös, weil ein Richter über jeden einzelnen Fall entscheiden müsste. Leider wird auch heute noch oft gedankenlos gebaut. Das Behindertengleichstellungsgesetz wird dies ändern.

Brigitte Lengweiler: Was würde mit der Volksinitiative im Schulbereich für Behinderte ändern?
Die Volksinitiative bringt nichts Konkretes dazu. Mich stört gewaltig, dass die Befürworter da falsche Hoffnungen wecken, dass behinderte Kinder in die Regelschule integriert werden müssten. Aufgrund des Behindertengleichstellungsgesetzes hingegen haben die Kantone dafür zu sorgen, dass Behinderte eine Grundschulung erhalten, die ihren besonderen Bedürfnissen angepasst ist.